Sprayer-Dokumentationsfoto:
Das Konzept gewinnt

Auch wenn gute Fotos idealerweise ein starkes Konzept mit technischer und kompositioneller Perfektion verbinden, kann doch schon das Konzept an sich einiges an Unvollkommenem wettmachen.

Kommentar des Fotografen:

Sprayer auf der Flucht. Aus einem Integrationsprojekt für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Klaus Raab:

Eine gesichtslose Gestalt macht sich mit einer Sprühdose von der Szene des „Verbrechens“ davon. Irgendwie sieht es aus, als sei der „Täter“ gerade selbst aus der Wand gestolpert, an die gerade zwei Figuren gesprüht wurden.

Die rechte der Figuren, trotzdem sie ebenfalls (fast) gesichtslos ist, schaut drohend auf die Szene herab, als wolle sie den Betrachter und ihren Erschaffer einschüchtern.

Graffiti sind in vielen Städten ein Problem, und so werde ich beispielsweise selbst in unserem kleinen, amerikanischen Kaff immer um meinen Ausweis gebeten, wenn ich Sprühfarbe kaufen will. Die Informationen werden nicht gespeichert, nur kontrolliert – was für mich nie Sinn gemacht hat, weil ich ja auch in meinem Alter auf die Idee kommen könnte, Wände zuzusprühen, oder die in der Dose enthaltenen Gase zu schnüffeln.

Aber abgesehen von diesen Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, als ich das Foto sah – Graffiti sind für viele oft junge Menschen in den Großstädten ein Weg, sich auszudrücken, ihren Gefühlen Luft zu verschaffen (und Gangterritorien abzustecken etc.). Meist warten auf den Täter Geldstrafen, aber obwohl mir die genauen Statistiken nicht bekannt sind, kann man davon ausgehen, daß sie nicht besonders abschrecken – sonst wäre eine Stadt wie Berlin nicht so zugesprüht.

Was mir an diesem Foto gefiel, war, daß es mich erst zum Schmunzeln, dann zum Nachdenken brachte. Das dargestellte Konzept ist sehr gut, und außerdem stark genug, um meines Erachtens die technischen Probleme wettzumachen.

Auch die von mir vielzitierte Helen Levitt hat einige berühmte Bilder hinterlassen, die starke Konzepte verkörperten, aber technisch nicht ganz einwandfrei waren. Das Foto eines kleinen schwarzen Jungen und eines weißen Mädchens etwa, aufgenommen in den Dreißiger Jahren in New York (als Rassentrennung noch „normal“ war), trifft so gut die Selbstvergessenheit dieser Kinder, die, im Moment versunken, gar nicht auf den Gedanken gekommen wären, daß das, was sie da tun, eigentlich verpönt war, daß einem erst nicht auffällt, daß es leicht unscharf ist.

Allerdings war das ein Straßenfoto, aufgenommen gewissermaßen aus der Hüfte heraus. Dein Bild ist ein, wie ich annehme, gestelltes Foto, und so hätte man bestimmte Dinge von vornherein eher kontrollieren können. Am linken Rand etwa ist der Anfang einer Ecke, durch die das Foto nichts hinzugewinnt. Die Sprühdosen am unteren Rand sind teilweise abgeschnitten.

Ich hätte hier versucht, das Bild vorher im Sucher zu komponieren, um diese Dinge auszubügeln, und es dann zu inszenieren. Was die Beleuchtung angeht, so hätte ich versucht, es so aussehen zu lassen, als sei das ganze tatsächlich jemand, der etwa von jemandem mit Taschenlampe in der Nacht an einer Wand auf der Straße überrascht wird.

Trotz allen Mängeln reizt mich dieses Bild, und ich denke, daß das Konzept hier doch einiges wettmacht.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Klaus Raab
    schrieb am 16. Juni 2010 um 14:58 Uhr (#)

    Vielen Dank für die Kritik und die Hinweise. Zum besseren Verständnis: Das Foto ist Teil einer Aktion in einer Boxhalle. Die Boxer einer Integrationsgruppe mit Migrationshintergrund hatten sich zusammen mit Sprayern aus der Szene einen Comic ausgedacht, der an einer Hallenwand gesprayt wurde. In dieser Handlung trat dann auch ein Boxer auf, der mit der gesprayten Figur fightete. Das Ergebnis war ein Loch in der Wand. Zur Handlung gehörte, daß der Sprayer vor der Polizei fliehen mußte. Die Szene ist hier festgehalten.

  2. Peter
    schrieb am 2. August 2010 um 12:30 Uhr (#)

    Integrationsgruppe mit Migrationshintergrund.
    Wie wäre es mit Arbeitsbeschaffung für kriminelle Ausländer, das trifft es doch besser!

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