Langzeitbild Stadt:
Ebenen in Schwarz

Bei Nachtaufnahmen ist es besonders schwierig, räumliche Wirkung zu erzielen. Es sei denn, man nutzt alle beleuchteten Elemente der Szenerie gekonnt aus, um Bildebenen aufzubauen.

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Kommentar des Fotografen:

Hallo, nun ja Stadtansichten bei Nacht scheinen langsam ein Tick zu werden. Ich habe vor eineinhalb Jahren bereits ein Anfängerbild hier eingereicht und bin (um es freundlich zu sagen) auf Problembereiche des Bildes hingewiesen worden. Wie auch immer; man versucht an sich zu arbeiten. Seid so nett und pfückt das Bild technisch und gestalterisch auseinander. Das ist Sinn der Sache. Aber lasst dem Foto noch ein bisschen “Poesie” PS CS4 Korrekturen haben im Bereich des Zaunes stattgefunden und die Effekte um die Lampen herum sind verstärkt !

Peter Sennhauser meint zum Bild von A. Wagner:

Ein Stadt bei Nacht, durch die ein Zug oder eine S-Bahn braust. Der Zug wischt in Bewegungsunschärfe von der gesamten linken Bildhälfte im leichten Bogen ins Bild und rechts wieder hinaus; im Vordergrund steht ein Zaun, der Passanten schützen soll; rechts davon, auf der andern Seite der menschenleeren Strasse, steht ein beleuchtetes Reiterdenkmal, von dem wir kaum mehr als das Hinterteil des Pferdes sehen. In der Bildtiefe ist eine gotische Kathedrale oder ein Dom zu sehen, der seinerseits von der Tiefenunschärfe verwischt ist.

Zufällig war ich es, der schon Dein erstes Bild besprochen hat. Spontan würde ich feststellen, dass Dein “Tick” mit den Stadtnachtbildern sich durch Übung bezahlt gemacht hat: Ich fand schon das Wassertor durchaus poetisch, aber diese neue Kreation ist klar vereinnahmender.

Langzeitaufnahmen haben häufig das Problem, dass sie sehr statisch wirken – was sie ja angesichts der langen eingefrorernen Zeit auch wirklich sind: Zeitlupe in einem Bild.

Mit einem bewegten, schnellen Element lässt sich etwas Bewegung in die Aufnahme bringen, und grade in Städten entsteht so flugs eine sehr aktive Fotografie. Mit steigender Belichtungszeit wird aus der Bewegung aber wieder eine Zeitlupe, Geisterbilder oder Leere, und die Aufnahme verliert Tempo und Dynamik.

Das lässt sich mit einer ansprechenden Komposition und einem inszenierten Gegensatz von Stillstand und Bewegung wieder aufheben. Dieser Gegensatz macht hier das Bild aus: Die dynamische, leicht geschwungene Linie des durchbrausenden Zuges im Kontrast zu Zaun, Lampenmasten, Denkmal und Dom. Die Linienführung ist einfach und eindeutig, das Auge folgt dem Zug von Links über den Zaun und die Kandelaber, welche zusammen mit der horizontalen Linie des Zugs mit kleiner werdenden Vertikalen eine starke räumliche Wirkung erzielen und den Blick ebenfalls ins rechte Drittel des Bildes ziehen, wo wiederum in zwei neuen Ebenen des Bildes – inhaltlichen wie tiefenmässigen – der Kontrast zur Bewegung des Zuges mit dem zur Salzsäule erstarrten Reiter und dem Pferdehintern und der Kathedrale entsteht, die im Hintergrund und starker Unschärfe über der Szenerie thront.

Neben dieser eleganten und durch die klare Linienführung einprägsamen Kompsoition ist technisch gesehen das Licht der Kandelaber im Widerschein auf den Zaun- und Geläderholmen ein hervorragendes Mittel, umd Tiefe zuschaffen: Das Bild ist als urbane Landschaftsaufnahme mit eindeutigen Schichten und Ebenen durchsetzt, einem klaren Vorder-, einem Mittel- und einem Hintergrund.

