Strassenfoto:
Hart am Klischee

Sozialkritische Strassenfotografie ist ein beliebtes Genre unter Einsteigern. Dabei gilt es, (plumpe) Klischees zu vermeiden.

Kommentar des Fotografen:

Eine sehr dynamische und flüchtige Straßenszene, zudem in Gegenlicht. Um diesen Augenblick der “zwei Hände” festzuhalten, war nicht viel Zeit, so daß ich mit den schon zuvor eingestellten Unterbelichtung von 2/3 Blenden an die Szene heranging, auch um die Schatte nicht allzu sehr absaufen zu lassen. Was ich hier zur Diskussion stellen möchte, ist der überbelichtete Teil links unten. Manchmal stört es mich sehr, dann wiederum finde ich dieses gleißende Licht sogar unterstützend für die Bildwirkung einer sozial auseinanderdriftenden Welt voller “Licht und Schatten”. Was meint Ihr?

Peter Sennhauser meint zum Bild von Thomas Brotzler:

Quadratisch geschnittenes Strassenfoto: Eine Frau, offensichtlich gut situiert, marschiert direkt auf die Kamera zu, Sie ist nur bis zur Schulterpartie zu sehen. Sie trägt eine LV-Tasche, ist gut gekleidet und hält sich mit der linken Hand den Mantel zu. In der Rechten trägt sie neben der LV-Handtasche einen Warenhaus-Bag.

Die Frau wird auf ihrer Linken vom Gegenlicht umspült, welches den Gehsteig neben und hinter ihr ausbrennt. Zu ihrer rechten sehen wir erst auf den zweiten Blick eine ältere Frau mit weissem Haar, Kopftuch und bittend ausgestreckter Hand in einem Hauseingang sitzen.

Ich habe dieses Bild schon Hunderte Male gesehen: Wen reizt es nicht, mit seiner Beobachtung und der Kamera die Ungerechtigkeiten und die harten Realitäten ans Tageslicht zu zerren?

Dafür bieten sich Strassenszenen an, denn im öffentlichen Raum treffen Armut und Reichtum sichtbar aufeinander – in unseren Breitengraden allerdings meistens auch nur dann, wenn die Armen den Raum der Reichen belegen, um von Ihnen etwas zu verlangen: Bettler drücken den Gegensatz am direktesten aus.

Zugleich aber laufen solche Bilder Gefahr, zum Klischee zu verkommen oder ganz einfach durch die Häufigkeit der Aufnahmen zu langweilen.

Dein Bild ist dabei je nach Betrachtung eine Sammlung von Klischees oder eine gelungene Komposition, die viele passende Details aufweist.

Zunächst ist da der Gegensatz von hell und Dunkel, der gleich mehrfach auftritt: Die lichtdurchflutete, lebendige Seite des Gehsteigs und die schattige, dunkle Fassade; der helle Mantel der betuchten Passantin und die dunkel gekleidete Bettlerin.

Die LV-Handtasche und die Einkaufstasche eines Warenhauses sind starke Symbole der Konsum- und Überflussgesellschaft, das Kopftuch und die weissen Haare das Gegenteil. Selbst die Haltung der beiden Protagonistinnen spricht Bände: Die scheu erhobene Bettlerinnen-Hand und der Griff der Passantin nach dem Mantel, den sie vor der Kälte der Welt und wie abwehrend gegen die Bettlerin zuhält – mit einer Hand mit dicken Ringen an den Fingern.

Das Bild profitiert trotz dieser vollen Ladung an Klischees davon, dass die Bettlerin nicht gleich ins Auge sticht: Armut ist im Alltag bei uns schliesslich auch oft unsichtbar, die Randständigen können leicht übersehen werden.

So betrachtet erachte ich die gleissende Lichtfläche links unten nicht nur nicht als störend, sondern als einen Gewinn für das Bild, aich wenn die Schattenpartie meiner Ansicht nach durchaus noch dunkler sein dürfte.

Die Anonymität der Protagonistinnen steigert die Neugier des Betrachters ausserdem, und es gibt in dem Bild, ausgehend von der hellen Fläche, viel zu entdecken – auch wenn alles irgendwie ins Klischee passt: Es ist soviel davon vorhanden, dass es schon wieder gut ist. Als gestelltes Bild wäre es überfrachtet, als Streetfoto ist es gelungen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Kommentar

  1. Andreas
    schrieb am 31. Oktober 2010 um 22:36 Uhr (#)

    Wie schon Matt Hardy sagte: “Beauty can be seen in all things, seeing and composing the beauty in what separates the snapshot from the Photograph”.
    Also…ein Kompliment für den Artikel.

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