Tierfoto:
Pfauenrad in Schwarz-Weiss

Bewusste Brüche mit Erwartungen der Betrachter können eine Fotografie zum Blickfang machen – wie im Fall dieses Schwarz-Weissen Bildes eines radschlagenden Pfaus.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Stephan Bremicker).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Stephan Bremicker).

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild entstand im Wildpark Poing. Neben mir waren noch eine Handvoll anderer Leute, welche diesen Pfau photographierten. Auch ich habe schon Pfauenbilder auf meiner Festplatte und wollte daher etwas anders machen, als das bekannte Motiv von vorne mit diesen wunderschönen Farben. Daher wählte ich für dieses Bild Offenblende und einen seitlichen Winkel um einen starken Schärfeverlauf zu erzeugen. Ebenso entschied ich mich gegen Farbe und für s/w um das Augenmerk auf die Symmetrie und Kontraste zu lenken.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Stephan Bremicker:

Ein männlicher Pfau schlägt das sprichwörtliche Rad: Der Vogel ist in dieser quadratisch geschnittenen Aufnahme in Schwarz-Weiss leicht seitlich von rechts und mit offener Blende fotografiert worden. Sein Kopf liegt im linken unteren Bilddrittel in der Schärfe, die Zeichnung des Gefieders im Gesicht wird durch die Kontraststärke in der farblosen Umsetzung hervorgehoben.

Die “Augen” in den aufgefächerten Federn führen aus der Unschärfe an den Bildrändern im Halbkreis zum Kopf des Tiers, der Blickfang liegt aber eher bei den kleinen, aufgestellten Nackenfedern des Pfaus.

Ein sehr schönes Beispiel, wie man fotografisch Details aus einem Motiv herausarbeiten kann: Mit Technik und Bildkomposition und einer überraschenden Wahl der Methoden.

Der Pfau wird generell gleichgesetzt mit Buntheit und Farbe, sein Rad aus prächtigen Federn ist ein so offensichtliches Fotomotiv, dass es bereits zum langweiligen Klischee geworden ist.

Du hast deshalb versucht, etwas anderes als die Farbenpracht ins emotionale Zentrum Deines Bildes zu stellen, und das ist Dir hervorragend gelungen.

Dabei ist darauf zu achten, dass es nicht ein einzelner Effekt ist, der dieses Bild aus der Masse heraushebt, sondern die Kombination: Eine reine Schwarz-Weiss-Version des typischen frontalen Pfauenfotos würde wohl flach und unattraktiv wirken und keinen klaren Fokus setzen. Du hast die Farblosigkeit im Zusammenspiel mit der Schärfentiefe inszeniert. Dadurch wird etwas Neues aus dem eigentlich bekannten Anblick herauskristallisiert, das anzusehen sich lohnt.

Der Kopf des Vogels mit dem kleinen Federbüschel-Krönchen ist ein Detail, dem wir in einem typischen Pfauenbild wenig Aufmerksamkeit schenken würden; hier aber ist der majestätische Ausdruck des Tiers, sein huldvoll gesenkter Blick und die Zeichnung im Kopfgefieder der eigentliche Blickfang, für den das Rad der grossen Federn nur den prunkvollen Hintergrund darstellt.

Die offene Blende und der schräge Blickwinkel schaffen in der Tat eine enorme Tiefe in der Aufnahme, die aus dem flachen Rad des Vogels einen Raum erschafft, in dessen Zentrum das eigentliche Wesen und nicht sein balzender Schein zu erkennen ist.

Dass die Aufnahme zugleich eine Art natürlicher Vignettierung aufweist (von der ich den verdacht habe, dass Du sie – nicht zu Unrecht – noch etwas nachverstärkt hast), kommt der Komposition zu Gute. Sie hat neben der ungleichmässigen, auf der linken Bildhälfte lastenden Lichtverteilung auch einen gut passenden Drittelsschnitt, der hier auch in einem quadratischen Foto gut passt.

Ein einziger kleiner Wermutstropfen ist der zu knapp angeschnittene Hals des Pfaus, der durch die enganliegende untere Kante der Fotografie keine direkte physische Verbindung zum Rad hat, das hinter ihm steht.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Ein Kommentar

  1. Herzlichen Dank für diese tolle und ausführliche Kritik! Was die Vignette angeht hast du richtig erkannt, dass ich sie nachträglich noch verstärkt habe. Bezüglich des angeschnittenen Halses gebe ich dir an sich schon Recht, nur stellte sich mir das Problem, dass man sich durch das gesamte Mit-Aufnehmen des Ansatzes auch einen unruhigen Bereich unten mit einhandelt, der für mich störender war, als der angeschnittene Hals.

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