Zapfhahnromantik:
Blickführung unklar

Geringe Schärfentiefe ist ein sehr rabiates Mittel für die Blickführung – und bietet damit Raum für Regelbrüche.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Carsten Brüggenolte).

Kommentar des Fotografen:

Aufgenommen in einem Pub in London

Peter Sennhauser meint zum Bild von Carsten Brüggenolte:

Eine Reihe von Bierzapfhähnen in einem englischen Pub reiht sich ungefähr in der horizontalen Bildmitte der Aufnahme von ganz links bis weit ins letzte Drittel nach rechts in die Tiefe des Raums. Dahinter sind entlang der Bar weitere, klassische Zapfhähne erkennbar, die allerdings bereits stark in der Schärfenuntiefe verschwimmen; am rechten Bildrand ist der Hintergrund des Raums nur noch schemenhaft zu erkennen, an der Decke hängt hier ein Kugellampe, die in der Aufnahme bereits durch das Bokeh zur weissen Scheibe wird.

Mit Blende 2.8 und einem Weitwinkel von ca. 28mm fotografiert, verschwimmt in dieser Aufnahme der Hinter- wie auch der unmittelbare Vordergrund in der Schärfenuntiefe, weil Du eine sehr kurze Fokusdienstanz zum mittleren Zahpfhahn gewählt und sehr dicht an die Objekte herangerückt bist. Das ist ein spannendes Stilmittel, um das Augenmerk der Betrachter auf einen ganz bestimmten Punkt im Bild zu lenken.

Es ist aber auch ein sehr rabiates Mittel, denn Du lässt den Betrachtern eigentlich keine Wahl, das Auge frei wandern zu lassen. Das ist wie ein Satz mit Ausrufezeichen in einem Text: Er muss eine markante, wichtige Aussage machen, oder aber das Satzzeichen wirkt verfehlt!

Hier ist das nun so, dass ich im Schärfenbereich – auf dem Murphy-Schild – die Bildaussage oder die Pointe suche, sie aber nicht finde.

Geringe Schärfentiefe ist aber nicht nur für die offenkundige Blickführung geeignet, sondern sie lädt auch zu Brüchen ein: Hintergründe, die nur als Schema erkennbar sind, aber einen klaren Bestandteil der Bildaussage ausmachen. Versteckte Hinweise, ironische Zusatzinhalte, erklärende und die Sachlage auflösende, aber scheinbar zufällig ins Bild gerückte Elemente.

Auch davon ist hier nichts zu finden, sondern ich frage mich vielmehr, weshalb Du Dich nicht noch mehr auf die Zapfhähne konzentriert hast und mir diese weisse Lampe im Raum zeigst, die enorm vom Motiv ablenkt und dabei aber als ausgebrannte Scheibe nichts beizusteuern hat.

Deutlich lebendiger und als Stimmungsstudie wirksamer würde das Bild ausserdem, wenn im Hintergrund der unscharfen Bar beispielsweise der Barkeeper am Bier zapfen oder mit einem Gast in ein Gespräch vertieft wäre.

 

6 Antworten
  1. Carsten says:

    Hi,

    vielen Dank für die viele Kritik. Ich werde mir die Ratschläge zu Herzen nehmen und es beim nächsten Mal besser machen. Ich kenne mich zwar mit den ganzen technischen Dingen aus, aber das „Fotografische Auge“ muss ich erst noch trainieren.

    Ich bin ja froh wenn jemand seine ehrliche Meinung abgibt. Danke

    @Swonkie: Danke für deine Offenheit. Jeder findet an einem Bild etwas anderes schön. Und da ich ein Biertrinker und Fan von ausländischen Bieren bin, war es wichtig für mich mein Lieblingsbier (Zumindest in Form des Zapfhahn) festzuhalten.

    mfg CB

    Antworten
  2. Christian Gruber says:

    @swonkie
    Nicht so hart. f/2,8 bei 18mm ist kein Anfängerobjektiv.

    Durch (neu gekaufte) lichtstarke Objektive wird man (ich auf jeden Fall) gerne dazu verleitet, den Hintergrund verschwinden zu lassen – wie hier – um etwas in den Blickpunkt zu rücken. Wobei der Segen der Digitalfotographie – das Display zum kontrollieren – oft die Stärke der Unschärfe nicht so leicht erkennbar wiedergibt. Bei meiner 500d fällt mir das erst bei 5-10fach Vergrößerung auf.Andererseits achte ich auch oft nur darauf, das unscharf ist was unscharf sein soll und übersehe zu kontrollieren ob alles scharf ist was scharf sein soll.

    Wie Peter gesagt hat, hier ist das Resultat für ein interessantes Bild zuwenig. f/4.0 und 15cm links wäre die ganze Zapfhahnarmatur mit allen Zapfhähnen auf dem Bild gewesen und die Lampe wäre verschwunden. Oder vielleicht besser 50cm zurück und ca 24mm Brennweite.

    Antworten
    • Swonkie says:

      ist ja nicht beleidigend gemeint. ich habe massenhaft solche fotos gemacht – ich würde bloss nicht auf die idee kommen sie meinen freunden zu präsentieren oder gar zur kritik einzureichen.

      meiner meinung nach gibt das bild auch nichts her wenn es mehr tiefenschärfe und einen besseren ausschnitt hat.

  3. Swonkie says:

    jemand hat eine neue kamera und ist fasziniert von der geringen tiefenschärfe. das ist wohl dann auch schon alles was hier passiert ist.

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] scharfen Bild niemand zuerst hingucken würde. Ich habe die Schärfentiefe deswegen auch schon als fotografisches Ausrufezeichen […]

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *