Elend in Vancouver:
Strassenfotografie
ist nicht gleich Schnappschuss

Gute Straßenfotos wirken einfach und spontan, auch wenn manchmal viel Planung und Beobachtung in ihnen steckt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Urs Mücke).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Urs Mücke).

Kommentar des Fotografen:

Das Foto “Elend” ist als Schnappschuss im Canadaurlaub (Vancouver) entstanden. Ich habe bewusst die heranfahrende Limousine abgewartet, um den Kontrast zwischen den beteiligten Personen noch zu verstärken. Der herabblickende Passant und das Zusammenspiel der Personen machen den Reiz dieser Aufnahme aus. Aufgenommen wurde das Bild mit der kleinen Panasonic Lumix DMC-FX01. Anschließende Bearbeitung (Vignettierung und SW)

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Urs Mücke:

In seinem Gespräch mit Bill Jay, “On Being a Photographer” (erschienen auf Englisch bei lenswork.com), spricht Magnummitglied David Hurn die Planung von Fotoessays an. Er vertritt dort die Meinung, daß ein gutes Fotoessay, wie auch ein gutes Foto an sich, Planung verraten läßt.

Was in Straßenfotografie gerne spontan wirkt, ist in Wirklichkeit auf eine intime Kenntnis der Örtlichkeiten und ihrer Bewohner zurückzuführen. Und auf Warten – Warten auf die pefekte Situation, die dann vom Fotografierten unbemerkt eingefangen werden kann, weil der Fotograf mit seiner Umgebung verschmolzen ist. Das ist im Urlaub selten möglich.

Viele bekannte Straßenfotografen fotografier(t)en so – Henri Cartier-Bresson, Helen Levitt, und auch Steve McCurry, der das afghanische Mädchen Sharbat Ghula fotografierte (und eigentlich kein Straßenfotograf in dem Sinne ist; sein zuletzt erschienenes Buch trägt aber sinnigerweise den Titel “The Unguarded Moment” oder “Der unbefangene Augenblick”).

Planen heißt nicht, daß man nicht spontan auf seine Umgebung reagieren sollte – es heißt lediglich, daß man sich vorher Gedanken macht, was sich für Aufnahmen bieten werden.

Dein Schnappschuß ist insgesamt ein guter Ansatz, aber für mich nicht ganz das, was Straßenfotografie ausmacht. Du wolltest das Elend des Mannes auf dem Bürgersteig aufnehmen, aber so, wie es fotografiert ist, ist Dein Hauptgegenstand die Limousine, der Mann bildet Teil des Vordergrundes.

Das wäre kein Problem, wenn nicht so viele ablenkende Dinge in diesem Foto vorhanden wären. Es wird nicht klar, was Du eigentlich zeigen wolltest, und so ist es irgendwo eine typische amerikanische Stadtszene. Ich hatte auch das Gefühl, daß Du Dich nicht ganz zwischen der Limousine und dem Passanten entscheiden konntest – also hast Du beide mit ins Bild genommen.

Beschnittvariante

Beschnittvariante

Beschnittvariante

Beschnittvariante

Es ist zuviel los in diesem Foto, um das Elend, das Du doch einfangen wolltest, effektiv in Szene zu setzen. Ich habe etwas mit den Ausschnitten gespielt, aber keiner spiegelt so recht das wieder, was Du zeigen wolltest.

Besser wäre es gewesen, den Mann im Vordergrund etwa größer im Bild zu haben. Etwa, direkt hinter ihm zu stehen, so daß seine Perspektive direkt ins Bild kommt. Das hätte aus einem Schnappschuß ein wirklich bewegendes Foto gemacht.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Tolles Bild! Mir ist im ersten Moment nicht die Limousine aufgefallen sondern der Blick des Passanten. Ich finde diesen viel wichtiger als die Limousine. Deswegen wäre meine Wahl auf die 1. Beschnittvariante gefallen
    Aber wenn man so ein Thema thematisiert (bezogen auf Vancouver) sollte man auch ein paar Hintergrundinformationen einbauen. Dieser Beitrag ist da sehr passend: http://www.youtube.com/watch?v=A-kcXvA-5f8
    Ich war selber in Vancouver und mich haben die Disparitäten ziemlich geschockt. Vancouver gilt ja eigentlich als eine Städte mit der höchsten Lebensqualität.

  2. Setzte den Kopf der liegenden “Elend” Person in den unteren drittelraster (Goldener Schnitt und so) und schneide die rechten 2 Personen weg. Du bekommst eine leichte Hochformataufnahme die den Straßenzug bietet und das Auge beginnt beim Elend und der Betrachter schaut wo das ist.

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