Bewegt-Bild:
Experiment mit Stil

Auf der Suche nach dem eigenen fotografischen Stil kommen einem bisweilen technische Tabubrüche gelegen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Brita Weigel).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Brita Weigel).

Kommentar des Fotografen:

“Shopping”: Seit ca. einem Jahr experimentiere ich mit der bewegten Kamera und habe die Technik für mich als geniale künstlerische Ausdrucksform entdeckt. Dabei habe ich mich schon an unterschiedlichen Bildmotiven in verschiedenartigen Lichtsituationen ausprobiert. Dieses Bild stammt aus einer Serie von Aufnahmen zum Thema “Shopping”.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Brita Weigel:

Ein von starker Bewegung der Kamera offensichtlich in bewegungsunschärfe getauchtes Bild zeigt etwas, was wie der Innenraum eines Einkaufszentrums aussieht. Mit etwas Abstand zu dem in verschiedenen Rottönen gehaltenen Bild erkennt man den zweiten Stock einer Verkaufshalle mit Brückenübergang und Glasdach.

Wer sagt denn, dass jedes Bild scharf oder gar gegenständlich sein muss? Manchmal verdeutlichen uns Abstraktionen, seien sie nun rein künstlerischer oder technischer Natur, mehr, als ein in weitreichende Schärfe getauchtes Bild.

Die Technik der bewegten Kamera, mit der man einem Motivtyp zusätzliche impressionistische Aussagekraft verleihen kann, haben ich in der Arbeit von Dietmar Käppeli bereits zweimal besprochen.

Dort allerdings geht es um die Verstärkung eines ganz bestimmten Motivs, nämlich der Baumstämme und des Waldes, eines an sich also fast statischen Objekts.

Du hast hier einen wesentlich stärker auf die Aussage des Bildes ausgerichtieten Ansatz gewählt, indem die Bewegung quer zu den Strukturen verläuft und nicht “mehr”, sondern eher weniger von der Szenerie sichtbar wird.

Zugleich aber drückt die Bewegung die Emotionen aus, die man in dieser Umgebung fühlen kann: Stress, Zeitdruck, Tempo und Gedränge.

Abgesehen davon, dass diese Technik hier aus einem andernfalls wohl eher langweiligen Bild eine fotografisches Gemälde mit einer hintergründigen Botschaft macht, ist die Struktur der Aufnahme durch die verwischten Linien bemerkenswert, weil sie, in alle erdenklichen Richtungen verlaufend, eine Aufteilung der Fläche nach kompositorischen Grundregeln erzeugt: Das Bild ist sowohl als farbliche Abstraktion wie auch als durchschimmernde, botschaftsbeladene Gegenstandsaufnahme interessant.

Persönlich halte ich andere Deiner Arbeiten aus dieser Serie für aufregender und ästhetischer; aber es ist jedenfalls in allen Aufnahmen zu erkennen, dass Du den Effekt nicht dem Zufall verdankst, sondern Dich damit auseinandergesetzt hast und die Bewegungstechnik dem Motiv anpasst.

Wer für sich ein solches Projekt gefunden hat und es unermüdlich weiterentwickelt, der ist grundsätzlich zu beglückwünschen – finde ich.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

 

Mehr lesen

Leserfoto: Haustierfotografie – Hund um High Noon

27.11.2012, 8 KommentareLeserfoto:
Haustierfotografie – Hund um High Noon

"Schlechte" Lichtverhältnisse sind nicht immer von Nachteil.

30.8.2012, 2 KommentareEinführung in die Street Fotografie/Straßenfotografie – Teil 2/4:
Muß Street kompositionell/technisch perfekt sein?

Nach meiner Begriffsbestimmung steht Perfektion nicht im Vordergrund. Viele Street Aufnahmen sind kompositionell und technisch perfekt, aber viele sind es eben nicht. Doch da sie die Zeit und den Ort so perfekt eingefangen haben, akzeptiert man es als Kompromiß.

Ralph Gibson: Der Schlafwandler in Berlin

13.6.2012, 1 KommentareRalph Gibson:
Der Schlafwandler in Berlin

Ralph Gibson ist neben Diane Arbus und Garry Winogrand einer der bekanntesten Vertreter der New Yorker Photoszene. In der Berliner Galerie «Camera Work» sind vom 16. Juni bis zum 4. August 60 Arbeiten aus seinem Schaffen zu sehen.

Sportfoto: Geschwindigkeit in Bildern zeigen

24.5.2011, 0 KommentareSportfoto:
Geschwindigkeit in Bildern zeigen

Die Fotografie friert die Zeit ein. Aber wie sie das genau tut, entscheidet der Mensch am Auslöser. Und er entscheidet damit über die Wirkung von Bewegung und Stillstand.

Traumwandlerin: Idee und Resultat

11.5.2011, 2 KommentareTraumwandlerin:
Idee und Resultat

Langzeitbelichtungen in Menschenmengen bieten tolle Effekt-Möglichkeiten. Alle anderen fotografischen Grundregeln dürfen dabei aber auch angewandt werden.

