Mondbild:
Auswahlsendung statt Motiv

Komplexe Motive mit vielen Elementen bedürfen einer sorgfältigen Komposition. Der Trick für wirksame Bilder heisst indes “Reduktion”.

Kommentar des Fotografen:

Das Foto ist um die Mittagszeit entstanden. An diesem strahlendem Sonnenscheintag heute hat mich der Anblick des Mondes fasziniert insbesondere dessen deutliche Sichtbarkeit. Dem gegenüber steht die gewählte Kompositon. Alles scheint den Mond zu ignorieren. Der Weg, das Flugzeug, nur die Bäume sind ihm etwas zugeneigt.

Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Christian Gruber:

Eine unspektakuläre Frühlingslandschaft, bestehend aus einem Asphaltweg, der sich von links vorne in den nur am unten Bildrand sichtbaren Horizont durch knallgrüne Wiesen mit einigen silhouettenartigen, noch laublosen Bäumen ins eines Himmelblau hineinschlängelt. In diesem mit einem leichten Verlauf das Bilddominierenden Blau verläuft der Kondensstreifen eines Flugzeugs von links unten diagonal nach rechts oben, darüber steht die Sichel des Mondes am hellichten Tag.

Dein Bildkommentar liefert eigentlich gleich die Ursache dafür, dass die Fotografie nicht so funktioniert, wie Du Dir das vorgestellt hast:

Die Elemente sind alle vorhanden, und sie stehen auch in der Konstellation zueinander, die Du beschreibst. Das ist grundsätzlich eine interessante Beobachtung: Der Mond ist mitten am Tag sichtbar, aber alles scheint ihn zu ignorieren, selbst der zweite Himmelskörper, ein Flugzeug, zieht in einer unbeirrten Graden an ihm vorbei. Nach der Lektüre Deines Kommentars wird auch diese Bildausage wirksam. Dabei war Dir ursprünglich nur der Mond und seine Sichtbarkeit überhaupt aufgefallen.

Aber darin liegt das Problem, denn ohne die Beschreibung muss sich die Betrachterin der Aufnahme die komplexere Bildabsicht aus zu vielen Elementen zusammenreimen. Die eine oder der andere kommt dabei wahrscheinlich zu den gleichen Schlüssen wie Du. Die Mehrheit aber bleibt etwas ratlos angesichts der vielen Elemente, von denen keines eindeutiges Hauptmotiv ist.

(Es liegt mir fern, hier gegen komplexe Kompositionen oder Bilder zu argumentieren, die dem Betrachter einen Spielraum für eine eigene Interpretation lassen. Ich experimentiere selber beispielsweise gerne mit Spiegelbildern – im Wasser oder in Schaufenstern oder ähnlichem -, wobei der Reiz des Bildes eben grade in der Verwirrung der vermischten Ebenen und der Vielzahl der zu entdeckenden Details liegt.)

Hier aber wird wie gesagt aus Deinem Kommentar deutlich, was Du eigentlich wolltest, und das Bild lässt mich vermuten, dass Du Dich von Deinem Ziel hast ablenken lassen.

Der Mond ist sichtbar, am heiterhellen Tag: Das hat Dich fasziniert, aber am Ende hast Du ein Bild mit einer anderen Aussage gemacht. Nach der ersten Entdeckung hast Du Dich von der Komplexität der Szene ablenken lassen: Die Wiese und der Weg ergeben einen fast klassischen Vordergrund/eine Bodenebene; das Flugzeug ergänzt den vermeintlich stillstehenden Mond am Himmel, und die noch immer kahlen Bäume recken die Äste in den Himmel. Dazu kommen dann noch zwei Telefonmasten, denen man in einer ausführlichen Bildinterpretation weitere Bedeutungsebenen zudichten kann.

Das alles ist nicht uninteressant oder langweilig, aber es ist zu viel für ein wirksames Bild. Weil es keine wirkliche Gewichtung durch Dich, den Fotografen gibt, kriege ich als Betrachter eine Auswahlsendung, welche es mir überlässt, das Bild wirkungsvoll zu deuten oder langweilig zu finden. Die Kunst bestünde darin, das Bild so zu komponieren, dass mit den gleichen (oder etwas weniger) Elementen Dein Gefühl – alle ignorieren den Mond – unaufdringlich, aber eindeutig transportiert würde.

Der schwierige Weg dahin führt über eine wohlbedachte Komposition der vorliegenden Elemente mit einem eindeutigen Vordergrund (dem Baum rechts, zum Beispiel) und vielleicht sogar Vordergrund-Unschärfe. Du hättest Beispielsweise nahe an den Baum rechts herangehen, den Mond in den Fokus nehmen und den Weg und die andern Bäume inklusive Flugzeug zu den leicht unscharfen Ignoranten machen können, die Du in ihnen gesehen hast.

Der einfachere Weg wäre der über die Reduktion. Sie erweist sich in vielen Fällen als gutes Hilfsmittel, um sich in die Feinheiten eines Genres einzuarbeiten: Die Bildidee ist das, was Dir als erstes aufgefallen ist (der Mond am taghellen Himmel). Als “Anfänger” mache ich nach dieser logischen Folge jeweils einen weiteren Willensakt: Ich nehme einen Schritt Abstand und versuche, das bereits halb komponierte Bild wieder auf den ursprünglichen Ankerpunkt zu reduzieren, und dann suche ich nach diesem Bildausschnitt in der Szenerie.

