Sonnenuntergang:
Schlitzoptik in Grönland

Sonnenuntergänge verlieren ihre vermeintliche Banalität in spezieller Landschaft – und häufig durch interessante Wolken.

Kommentar der Fotografin:

Diesen Sonnenuntergang, der nur ein paar Minuten andauerte bis die Sonne wieder aufging, habe ich Ende Juli 2006 in Ilulissat, Grönland gemacht. Es war ein ganz besonderer Moment für mich, dieses spezielle Schauspiel zu beobachten. Für mich einer der schönsten Sonnenuntergänge.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Nadine Herdel:

Eine Küste irgendwo im Norden, von einem Boot oder der einen Seite einer Bucht zur andern fotografiert. Das Bild zeigt einen goldfarbenen Sonnenuntergang und in der oberen Hälfte einen wattigen Himmel mit einer äusserst tief liegenden Wolkendecke, die von der am Horizont hinter Wolkenfetzen und Gebirgszügen untergehenden Sonne beleuchtet wird. Im Vordergrund breitet sich das Meer aus, das nur im Mittelgrund von treibenden Eisschollen unterbrochen wird.

Obwohl er täglich stattfindet und wir immer wieder aufs neue fasziniert sind, ist der Sonnenuntergang kein einfach abzulichtendes Motiv:

Die Sonne selber ist nämlich einfach eine gleissend helle, runde und in Horizontnähe durch die Lichtablenkung verformte Scheibe.

Spannend wird der Sonnenuntergang auf Fotografien, wenn ein interessantes Motiv den Vordergrund belebt, oder oftmals, wenn Wolkenformationen für eine einzigartige Lichtsituation wie hier sorgen.

Damit ist aber auch gesagt, was für einen neutralen Beobachter wohl dieses Bild prägt – der extrem tiefliegende Wolkenhimmel nämlich, der von der Sonne von unten beschienen wird. Zusammen mit den gleissenden Sonnenstrahlen in den Wolken am Horizont, den Bergen als Kulisse und den Eisschollen im Mittelgrund, die im Lichtermeer treiben, bietet das Bild einiges, was zu ergründen sich lohnt und unsere Fantasie anregt.

Diese Schlitzoptik wird hier vermeintlich verstärkt durch die mittige Komposition, die im Vordergrund so viel Meer zeigt wie im oberen Bildteil Himmel zu sehen ist.

Tatsächlich raubt dies der Aufnahme viel von ihrer Spannung. Das Meer im Vordergrund trägt nichts zum Bild bei, und der mittige Horizont nimmt dem tief liegenden Wolkenhimmel etwas von seiner Hoheit.

Ich würde diese Aufnahme deshalb von unten und allenfalls auch etwas von links beschneiden, um ihre eine Drittelseinteilung zu verleihen. Mit einem Lichtzentrum eher links unten gewinnt die gesamte Aufnahme an Dynamik, ohne dass etwas von der Stimmung oder dem Motiv verloren geht. Gleichzeitig erhält auch die ungleichmässig beleuchtete Wolkendecke oben rechts einen dunklen Schwerpunkt.

Ein weiteres kleines Detail: Ich würde das Bild um ein halbes Grad nach links kippen. Es ist verblüffend, wie häufig man in Fotografien schräge Horizonte sieht, obwohl sie sehr einfach zu erkennen sind. Verkleinere den Fensterausschnitt Deines Bildbetrachters und schiebe die untere Kante an den Horizont heran, und Du siehst sofort, ob und wohin er geneigt ist. Ich behaupte, das ein leicht schräger Horizont ein Bild stark stört, ohne dass der Betrachter erkennt, was genau ihm schief aufliegt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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9 Kommentare

  1. Swonkie
    schrieb am 9. Juni 2010 um 14:29 Uhr (#)

    die schräglage irritiert. 1 grad im gegenuhrzeigersinn hilft.

  2. Christian Gruber
    schrieb am 9. Juni 2010 um 20:16 Uhr (#)

    Also ganz ehrlich, querformat Sonnenuntergänge findet man oft. Dieser irritiert mich besonders durch die kreuzartige Strucktur des beleuchteten. Durch verschiedene Zuschnitte gewinnt das Bild aber stark. Insbesonders quadratisch oder als Hochformat 1:4 wird das für mich mehr interessante betont – der Reigen der Bergspitzen und Eisschollen mit dem tiefen Himmelswolken. Dabei kommt es auf eine Scholle mehr oder weniger gar nicht an. Genauso stört mich das eine Grad nicht, bei der leichten Krümmung des Meeres. Probiers und staune,
    Christian Gruber

    1. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
      schrieb am 12. Juni 2010 um 07:27 Uhr (#)

      Christian, die “leichte Krümmung des Meeres” ist auch so ein Detail, das sich zu korrigieren lohnt: Es handelt sich nämlich nicht um die Erdkrümmung, sondern die Verzerrung des Objektivs, die meistens erst auf Fotografien mit eindeutigem Horizont oder mit geraden Linien von Gebäuden als solche erkennbar wird. Und wenn sie das tut, dann korrigiere ich sie ebenfalls mit der Perspektivenkorrektur von Photoshop – denn sie fällt einem geschulten Auge ebenso auf wie einem Laien, und ich bin auch hier der Meinung, sie stört, ohne dass der Grund erkennbar wird.

      Im übrigen freue ich mich, dass hier diskutiert wird.

    2. Christian Gruber
      schrieb am 13. Juni 2010 um 07:29 Uhr (#)

      Als Verzerrung des Objektivs müsste das bei 114mm (KB equivalent) eine tonnenförmige Verzerrung sein. Was aber nicht mit der position knapp unterhalb der Bildmitte bzw. dem Rest des Bildes übereinstimmt, bisherigen Zuschnitt mal ausgeschlossen.

