Katzenporträt:
Blickloser Streuner

Für Tierporträts gelten ähnliche Gesetze wie bei Menschenbildern: Uns interessieren Gesichter, Augen und Ausdruck.

Kommentar des Fotografen:

Als ambitionierter Anfänger habe ich bisher weder einen speziellen Stil, noch ein Lieblingssujet. Ich versuche möglichst oft, handwerklich ordentliche und thematisch interessante Bilder zu fotografieren. Die Aufnahme ist beim Besuch einer Freundin im ländlichen Ammerland entstanden. Sie hat mehrere Katzen, allesamt “zugelaufen” oder aus dem Tierheim. Das Porträt zeigt das neueste Familienmitglied:


Einen vom Katzenleben gezeichneten Straßenkater, welcher dem Tierarzt zufolge seit einer Verletzung mit gelähmter Zunge lebt. Aus diesem Grund kann der Kater “Zahnlos” seine Fellpflege nur mehr in Form von “Abrupfen der verfilzten Haare” betreiben. Das Ergebnis ist ein desolater Fellzustand. Als Katzenfreund muss ich eingestehen, dass ich mich zuallererst beim Streicheln von “Zahnlos” geekelt habe: Er wird zwar regelmäßig – aber mit wechselndem Erfolg – gewaschen, stinkt trotz alledem und ist übersät mit kahlen, teils wundgebissenen Stellen. Die anderen Katzen nehmen vor ihm Reißaus, denn anscheinend hat er sich in seiner Streunerzeit einiges an Autorität angeeignet. Bei dem Bild habe ich versucht, diesen auf den ersten Blick „schmuddeligen“ Kater, mit seiner liebenswerten und verletzlichen Seite einzufangen.

Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Florian Heeg:

Ein graubraunweisser Kater sitzt frontal zur Kamera mit zugekniffenen Augen auf einem Steinplatten-Gehweg, wahrscheinlich in einem Garten. Irgendetwas hängt aus seinem Mund; die geringe Schärfentiefe lässt alles ausser dem Katzengesicht in Unschärfe verschwimmen.

Irgendwann mal habe ich, wohl leicht ironisch, darum gebeten, uns keine “Katzenbilder” zuzuschicken. Natürlich war das nicht so gemeint, dass wir nie eine Fotografie einer Katze besprechen wollten. Aber “Das Katzenbild” ist zum Synonym für langweilige, immergleiche Fotografien mit nichts ausser dem “Jöööh-Effekt” geworden.

Deine Aufnahme fand ich aus zwei Gründen besprechungswürdig. Erstens ist sie nicht vollständig ambitionslos nur auf das allgemeine Motiv “herzige Katze” ausgerichtet, die von oben aus Menschenperspektive mit einer Point-And-Shoot-Kamera eine drollige Pose erfasst: Du beschreibst nicht nur ausführlich, was Dein Motiv und Deine Absicht war; es ist auch – leider nur im Ansatz – am Bild erkennbar, dass Du ein Ziel verfolgt hast.

Das Ziel war, den Charakter des alten Streunerkaters in einem Porträt zu erfassen. Nun ist es bei Menschen wie bei Tieren so, dass man in einer guten Porträtaufnahme das Wesen des Subjekts erkennen sollte. Der einfachste Weg zu solchen Aufnahmen führt entweder über die Augen – das Fenster zur Seele – oder über eine Tätigkeit des Motivs.

Und da liegt das Problem bei Deiner Aufnahme. Der Kater tut nicht nur nichts, ausser absolut katzentypisch da zu sitzen, mit um die Beine geschlungenem Schwanz – wir sehen auch noch nicht mal seine Augen.

Es ist deswegen fast unmöglich, die Haltung des Tiers einzuschätzen: Für mich sieht er müde und abgekämpft, schon fast angewidert aus, und tatsächlich – was für Dein Bild spricht – etwas ungepflegt und unappetitlich, vor allem, weil ihm da noch irgendwas aus dem Mund hängt.

Eine richtig interessante Fotografie ist deswegen aber nicht gelungen, denn eine halbschlafende, sitzende Katze vermag mich nun mal nicht zu fesseln.

Aus technischer Sicht ist das Bild nicht ganz uninteressant, weil Du dem Kater mit dem 50mm-Objektiv dicht auf den Pelz gerückt und dich dabei auf seine Augenhöhe begeben hast: Durch den relativ kurzen Fokusabstand ist trotz der nicht extrem geöffneten und für viele Mittelklasse-Objektive typischen Blende von 3,2 eine schöne Unschärfe im Hintergrund entstanden. Tatsächlich ist die Schärfentiefe so gering, dass nichts ausser dem Gesicht des Katers wirklich scharf ist.