Hier hätte das aus der Vereinfachung des Bildinhalts auf Mond, Flugzeug und vielleicht das Geäst eines der Bäume, durch das Du durchfotografierst, ergeben können. Gleichzeitig hätte ich mich technisch und mit der Brennweite voll auf den Mond konzentriert (Stativ, längste Brennweite, mittlere Blende und durchaus Unschärfe im Vordergrund).

Es gibt keine Garantie, dass man auf diesem Weg zum Bild kommt, das man ganz am Anfang des Prozesses “gefühlt” hat. Aber in einer Mehrzahl der Fälle kommt dabei etwas heraus, was auf Betrachter sehr viel stärker wirkt als eine komplexe Komposition, die an einem Mangel an Gewichtung krankt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Kommentare

  1. Christian Gruber
    schrieb am 21. April 2010 um 05:37 Uhr (#)

    Erstmal danke zu der doch sehr umfangreichen Kritik. Viele Punkte kann ich nachvollziehen und sind sicher richtig.
    In der Realtität hat mich der Moon den ganzen Tag “verfolgt”. Und nachdem ich seit einiger Zeit hier Kritiken lese, hab ich bewusst Ebenen gesucht, die dem Mond zum Bild helfen. Darunter hat der Mond sicher zuviel gelitten. Andererseits hatte ich auch einige Hochformataufnahmen mit von oben nach unten Mond – Flugzeug – Baum – etwas Straße, wo weniger auch nicht mehr bot. Zum Flugzeug sei noch gesagt, das dessen Geschwindigkeit ein nicht zu unterschätzender Faktor ist. Zum Durchfliegen der Bilddiagonale im eingereichten Bild waren ca. 100 Sekunden notwendig (hochgerechnet aus Aufnahmezeit zweier ähnlicher Bilder im Abstand von 8 Sekunden aufgenommen).

    Was ich auch lange überlegt habe, war das Bild nachzubearbeiten und zu verzerren, das einzelne Bäume noch mehr vom Mond wegzeigen. Das eingesendete ist nur leicht manipuliert.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
      schrieb am 21. April 2010 um 11:25 Uhr (#)

      Christian, den Tempo-Faktor des Flugzeugs wollte ich auch noch ansprechen, aber dann hat mir der Platz gefehlt (…).

  2. Swonkie
    schrieb am 21. April 2010 um 16:07 Uhr (#)

    mit bildbeschreibungen wo gewisse dinge andere dinge “ignorieren” oder ihnen “zugeneigt” sind (nicht im physischen sinne), kann ich überhaupt nichts anfangen. das klingt für mich irgendwie abgehoben / esoterisch und hat nichts mit dem tatsächlichen bildinhalt oder dem was der betrachter nachvollziehen kann zu tun. mein tipp wäre auf dem boden zu bleiben und mal ganz einfach bei äshtetischen kriterien anzufangen.

    nebenbei: den mond am tag habe ich bestimmt schon hunderte mal gesehen und finde ihn etwa so spannend wie die sonne.

    1. Christian Gruber
      schrieb am 21. April 2010 um 21:22 Uhr (#)

      Das das Bild nicht das hält, was die Bildbeschreibung angibt stimmt. Mein Kommentar spiegelt den Grund für die Motivation und Auswahl des Bildes zur Kritik. Um zu lernen warum aus der Idee kein vernünftiges Foto wurde. Abgehoben oder esoterisch finde ich daran nichts
      Mond irgendwann am Tag kennt jeder, jedoch beinahe zur Mittagszeit (genau um 13.58 Uhr Winterzeit CET) an einem stahlenden wolkenlosen Tag ist er mir so noch nicht aufgefallen. Klar, sieht man auch nicht im Bild. Die mit den Augen gesehene Klarheit kommt auch zuwenig hervor.
      Der vollständigkeit halber noch Ort: 48.0308°N, 14.4842°E, am 24.03.2010 und spätestens jetzt wird klar, das Bild ist gespiegelt

    2. Schtonk!
      schrieb am 27. April 2010 um 11:03 Uhr (#)

      Gespiegelt?

      Das heißt, das Flugzeug fliegt rückwärts?

      Und es ist erst 10 Uhr Winterzeit?

      Und der Pilot fliegt mit links und hat rechtsdrehende Milchsäurebaktieren verspeist, ohne zu erkranken?

      Gruslig…

  3. Christian Gruber
    schrieb am 27. April 2010 um 16:55 Uhr (#)

    Gespiegelt?

    War eigentlich als Erklärung für diejenigen gedacht, die sich irgendwann die Aufnahmesituation mittels z.B. “The Photographers Ephemeris” oder ähnlichem ansehen möchten. Dort ist der Weg dann leichter zu erkennen.
    Das mit den Milchsäurebakterien muss ich erst nachprüfen, ich melde mich sowie ich etwas genaueres erfahre :-).

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