    3. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
      schrieb am 13. Juni 2010 um 14:58 Uhr (#)

      Christian, das ist grundsätzlich richtig – und dennoch liegt eine messbare Krümmung am Horizont in jedem auf der Erdoberfläche aufgenommenen Bild am Objektiv und nicht an der Erdkrümmung.

      Die ist zwar natürlich vorhanden, aber bei einem nicht erhöhten (massiv erhöhten) Stand- respektive Flugpunkt auch auf einen Horizont von 180 Grad nicht von Auge erkennbar. Noch viel weniger mit einer Kamera. Ich habe mich seit einiger Zeit damit beschäftigt, aber leider noch keine einfache Schematik für das Problem gefunden – kommt wohl bald in einem Posting.

      Nur mal bezogen auf dieses Bild in einer Michbüchleinrechnung:
      Brennweite 100mm, Sichtwinkel demnach <20 Grad, ausgehend von einer Sichtweite von 5km (Standardssichtweite auf Meereshöhe ohne sichtbehindernde Objekte) = Horizontlänge rund 8km. Krümmungsabweichung auf einer Distanz von 8km = 5m. Auflösung quer von Nadines Bild 5000 Pixel, also 8000/5000= 1.6 Meter pro Pixel. Krümmungsabweichung im Bild demgemäss 2.5 Pixel – im Originalbild von Nadine.

      In der Auflösung bei uns von 800 Pixeln Breite betrüge die Abweichung ein halbes Pixel von ganz links nach ganz rechts.

      Weil ich schon immer eine Flasche in Mathe und Geometrie war, bin ich dankbar für die Überprüfung der Berechnung (Sichtweite gemäss Tabelle hier, Horizontbreite = Kreissehne aus Radius 5km und Blickwinkel 20 Grad, Krümmungsabweichung gemäss Formel hier, Bezug zu Pixelauflösung aus eigener Phantasie…) und Anmerkungen dazu, wo meine logischen Denkfehler liegen.

      Die Diskussion über die Sichtbarkeit der Erdkrümmung ist sehr alt und wird bisweilen mit religiösem Eifer geführt. Ich fand sie hier auf einem Laienhaften Niveau ganz interessant und den darin gelieferten Link zu dieser streng wissenschaftlichen Seite über Geodäsie bemerkenswert.

    4. Christian Gruber
      schrieb am 14. Juni 2010 um 05:46 Uhr (#)

      ah ?
      5mp Kamera: 2592 x 1944 Pixel
      Winkel: 2 x arctan (43,27 /2 / 114) = 21,49
      Denkt man sich ein rechtwinkeliges Dreieck mit 5km als Ankathete erhält man die halbe reale Breite (Gegenkathete) mit dem halben Winkel genommen durch:
      halbe Breite= tan 10,74 * 5000 = 949 Meter
      Ganze Breite = 1898 Meter
      1898 / 2592 Pixel = 0,732 Meter pro Pixel
      Sichtweite bei 1 Meter höhe als relation = 3,6km und spätestens hier ist klar du hast zweimal recht: das alleine kann man nicht im Bild sehen und Mathe und Geometrie ist nicht deine Stärke :-).
      Nachdem wir nun wissen, was wir nicht sehen, kann ich aber auch nicht alleinig an eine Objektivverzerrung glauben. Im Umkehrschluss würde das bedeuten, das nur jemand auf die Idee kommen müsste, den Bildhorizont an die Optische Achse des Objektivs zu legen, die Kamera waagerecht zu halten und keine Krümmung wäre ersichtlich.
      Ich vermute mal was uns bleibt sind eine Summierung von Effekten wie Beugung und Brechung die den Horizont vielleicht runder erscheinen lassen. Weiters sind natürlich 5km in der Bildmitte auf einer gedachten ebene am Bildrand ca 5,2km oder so, was zwar auf Fokus unendlich egal ist, für die Sichtweite… .

  3. Nadine Herdel
    schrieb am 11. Juni 2010 um 22:15 Uhr (#)

    Merci vielmal für die Rückmeldungen! Da ich selbst ganz am Anfang bin, hab ich noch nicht soviel Ahnung mit bearbeiten, dem richtigen Blick etc. doch ich bin am üben:-) Hilfreich sind genau diese Feedbacks die mich motivieren und zum nachdenken/staunen bringen. Vielen vielen Dank.

  4. anonym
    schrieb am 21. Juli 2010 um 10:53 Uhr (#)

    Hallo,

    Einen schönen, stilvollen und informativen Blog hast du hier, der Inhalt ist ja wirklich umfangreich. Exemplarisch steht dafür dieser Artikel…

    Immer wieder schön zu sehen das sich Leute noch so viel Mühe machen.

  5. Uwe S
    schrieb am 21. Juli 2010 um 12:10 Uhr (#)

    Off-Topic: Man kann davon ausgehen, dass zwischen Objektiv und Horizont eine Menge Luft liegt, möglicherweise in Schichten unterschiedlicher Temperatur und Brechungsindex. Neben den Verzeichnungen des Objektivs ein wichtiger Beitrag für den “Knick in der Optik”, aber wer weiß das schon so genau.

    Pragmatisch wäre es, ein Programm einzusetzen, das anhand der EXIF-Daten die Verzeichnungen des eingesetzten Objektivs automatisch korrigiert. Wenn dann eine Krümmung des Horizonts übrig bleiben sollte, ist es naturgegeben.

    Eine Ausrichtung der Senkrechten, also waagrechter Horizont in der Bildmitte, sollte auf jeden Fall gemacht werden, denn sonst läuft das Meer aus.

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