Das Stativ in der Landschaftsfotografie (II): Positive Nebenwirkungen

18.2.2011, 15 KommentareDas Stativ in der Landschaftsfotografie (II):
Positive Nebenwirkungen

Ein Stativ bremst den Fotografen, es sorgt für Ruhe und eine feste Routine bei der Komposition: Mehr Gründe für das Dreibein.

Digitale Nachbearbeitung von Fotos: Das Salz in der Suppe

6.2.2013, 3 KommentareDigitale Nachbearbeitung von Fotos:
Das Salz in der Suppe

Die Digitalfotografie ermöglicht uns, „einfach mal drauflos zu schiessen“ und anschliessend zu löschen, was nicht gefällt. Oft tritt dabei der Akt des Fotografierens an sich in den Hintergrund. Aber auch in Zeiten der Digitalfotografie hat ein gutes Bild unsere volle Aufmerksamkeit beim Fotografieren verdient.

Tryptichon: Herbstdepression

24.11.2010, 3 KommentareTryptichon:
Herbstdepression

Fotografien sollen Emotionen vermitteln - und was eines nicht ganz schafft, müsste im Tryptichon gelingen. Oder?

Menschlicher Punkt: Architektur mit i-Tüpfelchen

13.8.2009, 3 KommentareMenschlicher Punkt:
Architektur mit i-Tüpfelchen

Architekturfotografie kann ihre kalte Abstraktion durch den Einbezug von Menschen ins Bild abschwächen.

Digitale Nachbearbeitung von Fotos: Das Salz in der Suppe

6.2.2013, 3 KommentareDigitale Nachbearbeitung von Fotos:
Das Salz in der Suppe

Die Digitalfotografie ermöglicht uns, „einfach mal drauflos zu schiessen“ und anschliessend zu löschen, was nicht gefällt. Oft tritt dabei der Akt des Fotografierens an sich in den Hintergrund. Aber auch in Zeiten der Digitalfotografie hat ein gutes Bild unsere volle Aufmerksamkeit beim Fotografieren verdient.

Digitale Lochkamera: Tipps für Einsteiger

21.11.2012, 1 KommentareDigitale Lochkamera:
Tipps für Einsteiger

Eine Lochkamera zu bauen, ist nicht nur ein beliebtes Projekt für Schüler, weil es ja eigentlich nur einer Kiste mit Loch bedarf, ausgerüstet mit lichtempfindlichen Material. Es gibt auch eine ganze Sparte von Fotografen, die Lochkamerafotografie regelrecht als Kult betreibt.

Leserfoto: Schwarzweißporträt – Auf Einzelheiten achten

12.11.2012, 0 KommentareLeserfoto:
Schwarzweißporträt – Auf Einzelheiten achten

Wenn man sich die Zeit nehmen kann, sollte man auf alle Einzelheiten achten. Das kann der Unterschied zwischen einem guten Foto mit ein paar Problemen und einem exzellenten sein.

4 Kommentare

  1. Sicher kein Foto für das Album oder zum längeren Hinschauen, weil es ja auch kein Objekt zu entdecken gibt.

    Als Fototapete allerdings könnte ich mir die Aufnahme dagegen schon sehr gut vorstellen.

  2. Ehrlich gesagt, kann ich dem Bild nicht viel mehr abgewinnen als einem verwackelten Schnappschuß. Wie Peter Sennhauser schon schrieb, sind andere Bilder der Reihe ausdrucksstärker. Ich fände einen Kontrast (Bewegungs-) Unschärfe gegen Schärfe viel spannender.
    Außerdem bin ich der Meinung, daß ein Bild hauptsächlich aus sich heraus wirken muß, ohne Erklärung (“habe die [bewegte Kamera] für mich als geniale künstlerische Ausdrucksform entdeckt.”). Wenn bewegte Kamera, dann richtig, nicht nur so ein kleiner Schubs. So wirkt es zusammen mit der Erklärung wie der Versuch einiger Künstler, ihre Bilder durch Auf-den-Kopf-Stellen interessanter zu machen.

  3. Unschärfe, wie z.B. bei vorbei fahrenden Autos finde ich auf Fotos durchaus interessant. Dabei habe ich aber immer ein scharfes Motiv mit dabei, meinetwegen ein Gebäude im Hintergrund (oder sowas).
    Ih stimme Sven deshalb unbedingt zu, auch mir fehlt der Kotrast Schärfe/Unschärfe.
    Für mich wirkt es eher wie: im Vorbeigehen aus Versehen den Auslöser gedrückt … sorry!

  4. Es sind mir zu viele Details auf dem Bild, daß Auge findet nirgendwo seine Ruhe. Ein bewegte Kamera kann fließende Formen erzeugen, die das Auge verfolgen kann. Das ist für mich dann der Unterschied zu einer verwackelten Aufnahme, egal ob mit oder ohne Absicht. Dieses Bild zählt für mich eher zu der Kategorie verwackelt als bewegt.

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen.

* Pflichtfelder