Bootshafen:
Die Szenerie bearbeiten

Landschaftsbilder – auch Bilder von Industrielandschaften – stellen hohe Ansprüche an die Komposition.

Kommentar des Fotografen:

Ich wollte die Stimmung an diesem schönen, sonnigem Wintertag in der kleinen Stadt Emden einfangen. Das Bild wurde von mir etwas geschärft. Ich hoffe nicht zuviel.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Günter Carstens:

Einige ältere Boote und eine moderne Segeljacht liegen im ruhigen, spiegelnden Wasser an einer Anlegestelle. Dahinter ist ein modernes Gebäude zu erkennen, das sich mit harten Linien und Diagonalen möglicherweise an der umgebenden älteren Architektur orientieren soll.

Du hast diese Fotografie in der Kategorie “Landschaft” eingereicht, was grundsätzlich nicht falsch ist:

Ich würde behaupten, dass Landschaftsfotografie einen Stil und nicht ein Motiv beschreibt. Es gibt Stadt- und Industrielandschaften, und diese können genauso faszinierend in Szene gesetzt werden wie die Natur.

Just das allerdings ist hier meiner Ansicht nach missglückt. Zum einen, weil sich das Bild nicht entscheiden kann, was genau das Motiv ist: Die Boote und ihre Spiegelung im Wasser? Das Gebäude im Hintergrund? Der Kontrast zwischen den Krabbenkuttern (man entschuldige mein rudimentäres nautisches Wissen, ich bin Binnenländer) und der Fahrtenjacht?

Du sagst, Du wolltest die Stimmung in der Stadt Emden einfangen. Allerdings sehe ich die Stadt nicht, sondern lediglich ein hochmodernes Gebäude mit einer Architektur, über die man streiten könnte, und davor einige Boote.

Einer meiner Landschftsfotografie-Lehrer sagt, dass in jedem Bild irgendwo das drin steckt, was einen veranlasst hat, die Aufnahme zu komponieren – und wenn das Bild nicht “funktioniert”, könne man danach suchen und es wenigstens für eigene Lernzwecke isolieren.

Ich sehe in diesem Bild einige Elemente, die sich als Motiv geeignet hätten – bis zu einem gewissen Grad könnten es sogar die vorhandenen Elemente gemeinsam sein. Aber die Komposition, die Du gewählt hast, schafft weder eine Spannung, noch führt sie mich zu dem hin, was Dich an diesem Anblick fasziniert hat.

Eines der Probleme sind die knallharten Linien des Gebäudes, die noch dazu in diesem Nachmittagslicht die Szenerie vollständig dominieren. Man könnte sie durchaus in Relation zu den Formen und Linien der Boote mit Masten und Wanten setzen. Dazu müsste man aber das Ungleichgewicht zugunsten der Boote verschieben, um deren Linien zu betonen. Hier ist aber leider alles gleich gewichtet. Die Hauptmotive liegen übereinander in der Bildmitte; es gibt keinen Rahmen und keine Tiefenschichtung.

Du hättest beispielsweise mit dem Tele durch die Boote hindurch die Gebäudelinien ins Bild bringen können, sofern sie es sind, die Dich angesprochen haben. Ein anderes Schwerpunktmotiv wären die Boote und ihre Spiegelungen – mehr von den Spiegelungen – gewesen, oder Du hättest Dich auf ein Details aus dem Gewirr der Boote konzentrieren können. Der Himmel und der Teil des Gebäudes, der im Schatten liegt, tragen nichts zum Bild bei und sind nur zu sehen, weil die Boote davor liegen und Du die Maste nicht kappen wolltest.

Um das Gebäude auszublenden und die Boote und die Spiegelug zu betonen, hättest Du auch einen höheren Standpunkt suchen können, um so weit als möglich von oben herab die Spiegelung der Boote ins Bild zu nehmen und die Boote selber an den oberen Bildrand zu schieben (und dabei mutig die Masten und mehr zu kappen!).

Ohne Deine Bildabsicht zu kennen und zu er-kennen, halte ich ganz persönlich das Gebäude für das Problem in diesem Bild: Es passt in keiner Art und Weise. Es drückt weder den Charakter der Ortschaft aus (hoffe ich), noch unterstützt es diesen “Cluster” von Booten, noch ergibt es einen Hintergrund oder ist auch nur als solcher zu inszenieren.

