Bus-Schnappschuss:
Lomographische Spannung

Schnappschüsse weisen bisweilen eine kaum erklärbare Ästhetik auf. Eine Analyse lohnt sich.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Simon Näher).

Kommentar des Fotografen:

Etwas, das mir am Morgen oft passiert: der Bus fährt mir vor der Nase weg. Diesmal ist mir der Bus nach einer Tour mit der Kamera durch die Stadt vor der Nase davon gefahren, die Kamera hatte ich noch griffbereit. Mir gefällt die leichte Unschärfe und die Spiegelungen in den Fenstern. In Varianten sehe ich diese Spiegelungen in den Fenstern der mir davon fahrenden Bussen oft…

Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Simon Näher:

Ein (Zürcher?) Stadtbus fährt dicht an der Kamera vorbei nach rechts oben im Bild. Im Vordergrund ist der Rand des Gehsteigs und ein Stück Zebrastreifen zu erkennen, der Bus selber löst sich nach rechts oben in etwas Bewegungsunschärfe und gleichzeitig in der Spiegelung der Fassade von der andern Strassenseite auf. In diesem weichen Übergang hängt eine Verkehrsampel, die durch eine im Bus sitzende Person von der Bewegungsunschärfe im untersten Drittel ebenfalls leicht verwischt ist.

Schnappschüsse – Fotografien, die „aus der Hüfte“ und ohne Planung oder bewusste Komposition durch den Fotografen entstanden sind – lassen eine Kritik kaum zu. In der Regel handelt es sich immerhin um einen Zufall, will heissen, ein Resultat, das nicht reproduzierbar ist.

Aber zum einen gibt es Leute, die behaupten, man könne auch lernen, wie man diese Zufallstreffer erzielt. Für andere ist die Art, wie ein Bild entstanden ist, vollkommen bedeutungslos, so lange das Bild wirkt.

Das trifft hier jedenfalls zu. Ohne in eine Diskussion über die Kunstform der „Lomographie“ abzudriften, die je nach Betrachtung auf dem Zufallseffekt oder eben auf nie dagewesene Perspektiven und Techniken beruht, können wir untersuchen, warum dieses Bild wirkt.

Man kann dabei auf mindestens vier Effekte aufmerksam machen.

  • Erstens weist das Bild eine dynamische Komposition auf: Es gibt einen eindeutigen Fluchtpunkt rechts ausserhalb des Bildes, auf den die Linien des Buses zuführen. Diese Linien inklusive Gehsteig im Vordergrund sind in einem hervorragenden Drittelsverhältnis im untersten und obersten Bildteil vorhanden.
  • Zweitens ist eine zum Motiv passende Bewegungsunschärfe erkennbar: Der Bus bewegt sich. Zugleich aber sind Details zu sehen, die den Bus gut erkennbar machen und zum Verweilen einladen – das halbverdeckte Rad, die Blinklichter neben der Türe, die zu leuchten scheinen, die verwischte Person im Businnern.
  • Drittens sorgt die Spiegelung der Hausfassade am Bus für einen spannenden Vexierbildeffekt. Die Realität ist kaum mehr erkennbar: Der Bus löst sich gegen oben auf in einer Hausfassade, die aber in Tat und Wahrheit auch nicht real, sondern eine Spiegelung ist. Die Ampel, die im Nichts zu hängen scheint, setzt dieser Mischung die Krone auf und sorgt wiederum für einen Hinweis auf die Spiegelung.
  • Viertens sorgt das Highkey-Element des ausgebrannten Himmels zusammen mit der weissen Flanke des Busses für eine zusätzliche Ebene der Verwischung, die mit dem Intellekt der Betrachterin zu spielen scheint. Die Brücke zwischen den beiden Weissen Flächen sind spannenderweise die weissen Fenster in der Fassade links: Eine Spiegelung des Himmels in der Spiegelng der Fassade auf dem Bus…

Das alles sind wichtige Einzelteile, die zusammen die Kraft dieser Aufnahme ausmachen. Jedes für sich wäre nicht ausreichend für ein gutes Bild; die Kombination aus allen ist ein Glücksfall (oder eben je nach Sichtweise eine gute Lomographie).

Ob man lernen oder üben kann, solche Aufnahmen hinzukriegen, mute ich mir nicht an zu beurteilen. Tatsache ist, dass wir es uns zumindest leisten können, es zu versuchen.

Die „Lomographie“ heisst so wegen der billigen Kameras, mit denen sie ausgeübt wurde – inzwischen sind nicht die Kameras, sondern der gesamte Bildentwicklungsprozess nahezu kostenlos geworden, was uns zu Experimenten jeder Art ermutigen sollte.

Auf jeden Fall hat bei Deinem Bild der Zufall eine glückliche Hand im Spiel gehabt. Die Probe aufs Exempel bestünde jetzt natürlich darin zu versuchen, ähnliche Bilder mit diesen Qualitäten zu schiessen.

Ich rate davon ab, weil es gefährlich ist, viele Busfahrer (umsonst) zum Stoppen und Türöffnen bewegen und mit ziemlicher Sicherheit nicht zu einem ähnlich starken Bild führen wird.

Trotzdem lohnt es sich, bei solchen Aufnahmen noch genauer hinzuschauen und zu analysieren, warum sie wirken. Auch wenn es bisweilen sogar frustrierend sein kann, dass die beste Aufnahme des Tages einer versehentlichen Auslösung der Kamera zu verdanken ist: Was immer die Faszination des Bildes ausmacht, ist wahrscheinlich ein Element, das sich in anderen, komponierten Fotografien wiederholen und gezielt einsetzen lässt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Antworten
  1. Frank Liedtke says:

    Bei 100 Zufallsbildern ist kalkulatorisch nunmal auch eins oder zwei dabei, wo sehr vieles zusammenpasst. Wer nie versucht diesen glücklichen Zufall einzufangen, wird es auch nie schaffen. Den Blick für günstige Momente und besondere Effekte wie eben so eine Spiegelung kann man schärfen und dann kann man erahnen, wann etwas wunderbares passieren könnte. Vorher bereit sein und dann nur noch auslösen. Der Wahrheit immer ein kleines bisschen voraus sein und in Gedanken die Zukunft sehen.

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  2. Matthias Unger says:

    Das Bild mit der an sich statischen Häuserfront und der Bewegungsunschärfe hat irgendwie was. Ein interesannte Idee, gut umgesetzt.

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