Verbundpflaster-Wüste:
Menschen und (Denk-) Muster

Texturen und Negativraum können ein einfaches Motiv in einen spannenden Kontext setzen.

Kommentar des Fotografen:

Das Foto entstand im Hafen von Muskat/Oman. Mir gefällt der Kontrast zwischen den beiden jungen Arabern in ihrer landestypyschen Kleidung mit Kamelreitgerte und diesem tristen Verbundpflaster.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Peter Justinger:

Zwei Männer in traditioneller Kleidung der Gegend am persischen Golf, in Sandalen und mit Kopftüchern schlendern nebeneinander in der rechten unteren Ecke dieses schwarz-weiss-Bildes. Der rechte der beiden blickt leicht von seinem Begleiter abgewandt nach unten aus dem Bild. Er hält einen langen, dünnen Gegenstand, eine Rute oder eine feine Reitpeitsche, in seiner rechten Hand.

Der Standort des Fotografen ist leicht erhöht über den beiden. Der gesamte Rest des Bildes besteht aus einer Fläche von lückenlosen Verbundpflastersteinen. Darauf sind mehrere dunklere Flächen und Fahrspuren, aber auch Stellen mit beschädigten Steinen zu sehen.

Zwei Männer in ihrer natürlichen Umgebung: Der Wüste…

Beim zweiten Blick auf dieses Bild allerdings erkennt man, dass die Wüste nicht erwartungsgemäss aus Sand, sondern aus einem Meer an gleichförmigen Verbundpflaster-Steinen besteht. Nach dieser Entdeckung wandert der Blick der Betrachterin zuerst zurück zu den beiden Männern in der rechten unteren Bildecke: Wir wollen ergründen, wo sie sich befinden, was ihre Umgebung sein könnte und was sie hier tun.

Weil wir keine Antwort erhalten, geht der Blick zurück zur Verbundsteinpflaster-Wüste, deren Stilbruch sich wieder vordrängt: Es handelt sich um jene Verbundzementsteine, die im hiesigen Kulturraum für Einfahrten von Vorort-Häuschen und Picknickplätze in Schrebergärten Verwendung finden.

Es lohnt sich, die Steine näher zu betrachten. Sie scheinen zu glänzen: Nass – oder blank geschliffen vom Sand, den der Wind beständig über sie hinweg bläst? An mehreren Stellen ist die beträchtlich grosse Fläche an Verbundsteinen mit etwas, was Bitumen oder auch einfach Sand sein könnte, überdeckt, vielleicht repariert.

Dein Bild gibt keine Antworten, es stellt Fragen: Was ist die Umgebung dieser Männer, was tun sie hier? Handelt es sich um eine Sportanlage, eine Pferde- oder Kamelrennbahn (worauf die Peitsche hindeuten würde)? Welchen Stereotypen unterliegen wir als Betrachter des Bildes, indem wir die Umgebung fast zwanghaft mit kulturellen Klischees in Verbindung zu bringen versuchen?

Das ist die halbe Miete: Ein Bild, das zum Suchen und Nachdenken anregt.

Dabei ist, genau genommen, auf dem Bild nicht viel zu sehen: Zwei arabische Männer und eine grosse Fläche, deren Struktur Assoziationen auslöst. Der Effekt allerdings ist erstaunlich – eben grade weil das Bild ja eigentlich nicht viel zeigt, und der Leere Raum um die beiden Männer herum aus ihnen überhaupt erst ein spannendes Motiv macht. Bilder dieser Art entstehen deswegen nicht selten von oben, mit Schatten- und anderen Flächenmustern, welche ein ansonsten wenig interessantes Motiv in einen Kontext setzen.

Hier ist mir persönlich der Ausschnitt etwas zu eng gewählt, die beiden Männer sind zu weit am unteren rechten Rand. Der Randstein gleich neben ihnen zeigt zwar, dass Du sie nicht mit der gleichen Brennweite ein Stück mehr in die Komposition einrücken konntest. Aber mit ein wenig heranzoomen – oder nachträglichem Cropping – liesse sich das allenfalls erreichen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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