Lokomotiv-Porträt:
Der Tiefe Raum geben

Die Telefotografie bietet sich an, um Objekte in der Raumtiefe zu zeigen – wozu man ihnen den nötigen Platz einräumen sollte.

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild habe ich aufgenommen, weil ich mich sehr für Lokomotiven interessiere und ich beruflich auch damit zu tun habe. Diese Aufnahme entstand in einer kurzen Arbeitspause und musste ohne große Vorbereitung abgelichtet werden.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Michael Hömske:

Eine Lokomotive der Deutschen Bahn steht vor einer leichten Gleiskurve vor einem Güterzug inmitten anderer Züge. Die rote Front der Lok füllt den Bildausschnitt der Telefotografie weitgehend aus. Im Vordergrund sind in der Unschärfe die Geleise zu erkennen, auf denen die Lok wahrscheinlich dicht am Fotografen vorbeirollen würde.

Die Aufnahme mutet ein bisschen an wie ein Porträt einer Lokomotive:

Tatsächlich haben die Fahrzeuge ja sowas wie ein Gesicht, und in dieser Aufnahmetechnik – mit starkem Tele und dadurch deutlich sichtbarer Schärfen-Untiefe – sind wir ungefähr Porträts gewohnt, wenn auch meistens umgekehrt: Mit der Person in der Schärfe im Vorder- und der Bokeh-Unschärfe im Hintergrund.

Ich weiss nicht, was das für eine Lok ist, aber das Bild hat mich wohl nicht nur deshalb angezogen, weil mich Technik fasziniert. Du bietest hier mit der selektiven Schärfe des Teles einen frontalen Blick auf eine Maschine, die wir sonst meistens nur von der Seite sehen. Die Aufnahme zeigt etwas sehr Gewohntes aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive.

Mit der tiefen Aufnahmeposition und den im Vordergrund erkennbaren Schienen in der Unschärfe verleihst Du der Maschine ausserdem eine spürbare Kraft, machst sie mächtig und überragend.

So weit halte ich das Bild für gelungen.

Zwei Dinge hätten besser sein können, denke ich. Das eine ist der fehlende Lokführer, auf den zu warten Dir wohl nicht zuzumuten gewesen wäre, der aber der Lok eine weitere Komponente zugefügt hätte – den der menschlichen Kontrolle dieses Ungetüms. Ausserdem wäre dem Blick etwas weiteres auf der Lokomotivenfront angeboten worden, das es zu entdecken gilt. Jetzt stehen ihm da namentlich Scheibenwischer, Scheinwerfer und die Kennnummer der Lok zur Verfügung, was etwas wenig ist.

Wesentlich wichtiger aber fände ich, dass Du der Lok etwas mehr Raum gäbst. Unsere starken Teleobjektive verführen dazu, immer mit der grössten Brennweite zu operieren und den “Heranhol”-Effekt maximal auszunutzen.

Einer spannenden Komposition aber kommt bisweilen eine etwas kürzere Länge entgegen. Das reizvolle an Aufnahmen wie dieser ist unter anderem die geringe Schärfentiefe im Vorder- und Hintergrund, welche den Gegenstand des Interesses isoliert, aber seine Umgebung noch andeutet. Diese Freistellungstechnik benutzen wir ja auch in der Porträtfotografie.

Aber auch dort macht es wenig Sinn, zuerst einen guten Hintergrund zu suchen, den man hinter der Person verwischen kann, und dann mit dem Ausschnitt so dicht wie möglich an den Kopf des Porträtierten heranzufahren.

Hier ist es ähnlich. Die Lok würde noch spannender, wenn sie etwas mehr Raum hätte, mehr vom langen Zug im Hintergrund verschwinden oder auch mehr von den Geleisen im Vordergrund zu sehen wäre.

Das ist meiner Meinung nach eine Herausforderung der Telefotografie: Der Tendenz zu widerstehen, ein Motiv mit dem Vergrösserungsfaktor heranzuholen und es eher mit der Schärfentiefe freizustellen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. claudia
    schrieb am 2. Juni 2010 um 11:26 Uhr (#)

    Von dem schon erwähnten etwas störenden Gegenstand vorne rechts mal abgesehen, ist dieses Foto wieder ein Beweis dafür, was die vielleicht auch nur im Milimeterbereich notwendige Bewegung des Fotografen für einen Einfluss auf die Perspektive und somit das Foto hat.

    Das hier ist natürlich die Perspektive, die mich zuerst an das Robert Enke-Drama denken lässt. Der Blick von ganz unten hat etwas suizidäres.

    1. Michael
      schrieb am 2. Juni 2010 um 21:43 Uhr (#)

      Vielen Dank, für diesen Kommentar. Ist es nicht das, was wir uns innerlich wünschen, eine Gefahrensituation aus einer sicheren Perspektive zu erleben? Der störende Gegenstand, gehört zum Gleis dazu und leider hat man nicht immer den Freiraum in dem man sich bewegen kann, um das perfekte Bild zu machen.

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