Hofszene:
Eine Stadt sucht einen Mörder

Manche Stimmungsbilder funktionieren einfach so, andere erinnern an Klassiker. Beispielsweise aus der Filmgeschichte.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Carsten Nichte).

Kommentar des Fotografen:

Ein trostloser Hinterhof im Zentrum von Wien als Platz zum spielen. Der Blick ging durch ein Flurfenster. Und ich hatte ein beklemmendes Gefühl von Enge dabei.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Carsten Nichte:

Ein Kinderfahrrad steht in einem Hinterhof vor einer Mauer. Der Himmel scheint bedeckt, jedenfalls erhellt nur indirektes Licht den Hof (sehr weiche Schatten); die ganze Umgebung scheint aus Beton zu bestehen, der Hofboden hat Risse, aus dem Unkraut wächst.

Die Sicht in den Hof erfolgt durch einen schmalen, schattigen Durchgang. Im Hof ist eine Wäscheleine mit Klammern und einem aufgehängten Putzlappen zu sehen. Hinter der Mauer, die den Hof abgrenzt, ragen Pflanzen hoch und deuten einen Garten an; die obersten Abschnitte zweier Fenster des Nachbarhauses sind gerade noch zu sehen.

Es ist bisweilen faszinierend zu sehen, wie wir funktionieren und worauf wir trainiert sind:

Die Szene, in Schwarz weiss und fotografiert durch den engen Durchgang, hat etwas Beklemmendes. Das „verlassene“ Kinderfahrradweckt sofort Assoziationen und Fragen: Wo ist das Kind? Warum ist das Rad da parkiert? Weshalb hängt hier keine Wäsche?

Zusammen mit der nicht sonderlich einladenden Atmosphäre, der Umsetzung in Schwarz-Weiss und der Rahmung mit dem Durchgang, dem Blick aus dem Dunkel, entsteht eine Szenerie, die an den Film Noir und Techniken erinnert, die uns in Krimis schon xfach vorgeführt wurde und auf die wir deshalb konditioniert sind: Das ruhige Bild im Hinterhof ist das Stellvertreterbild der schrecklichen Szenerie eines Verbrechens.

Der gesamte Bildaufbau unterstützt diese Andeutung. Dahinter steckt aber noch mehr, indem die Komposition viele Aufgaben erfüllt: Durch den versetzten Durchgang und die ungewöhnliche Lichtverteilung entsteht Tiefe, die Linien sind sauber parallel zum Bildrahmen gestellt und sorgen für einen Fensterblick, die Horizontalen teilen die Aufnahmen in mehrere Flächen.

Weiter kommen Elemente hinzu, die schon fast mystisch wirken – die beiden Fenster, die wie Augen über die Betonwand lugen, und die Andeutung eines Gartens, einer Grünfläche, auf der andern Seite der Mauer, jenseits des trostlosen Vorhofs zur Hölle.

Sehr schön gesehen, gut umgesetzt, wenn auch beklemmend.

Technisch könnte man allenfalls festhalten, dass eine kleinere Blende mehr Schärfentiefe verliehen und eine erhöhte ISO-Zahl (zum Ausgleich der Belichtungszeit) ein Rauschen ergeben hätte, das diesem Bild zumindest nicht abträglich gewesen wäre. Mit Stativ hättest Du zudem auch lange Belichtungszeiten und damit eine sehr kleine Blende benutzen können.

Mich hätte ausserdem interessiert, wie das Bild aus geringerer Höhe (Kidnersperspektive) gewirkt hätte. Das ist ein einfacher Kniff, den wir häufig vergessen: In die Knie oder auf eine Kiste zu stehen kann ein Bild radikal verändern.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Antworten
  1. Carsten Nichte says:

    Im Übrigen finde ich eure Reihe klasse, und lerne viel aus den Fotos und Kritiken. Fotografie ist für mich reine Bauchsache, und ein Gespür für den richtigen Augenblick, eine Situation authentisch einzufangen. Das gelingt nicht immer. Technische Aspekte sind für mich nachrangig, bzw „notwendiges Übel“… aber ich ertappe mich immer mehr dabei, auch mit dem Blick „bewusst“ zu inszenieren, was mir zunächst eher unbewusst vor die Linse kommt. Meist ist allerdings nicht genug Zeit, und Entscheidungen müssen schnell gefällt werden. Wie oft denke ich in nach hinein „da hätte ich mehr rausholen können“… Aber das macht für mich auch den Reiz der Fotografie aus. Dabei ist die beste Entscheidung immer, die Kamera überhaupt dabei zu haben… was oft genug leider nicht der Fall ist. Oft fotografiere ich ohne Apparat. Einfach um die Wahrnehmung für meine Umwelt, und die kleinen Dinge zu schärfen.

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  2. Carsten Nichte says:

    Das Foto ist in den frühen Morgenstunden entstanden. Es war mehr Zufall, das mein Blick im Flur durch ein schmales Fenster auf diese Szene fiel – ich war von der letzten Nacht noch viel zu Müde. Mich hat spontan der eingeschränkte Blick fasziniert. Man konnte die Ecken… weder die vorderen, noch die hinteren, einsehen. Das zog mein Interesse auf sich, und lud zum verweilen ein. Die rissige Struktur auf dem ansonsten leeren Betonboden im Mittelgrund lenkt den Blick zusätzlich Richtung Fahrrad, und rechts um die Ecke. Überhaupt fand ich die vielen Linien spannend, die das Bild teilen. Ein tieferer Standpunkt hätte die Fenster verschwinden lassen, die wie Augen auf die Szene blicken, und die etwas sehen, was mir verborgen bleibt. Es war generell knifflig den Richtigen Standpunkt zu finden, da die Perspektive sehr beschränkt war. Ich hätte auch gerne mehr Schärfe gehabt, und bin schon auf ISO200 gegangen. Ich hatte leider (wie so oft) mein Stativ nicht mit. Es gibt noch eine Variante mit einer zusätzlichen verwinkelten Ebene… dem Fenster, durch das der Blick auf den Hof fällt. Aber das lenkte letztlich von dem eigentlichen Thema ab.

    Generell fand ich den Kontrast spannend. Wien hat so viele großartige, pompöse, auf Glanz polierte Bauten. Mich interessierte in dem Augenblick eher die meist verborgene marode Seite… :-)

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  3. Uwe S says:

    Das Bild gefällt mir, und die Perspektive erscheint mir ausgewogen, denn sie zeigt weder zu viel vom Boden noch vom Nachbarhaus.

    Der Mittelgrund bleibt seltsam leer, was zur „Beklemmung“ beiträgt. Vielleicht hätten man das kleine Fahrrad ein paar Handbreit von der Mauer weg rücken, und damit dem Schatten mehr Raum geben können.

    Solche Stillleben sollten möglichst von vorn bis hinten knackscharf sein, daher finde ich Peters Anregung mit Stativ zu arbeiten sehr gut. Vermeidbares Rauschen wäre mir bei diesem Motiv nicht willkommen, weil es die feinen Texturen beeinträchtigen würde.

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