Tempel-Porträt:
Ruhender Mönch

Der Blick des Mönches zieht den Betrachter gleich in das Foto rein – es bleibt kaum Zeit, um den symmetrischen Hintergrund zu würdigen.

Kommentar des Fotografen:

Das Bild entstand an einem Abend in Myanmar in der Shwedagon Pagode in Yangon. Er saß in einer Ecke vor einer Säule. Mich hat der stumme Blick des Mönchs fasziniert, die faltige Haut, das rote Gewand. Es gibt nicht viele Menschen, die schweigend eine Aura haben… er hatte sie!

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Patrik Dietrich:

Majestätisch: Das ist der erste Gedanke, der mir beim Betrachten des Fotos durch den Kopf geht. Der Fotograf Patrik Dietrich hat hier einen sitzenden alten burmesischen Mönch in einem roten Gewand vor einer fast ebenso roten Pagode abgebildet.

Das Besondere daran:

Der alte Mönch schaut so direkt fixiert in die Kamera, als versuche er, hinter dem Objektiv den Sinn des Lebens zu erkennen. Der Betrachter des Fotos nimmt deshalb das Foto als solches kaum noch wahr, sondern die Augen nehmen gleich zum Mönch Kontakt auf, als würde man in Yangon vor ihm stehen. Dann sieht man die vielen Falten im Gesicht, an den Händen und man fragt sich unwillkürlich: Wie werde ich im Alter aussehen?

Dieser Bezug auf das eigene Ich ist einer der Gründe, warum Menschen sich bevorzugt Fotos mit Personen als Hauptmotiv anschauen. Auch die Bildband-Bestseller berühmter Fotografen bei Amazon.de zeigen hauptsächlich Menschen.

Aber auch abgesehen vom Mönch ist das Foto gelungen. Die Hingucker-Farbe Rot dominiert das Foto im Vordergrund (Gewand) und Hintergrund (Mauer). Die fein abgestuften Säulen erzeugen Symmetrie im Hintergrund, die im Vordergrund von der Haltung des Mönches fortgesetzt wird.

Nur der Faltenwurf des Gewands sorgt für eine leichte Auflockerung. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass früher einige Architekten (vielleicht war es sogar in Asien) in ihre total symmetrischen Säulenmuster absichtlich mindestens einen winzigen Fehler eingebaut haben, damit sie vor lauter Perfektion die Götter nicht erzürnen. Hier kann der Symmetriebruch eine ähnliche Funktion erfüllen, da eine komplette Symmetrie auch schnell langweilig wirken kann.

Am störendsten im Foto ist das Buch oder die Zeitung, die hinter dem Mönch hervorlugt, und die weißen Farbflecken auf der Mauer. Bei einem streng dokumentarischen Foto darf das natürlich nicht entfernt werden, aber wer das Foto eher als Kunst (statt als Reportage) sieht, könnte diese noch digital retuschieren, um das Foto noch ruhender wirken zu lassen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Frank
    schrieb am 25. Juni 2010 um 14:11 Uhr (#)

    Sehr interessantes Foto. Auf den zweiten Blick erst scheint der Mönch zu schweben – die Knie berühren den Boden nicht…das sieht etwas seltsam aus.
    Ein weiterer Blick: wo kommt der starke Schlagschatten her – obwohl doch alles relativ gleichmäßig ausgeleuchtet ist, gibt es rechts hinter der Person einen mehr oder weniger starken Schlagschatten. Das stört mich an der sonst sehr gelungenen Aufnahme etwas. Blitzlicht?
    Grüße

    1. Patrik Dietrich
      schrieb am 25. Juni 2010 um 14:19 Uhr (#)

      Hallo Frank, das “Schweben” ist mir so nocht nicht aufgefallen, Du hast aber vollkommen recht…. Leider schwebt er nicht ( das wäre ein sensationelles Foto gewesen ), er sitzt eigentlich auf der hinteren Stufe.
      Ich denke der Schlagschatten kommt von der Beleuchtung innerhalb der Pagode, es wurde kein Blitz verwendet. Gruss Patrik

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