Michael Schmidt:
Grau als Farbe

Schwarzweiß, das ist für Michael Schmidt das Spektrum zwischen dem dunkelsten und dem hellsten Grau. Grau ist für ihn so gesehen Farbe und Programm.

Seit 1965 fotografiert Michael Schmidt analog und in Schwarzweiß, mit einem ungewöhnlich breiten Spektrum an Grautönen. Im Münchner Haus der Kunst ist jetzt eine Übersicht über dieses große Werk zu sehen.

Den Bildern von Michael Schmidt fehlt jede oberflächliche Attraktion; sie sind ohne Ereignis, denkbar weit vom fotografischen Konzept des “entscheidenden Moments” entfernt, sie sind weder plakativ noch erzählerisch, so schreibt das Haus der Kunst.

Seit Jahrzehnten verzichtet Michael Schmidt auf Kompositionsmuster, die sich für das herausragende Einzelbild bewährt haben. Er bevorzugt die Serie, deren künstlerische Aussage sich nicht im Einzelbild erschöpft, sondern bei der ein Bild auf andere hinweist. Für jede dieser Serien sucht Michael Schmidt eine neue Art von Zugang, die dem jeweiligen Thema angemessen scheint. Dazu gehört für ihn auch das jeweilige Künstlerbuch, das die Veröffentlichung einer Serie begleitet.

Mit seinem ungewöhnlich sorgfältigen Produktionsprozess sei Michael Schmidt in den letzten Jahren zum Vorbild für eine jüngere Generation von Fotografen geworden. Stilbildend gar, weswegen das Haus der Kunst ihn in eine Reihe stellt mit Bernd und Hilla Becher, Robert Adams, Lee Friedlander oder William Eggleston. Andreas Gursky ist ein Schüler von ihm.

Bis in die Neunzigerjahre fotografierte Michael Schmidt vor allem in der Stadt, in der er 1945 geboren wurde: Berlin. Die Mauer, die das Leben in dieser Stadt prägte und sie teilte, wurde 1987 mit seiner Serie “Waffenruhe” zum zentralen Thema. Seither hat Michael Schmidt seinen Radius ausgeweitet: Für die Serie “Frauen” fotografierte er in Hannover, dann entstand auf Reisen durch die deutsche Provinz die Serie “Irgendwo”. Die neuesten Werke in der Ausstellung zeigen Sichten auf das Meer.

Menschenbilder und Stadtlandschaften sind die beiden beherrschenden Themen Schmidts. In den Siebzigern entstand zum Beispiel eine Serie von Doppelporträts, die den Menschen jeweils in seinem beruflichen und seinem privaten Umfeld zeigen. Dieses Gestaltungsprinzip von ähnlichen Situationen suggeriert ein genormtes Verhalten: Zu Bürozeiten sitzt der Porträtierte hinter seinem Schreibtisch, und abends auf der Couch seines Wohnzimmers. Vom Punk, Rocker, über den Systemanalysten, Kommunalpolitiker, Heimerzieher, Diplom-Psychologen im schulpsychologischen Dienst, Sozialarbeiter bis zum Jurist beim Bezirksamt Wedding und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Schering AG – jeder nimmt Zuflucht zu ähnlichen Posen, und sein jeweiliges Milieu vermittelt eine gewisse Enge.

Bei seinen Stadtlandschaften wählt Michael Schmidt oft Zwischenräume, die architektonisch nicht genau definiert sind, wie Baulücken oder Freiflächen. Die einzelnen Bilder informieren über den baulichen Zusammenhang nur begrenzt: Ein zentral platziertes Hindernis verstellt den Blick in die Tiefe des Raumes, oder eine leere Fläche bildet den Mittelpunkt. Die Laderampen, Parkplätze, Mauerstücke, Wellblechwände, Haushaltswarenläden, Kneipen mit Schultheiss-Werbeflächen und die Kinderspielplätze, alles wirkt wie ortlose Zweckarchitektur.

1996 präsentierte Michael Schmidt in einer Einzelausstellung im New Yorker Museum of Modern Art die Werkreihe “Einheit” (1991-1994). In diese Serie, einer Sammlung von 118 Einzelbildern über die deutsche Wiedervereinigung, nimmt er neben eigenen Bildern auch andere auf, die er in Zeitschriften, Zeitungen und weiteren Materialien gefunden hat.

So verquickt er individuelle mit kollektiven Erinnerungen, vermischt Bilder aus Ost- mit Bildern aus Westberlin. Wieder wird durch den absichtsvollen Mangel an Informationen, die das einzelne Bild bereitstellt, eine eindeutige Zuordnung zu einem bestimmten Ort, Moment oder politischen System offen gelassen. Zum Ornament aufgestellte Turnerinnen, Militärparaden, Fabrikarbeiterinnen, Porträts von Göring, Adenauer und Honecker, sie alle ergeben gemeinsam ein großes Fragezeichen: Ost und West, was war das eigentlich?

Michael Schmidt, Jahrgang 1945, war Polizist, bevor er sich mit 20 Jahren der Fotografie zuwandte – als Autodidakt. Mehr Infos und Bilder gibt’s auf Wikipedia, eine eigene Website hat er nicht. Zur Serie Irgendwo von Michael Schmidt (Affiliate-Link) gibt’s einen Bildband, erschienen im Snoeck-Verlag.

Michael Schmidt – Grau als Farbe, Fotografien bis 2009
Bis 22. August
Haus der Kunst, Prinzregentenstrasse 1, D-80538 München
+49 (0)89 21127-113, mail@hausderkunst.de
Geöffnet Montag bis Sonntag 10 – 20 Uhr, Donnerstag 10 – 22 Uhr

Haus der Kunst München
Michael Schmidt bei Wiki

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1 Kommentar

  1. Steffen
    schrieb am 9. Juli 2010 um 11:41 Uhr (#)

    Auch bei der diesjährigen Berlin Biennale ist Schmidt dabei: Überall in der Stadt wurden großflächig Fotos von ihm plakatiert.

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