Darin liegt noch einer der Vorteile von Spiegelreflexkameras – geringe Schärfentiefe ist eine der letzten technischen Hürden für Kompaktkamera- und Billig-SLR-Objektive, was die Bilder auszeichnet, die mit teuren, lichtstarken Objektiven entstanden sind. Meiner Erfahrung nach halten allein schon deshalb viele Laien Fotos grundsätzlich für “gut” und “aussergewöhnlich”, wenn sie eine geringe Schärfentiefe aufweisen.

Aber auch hier reicht das leider nicht für ein wirklich gutes Foto. Du hast Dich bemüht, bist auf die Knie oder in die Hocke gegangen, und das ist der Anfang. Wenn Du jetzt aber dem Kater langsam noch näher gekommen, auf einen spannenden Gesichtsausdruck oder eine Reaktion gewartet hättest, vielleicht sogar nur sein Gesicht inszeniert hättest, wäre mit etwas Glück ein spannenderes Katzenporträt als dieses hier entstanden.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Swonkie
    schrieb am 28. Juni 2010 um 18:51 Uhr (#)

    sicher kein sensationelles bild, aber doch deutlich interessanter als die üblichen katzenbilder.

    dass die augen geschlossen sind stört mich nicht. wie in der kritik erwähnt, finde ich die katze wirkt müde und abgekämpft – und das macht den reiz des bildes aus. die narben im gesicht, das ungepflegte fell, das lässt einen überlegen was dieses tier wohl so alles durchgemacht hat. ich habe schon wesentlich eindrücklichere bilder von (wilden) tieren mit kampfspuren gesehen, dennoch gut mal ein katzenbild zu sehen dass nicht vom jööö effekt lebt.

  2. Florian Heeg
    schrieb am 29. Juni 2010 um 11:36 Uhr (#)

    Vielen Dank für die ausführliche Kritik und auch die Anmerkung! In der Tat, vom Hocker haut einen das Bild wohl nicht. Deine Erklärungen sind für mich zu einem großen Teil nachvollziehbar. Für den Besten Tipp halte ich das Ausarbeiten des Gesichts. Ich würde mich beim zweiten Bild einem Ausschnitt widmen. Aber:

    Was kann diese Katze tun, um den müden, abgekämpften Eindruck noch prägnanter zu transportieren? Meiner Meinung nach mit “einfach nur nichts tun”. Ich vermute auch langes Warten (zugegeben, ich habe nicht lange warten müssen)hätte keine Handlung gezeigt, die diesen Eindruck verstärken könnte. Die Augen zu schließen sagt für mich in diesem Bild: Resignation, Rückzug, Abwenden vom Leben. Einem Blinden möchte ich nicht verkaufen müssen, dass den Blick auf die Seele nur die Augen zulassen…

    Unzufrieden bin ich bei längerer Betrachten auch mit dem Hintergrund: Er strahlt mir zu sehr Frieden und Behaglichkeit aus.

    1. Christian Gruber
      schrieb am 1. Juli 2010 um 05:14 Uhr (#)

      Also ich kann mich nicht erinnern, eine meiner drei Katzen jemals müde oder abgekämpft gesehen zu haben. Ausnahme vielleicht eine fremde Katze auf einem Bauernhof nachdem sie Junge bekommen hat und einer meiner beim Tierarzt in Narkose.
      Die gewählte Technik betont durch die geringe Tiefenschärfe zudem den Kopf. Verletzungen oder Lebenlauf zeichnende Stellen sind, soweit überhaubt erahnbar, in der unschärfe.
      Weiter hast du dich mit der Kamera positiverweise nach unten begeben, als Chefpose wäre möglicherweise aber noch der Blickwinkel von ganz unten interessant gewesen. Zuletzt noch die geschlossenen Augen die das Bild zu etwas alltäglichem machen – eine schlafende Katze. Alles in allem hast du ein (möglicherweise unmöglich erreichbares) Ziel gehabt was du ausdrücken willst. Die schlechte Fellpflege sieht man. Den Geruch, den Eckel, die gelähmte Zunge, zahnlos?, seine Autorität und den Leidensweg der Katze hast nur du erlebt.
      Nur durch deine Bildbeschreibung wissen wir davon.
      Um dann noch von einer Katze, die wir nicht live erlebt haben, deren Charakter wir nicht kennen, die liebenswerte und verletzliche Seite darzustellen, wirst du vermutlich eine Bilderserie anfertigen müssen. Alles auf einem Bild zu erkennen oder darstellen wird schwierig. Zeig die Wunden, zeig den Chef in Aktion, Zeig die Zunge, Zeig die Fellpflege, wenn dein Model mitspielt, denn Katzen haben ja ihren eigenen Willen

    2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
      schrieb am 2. Juli 2010 um 08:50 Uhr (#)

      Danke Christian, sehr schöne Ergänzungen. Vor allem die Perspektive von unten, um den “Chef” abzubilden, scheint mir ein wertvoller Hinweis: Perspektive ist ein vielfach unterschätztes Gestaltungsmittel, und wenige Zentimeter können die ganze Aussage und die Komposition radikal verändern.

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