Aus Deiner Beschreibung und den Kameradaten würde ich indes nicht eine derart starke Tiefenunschärfe auf der Kathedrale erwarten – ein Weitwinkel sorgt bei Blende 3.5 ja doch immer noch für wenig Schärfentiefeneffekte. Wenn Du also den Dom nachträglich unscharf maskiert hast, hast Du es meiner Ansicht nach etwas übertrieben, falls nicht, muss ich mich mal länger mit Schärfentiefeneffekten bei nächtlichen Langzeitaufnahmen auseinandersetzen.

Die Poesie in dem Bild ist unübersehbar, und die Komposition und die Technik streichen sie wirksam heraus.

Ein letztes Wort zum Beschnitt: Das Breitformat von ungefähr 16:9 verleiht der Aufnahme den inzwischen mehrfach angesprochenen Kino-Look und passt gut zur Horizontalen des Zugs.

Indes stört die Mittung des Zugs auf der Linken Seite des Bildes etwas, und die Kathedrale könnte nach oben auch noch etwas Raum vertragen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Swonkie
    schrieb am 20. Juli 2010 um 15:05 Uhr (#)

    Aus Deiner Beschreibung und den Kameradaten würde ich indes nicht eine derart starke Tiefenunschärfe auf der Kathedrale erwarten – ein Weitwinkel sorgt bei Blende 3.5 ja doch immer noch für wenig Schärfentiefeneffekte.

    genau das macht mich auch stutzig. wurde da nicht auch noch mit photoshop gewerkelt?

  2. Christian Gruber
    schrieb am 20. Juli 2010 um 21:00 Uhr (#)

    Grundsätzlich mal gelungene Idee oder gutes Auge.
    Zur Präsentation des Fotos wäre noch ein Scharzer Rand (mit verlaufender Ausgeblendungder linken Bildelemente) interessant, da der Reiter mir persönlich zu hart am Rand ist.

    Wobei nüchtern betrachtet auf dem Bild nur die Gitter und der Reiter scharf sind. Dem gegenüber steht der Tiefeneffekt mit der leicht unscharfen Kirche. Ob das aufgrund der Relationen bzw Linien im Bild überhaupt notwendig ist? Der Zug kommt klar aus der Tiefe und grenzt den Vordergrund gegen den Hintergrund toll ab. Das Gitter wird kleiner, die Relation Reiter halb so groß wie die Kirche.

    Eine andere Bilddynamik hätte (oder kann man ja noch) dasselbe Bild 2 bis 3 Sekunden früher erstellt geboten. Dann wäre der Zug(S-Bahn, …?) vermutlich mal nicht aus dem Bild gefahren. Wobei man hinterher immer schlauer ist, bzw für das Timing sicher ein paar Züge probiert werden muß, was mitunter sicher zeitintensiv ist.

    Von der Tiefenschärfe her schätze ich mit dem Tiefenschärferechner, das du in etwa auf das (ein) Objekt in 4,5 bis 5 Meter entfernung fokussiert hast. Das ergibt für den Weitesten Objektabstand mit aktzeptabler Schärfe je nach genauem fokusabstand grob zwischen 20 und 300 Metern. Sprich da bewegen sich die Schärfenbereiche rasant.

    Ich persönlich würde, wenn ich die Möglichkeit hätte, dasselbe Foto mit f/4.5 (ergibt schon unendlichen Schärfentiefenbereich ) mit etwas höherer Belichtungszeit oder von mir aus auch iso400 ca 2 Sekunden, gemessen an der Zugpostion, früher machen. Zum Geschwindigkeit bzw. Startabschätzen kannst du versuchen, die Wegstrecke im Bild mit deiner Belichtungszeit als Basis zu erarbeiten.

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