60er Jahre Porträtfoto:
Spannung und Schwung

Das Kopieren alter Stile und Strömungen ist ein guter Weg, um eigenen Fortschritt zu entwickeln.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Moritz van Heel).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Moritz van Heel).

Kommentar des Fotografen:

Das Foto entstand bei einem Shooting für eine lokale Newcomer-Band. Ich habe versucht, sowohl lichttechnisch als auch in der Nachbearbeitung den Stil der 60er Jahre Modefotografie nachzuahmen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Moritz van Heel:

Diese Besprechung ist eine Anmassung – ich bin nun bestimmt kein Experte für Porträt- und ganz sicher nicht für Modefotografie. Aber Dein Bild hat aus mehreren Gründen meine Aufmerksamkeit gewonnen, und ich wage mich hier deshalb auf dünnes Eis:

Zu sehen ist eine junge blonde Frau in einer Schwarz-Weiss-Aufnahme in leichter “Über-die-Schulter-Pose”. Mit sanft geneigtem Kopf blickt sie aufmerksam, geradezu erwartungsvoll, in die Kamera; ihr rechter Arm ist vom Oberköper abgespreizt und angewinkelt, als wolle sie ihr Haar im Nacken richten.

Das Bild fasziniert zunächst durch den Blick des Modells, der vollständig natürlich, aber mit einer Spannung durchsetzt ist, die ebenso glaubwürdig erscheint:

Zwar handelt es sich klar um eine Studio-Situation, aber die junge Frau scheint auf den Betrachter einzugehen, als ob sie eine Antwort auf eine Frage erwarte.

Beim Versuch eines Modemuffels, sich einen schnellen Einblick in die Modefotografie der sechziger Jahre (Affiliate-Link) zu verschaffen, bin ich auf viele Bilder gestossen, die in der Tat ähnliche Posen und Beleuchtung aufweisen: Nicht übertrieben inszeniert und vielfach alltagsbezogen, meistens vereinnahmend durch einen Einbezug des Publikums und häufig seitlichem Halblicht, das durch bisweilen harte Kontraste Gesichter und Körper modelliert.

Auffällig ist im Vergleich natürlich die moderne Frisur und das praktisch Make-Up freie Gesicht, nachdem in den sechzigern offenbar knalliger Lidschatten und für heutige Verhältnisse übertrieben betonte Augenpartien mit falschen Wimpern “in” waren.

Mir gefällt an dem Bild aber neben der Haltung und der Natürlichkeit des Modells der weiche Schwung, der durch den Haarbogen über die Linke Schulter nach vorne fliesst und zusammen mit dem Schattenfall auf der rechten Gesichtsseite den Blick einrahmt.

Umgekehrt stört mich der abgeschnittene rechte Arm; auch wenn bisweilen das leichte Anschneiden von Gesichtern als Spannungsgeber in der Porträtfotografie propagiert wird: So ist es kaum gemeint, einen ganzen Körperteil nicht nur ab-, sondern auch entzwei zu schneiden: Der Oberarm verlässt den Bildumfang, der Unterarm reicht aus dem Nichts zurück ins Bild.

Ebenso lenkt der weisse Unterwäsche-Träger über der linken Schulter zu sehr vom Gesicht ab, auch wenn er die Anmutung des Bildes als Spontanaufnahme unterstreicht, die es ja eigentlich simulieren soll und nicht wirklich ist.

Besonders reizvoll ist aber die Aufgabe, die Du Dir gestellt hast, und die einmal mehr zeigt, dass es sich lohnt, sich mit den Strömungen und Entwicklungen eines Genres in der Vergangenheit zu beschäftigen und sie sogar nachzustellen: Diejenigen, die sich vor uns mit dem Medium beschäftigt haben, waren ebenso wie wir auf der Suche nach Neuem, nach einem eigenen Stil, nach künstlerischer Ausdrucksform, und das immer auch geprägt von der Epoche.

Ihre Geheimnisse zu erschliessen – und dass das Kopieren alter Meister einer der besten Wege dazu ist, wissen alle, die sich mit Malerei beschäftigen – kann ungemein helfen, bei der aktuellen Weiterentwicklung vorwärts zu kommen.

Dein Bild wirkt für mich als Laien durchaus, wie wenn es in den Sechzigern hätte entstanden sein können, und es ist darüber hinaus durch die schön inszenierte Spannung im Blick des Modells ausserordentlich lebhaft.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. mein erster gedanke (ohne ein wort zu lesen) war “wow, unglaublich altmodisch”. ich empfand das negativ, weil ich nicht vermutet hätte, dass das absicht war und weil dieser altmodische stil heute ziemlich langweilig wirkt.
    allerdings respekt für den gelungenen versuch diesen stil zu imitieren. ich bin quasi der beweis dafür, dass es funktioniert hat.

    mich stört der anschnitt beider arme etwas.

  2. Ich dachte beim Anblick des Bildes auch zuerst: “Das sieht ja voll nach 60er Jahre aus”… Scheint gewollt und gelungen zu sein… :-)

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