Konzeptionelles Porträt in High Key:
Widerspruch Motiv vs Aussage

Bei Konzept-Fotos kommt es besonders darauf an, daß die Art der Aufnahme ihre Aussage unterstützt. Es reicht nicht aus, mittels Nachbearbeitung aus dem Foto „etwas zu machen“ und die Interpretation dann anderen zu überlassen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Henning Werner).

Kommentar des Fotografen:

Thyon2000!

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Henning Werner:

Auf der Kapuze des jungen Mannes steht „When will it all end?“ (zu Deutsch, „Wann wird das alles enden?“), er hat seine Augen geschlossen. Man sieht seinen Atem, der sich hell von den dunklen Bergen abhebt.

Das Foto ist sehr kontrastreich und in Sepiatönen gehalten. Man könnte hier Verzweiflung hineindeuten, oder einen Augenblick der Besinnung. Vielleicht vor dem Absprung?

Dazu paßt allerdings die Tatsache nicht, daß es überbelichtet wirkt, und der Himmel dadurch vollkommen weggebrannt ist. Ich hätte eher ein düsteres Foto erwartet, wenn diese Stimmung gewollt war.

Wenn man sich die Aufnahmedaten ansieht, merkt man sofort, warum: eine extrem kleine Blende bei 1/60s Verschlußzeit und ISO 400. Ich hätte hier eher eine große Blende, schnellere Verschlußzeit und ISO 100 oder 200 genommen, und/oder nur des Hintergrundes wegen noch eine dunklere Aufnahme gemacht, um dann beide hinterher zusammenzulegen.

Ein Blick auf die Exifdaten des Fotos sagt mir, daß es außerdem ordentlich beschnitten worden sein muß (wird auch durch die Proportionierung deutlich), so daß es jetzt fast quadratisch ist. Dadurch ist das Gesicht des jungen Mannes etwas zu sehr in der Mitte, aber man kann hier meines Erachtens argumentieren.

Was mich, wie oben angesprochen, mehr stört, ist, daß Aufnahme und Aussage nicht zusammenpassen. Es wirkt irgendwie, als hättest Du nachträglich aus einem Urlaubsschnappschuß „etwas gemacht“, als wäre ein Gedanke nicht zuende gedacht worden. Die Tatsache, daß nur Thyon 2000 (ein Skiort in Frankreich) darunter stand, hat mich in dem Schluß bestärkt.

Am Anfang meiner Fotobegeisterung hat mich mal jemand gefragt, was ein bestimmtes Foto „bedeuten würde“. Ich hatte keine Antwort darauf, sondern konnte nur sagen, das würde ich dem Betrachter überlassen.

Mittlerweile weiß ich, das allein genügt für ein gutes Foto nicht – es muß durch Art der Aufnahme, durch die Nachbearbeitung irgendwie der Geist, die Seele des Fotografen sichtbar sein.

Auch wenn wir es uns nicht bewußt sind, was ein bestimmtes Foto „bedeutet“, schwingt es bei guten Fotos mit – deswegen fühlen sich andere zu ihnen hingezogen.

Fehlt das, ist es eben nur ein Schnappschuß.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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