Nach dieser Erkenntnis hätte ich an dieser Stelle alles daran gesetzt, das Gebäude aus der Komposition herauszukriegen – mit verschiedenen Standorten, neuen Winkeln etcpepe. Manchmal, das habe ich an anderer Stelle schon mal festgehalten, ist einfach nichts zu machen: Anders als in der Studio-, der Stillleben- und der Makro-Fotografie kann sich der Landschaftsfotograf die Elemente seiner Komposition nur in beschränktem Masse zurechtrücken.

Meine Herangehensweise in solchen Situationen: Ich versuche, zwischen Hartnäckigkeit und Starsinn einen effizienten Mittelweg zu gehen und gebe irgendwann ein Motiv auf, um mehr Zeit zu haben, mich mit einem anderen zu beschäftigen.

Schliesslich bleibt das Licht nie lange so, wie es gerade ist.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

Mehr lesen

Naturfotografie: Der Rabe

10.2.2011, 11 KommentareNaturfotografie:
Der Rabe

Ein Bildkonzept in der Natur umzusetzen ist problematisch und besonders schwierig, wenn man Tiere als Darsteller wählt. Hier ist es gelungen.

Mondbild: Auswahlsendung statt Motiv

20.4.2010, 6 KommentareMondbild:
Auswahlsendung statt Motiv

Komplexe Motive mit vielen Elementen bedürfen einer sorgfältigen Komposition.

Dorfporträt: Welche Bildabsicht?

30.12.2009, 2 KommentareDorfporträt:
Welche Bildabsicht?

Der Kreative Prozess der Fotografie muss nicht zwingend vor dem Auslösen stattfinden.

Blätter im Gegenlicht: Aufs Wesentliche konzentrieren

11.4.2012, 1 KommentareBlätter im Gegenlicht:
Aufs Wesentliche konzentrieren

Auch, wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, oder wie hier den Strauch vor lauter Blättern, sollte man sich in der Komposition auf das Wesentliche konzentrieren.

Close Encounters: Demi-Symmetrie

10.4.2012, 0 KommentareClose Encounters:
Demi-Symmetrie

Symmetrie und Einmittung können auch in der Landschaftsfotografie einmal anders als in Seen-Spiegelungen angewandt werden. Die Frage ist, was man damit bezweckt.

Stadtansicht: Lichtstrahlen wirken lassen

30.3.2012, 0 KommentareStadtansicht:
Lichtstrahlen wirken lassen

Die einfachsten Eindrucke von Licht wirken in der Fotografie, wenn sie sichtbar gemacht werden, nicht selten grandios.

Close Encounters: Demi-Symmetrie

10.4.2012, 0 KommentareClose Encounters:
Demi-Symmetrie

Symmetrie und Einmittung können auch in der Landschaftsfotografie einmal anders als in Seen-Spiegelungen angewandt werden. Die Frage ist, was man damit bezweckt.

Landschaftsfotografie: Drama der Berge

17.3.2012, 0 KommentareLandschaftsfotografie:
Drama der Berge

Die Berge bieten vor allem im Zusammenspiel mit dem Wetter dramatische Motive. Eine gute Komposition schafft hier viel Räumlichkeit.

Landschaftsfotografie: Die Details der Herbstwiese

8.3.2012, 5 KommentareLandschaftsfotografie:
Die Details der Herbstwiese

Wer nebensächliche Details betonen will, muss dicht an sein Motiv herangehen, wie hier bei diesen bunten Herbstblättern.

Experimentelles Porträt: Spezialeffekte allein  machen nicht das Foto

12.3.2012, 2 KommentareExperimentelles Porträt:
Spezialeffekte allein machen nicht das Foto

Experimentieren, herkömmliche Motive neu erfinden, ist eine gute Übung, die allerdings nicht immer zu außergewöhnlichen Fotos führen muß.

Axel Pfennigschmidt: Das Alltägliche ist Schönheit

19.1.2012, 2 KommentareAxel Pfennigschmidt:
Das Alltägliche ist Schönheit

Axel Pfennigschmidt findet seine Bilder draußen in den Straßen: "Das Alltägliche ist Schönheit", so sein Credo.

Natur in Abstraktion: Einfach gespiegelt

3.1.2012, 4 KommentareNatur in Abstraktion:
Einfach gespiegelt

Für herausragende Fotos braucht man letztlich nur eines: ein gutes Auge.

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.