Die Nackte in der Fabrik:
Über das Offensichtliche hinausgehen

Neben den kompositorischen und technischen Grundlagen sind es die immateriellen Werte, die auch klischeehafte Bilder in mehr als ihren Inhalt verwandeln sollten.

Kommentar des Fotografen:

Das Bild entstand bei einem Shooting im ehemaligen Stahlwerk Brandenburg. Mich reizte der Kontrast und das Zusammenwirken zwischen der groben und interessanten Struktur der industriellen Umgebung und der Verletzlichkeit und Ästhetik des Körpers.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Bodo Viebahn:

Robert Kneschke hat in seiner Kritik „Junge Frau in einer Burg“ bereits geschrieben, dass “der Gegensatz junger weiblicher Haut und alten Steingemäuern” schon so oft fotografiert wurde, dass er zum Klischee geworden ist.

Das gleiche könnte über nackte Frauen in verlassenen oder herunter gekommenen Fabrikgebäuden gesagt werden. So viele solcher Fotos wurden bereits gemacht, und nur wenige sind es wert, betrachtet zu werden:

Zu oft scheinen Fotografen die technischen und kompositorischen Grundlagen zu vergessen und die immateriellen Werte zu ignorieren, nur weil eine Frau ihre Kleidung ausgezogen hat.

In diesem Bild ist die Schärfe gut, die Beleuchtung auf dem Körper der Frau ist gelungen und zeigt wahrlich ihre Verletzlichkeit, wenn auch etwas oberflächlich. Die Komposition ist ordentlich, sie folgt grob der Drittelregel. Die immaterielleren Werte jedoch scheinen übersehen worden zu sein, und es gibt ein paar kleine Details, die tatsächlich große Ablenkungen darstellen.

Zum Beispiel die Schläuche, die aus dem Rücken und Kopf der Frau zu kommen scheinen – so etwas sollte normalerweise vermieden werden. Außerdem sind sowohl die Schläuche als auch die Wand auf der rechten Bildseite zu hell, vergleicht man sie mit dem Rest des Fotos. Sie ziehen zu viel Aufmerksamkeit auf sich.

Neben den technischen und kompositorischen Grundlagen sollten die immateriellen Aspekte wie Stimmung, Atmosphäre, Harmonie, Spannung, Geheimnis oder Drama nicht vernachlässigt werden.

Die Kombination des Gesichtsausdrucks und der Art, wie sie ihre Hände auf dem Ventil hält, wirken zu kalt und gestellt. Sie steht definitiv in einer alten Fabrik, das ist offen zu sehen, jedoch gibt es keine klare Beziehung oder Interaktion zwischen ihr und der Umgebung. Sie hätte irgendwie mehr in ihre Umgebung integriert werden müssen. Hier steht einfach eine nackte Frau in einer Fabrik. Und damit endet die Geschichte.

Um ein Foto zu machen, das mehr bedeutet als seinen einfachen Inhalt, muss genauso viel Wert auf die immateriellen Werte gelegt werden, wie auf die technischen und kompositorischen Grundlagen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Kommentare

  1. Christian Loose
    schrieb am 2. August 2010 um 16:00 Uhr (#)

    Ich habe auch nie verstanden, warum manche Fotografen sowas machen. ‘Ne nackte Frau in eine alte Fabrik, o.ä. zu stellen und techn. korrekt abzulichten stellt in meinen Augen auch keine Kunst dar. Wenn sie wenigstens öl-verschmiert wäre, oder eine Schweißerbrille tragen würde…
    Ich finde sogar, dass man hier dem Model ansieht, dass sie sich unwohl dabei fühlt. Vielleicht ist es aber auch nur meine Interpretation des Bildes.

    Gruß,
    Christian

  2. Bodo Viebahn
    schrieb am 4. August 2010 um 22:33 Uhr (#)

    Lieber Douglas Abuelo,
    vielen Dank für die anregende Kritik. Ich habe mich tatsächlich im wesentlichen auf den von mir im Begleitkommentar beschriebnen Kontrast und die Wechselwirkung zwischen Model und Umgebung konzentriert und die in der Kritik beschriebenen immateriellen Werte wenig in Betracht gezogen. Hier kann ich sicherlich kreativer und deutlich inszenierender werden. Die Abdunkelung der Schläuche und der rechten Wand habe ich umgesetzt. Der Effekt hat mich überzeugt.
    Ich scheue mich allerdings auch in Zukunft nicht, Themen und Sujets zu fotografieren, die durch ihre Häufigkeit klischeehaften Charakter bekommen haben. Wichtiger ist mir, zu lernen, dabei meine eigenen Blick und Stil deutlicher zu entwickeln und auszudrücken. Das Foto entstand bei meinem ersten Aktshooting überhaupt und diese Profikritik beschleunigt meinen Lernprozess.
    Zum Schluß noch die leider versäumten Exif-Daten: 0,4s bei f/9, ISO 400, 70mm, EOS 20D.
    Liebe Grüße
    Bodo
    P.S.: Zum Glück weiß ich, dass sich das Model wohl gefühlt hat.

  3. Schtonk!
    schrieb am 5. August 2010 um 07:46 Uhr (#)

    “der Gegensatz junger weiblicher Haut und alten Steingemäuern” schon so oft fotografiert wurde, dass er zum Klischee geworden ist.

    Hm, wie wäre es mit ‘ner nackten alten Frau im Rohbau? Das wäre dann ja mal was Neues und sicher irre erfolgreich! ;o)

    Was anderes: Wieso ist “ASCII-Art” Werbung? Etwa für die Telekom (wegen der t)?

  4. drachenkind
    schrieb am 4. März 2011 um 00:35 Uhr (#)

    an akt möchte ich mich, als frau, ja auch heran tasten. werde aber sicher nicht so “selbstsicher” sein, gleich die ersten bilder davon hier einzustellen. fotografieren heisst lernen. bei jedem mal.
    was ich nicht verstehe sind deine exif daten..wieso blende 9?
    vielleicht solltest du erstmal mit angezogenen models lernen, wie man sich als model in eine umgebung einfühlt…so mach ich das gerade.mfg

    1. Bodo
      schrieb am 5. März 2011 um 15:25 Uhr (#)

      Hi drachenkind,
      meine Haltung zum Lernen ist, dass jeder seinen eigenen Weg wählt (mit Risiken und Nebenwirkungen). Ich wünsche Dir, dass Du auf Deinem gut voran kommst. Zu Deiner konkreten Frage: Blende 9 war für mich bezogen auf Schärfentiefe und Lichtsituation das passende.
      MfG Bodo

  5. drachenkind
    schrieb am 6. März 2011 um 22:41 Uhr (#)

    @bodo. das ist wohl wahr. aber man sollte nicht unbedingt den zweiten schritt vor den ersten tun. das es dir nicht richtig gelingt, sieht man an der kritik zu deinen bildern.
    nackte frauen abzulichten, bdeutet nicht nur sich auf haut und weibliche geschlechtsmerkmale zu konzentieren, sondern ganz besonders sich in das model hineinzufühlen und das model dazu zu bringen, sich mit der location zu identifizieren. das gelingt dir aber nicht. wahrscheinlich siehst du die sache einfach als mann und denkst nicht “weiblich” genug. ich meine hier sensibel und einfühlsam. du solltest die profikritik unbedingt ernst nehmen und vielleicht eben doch einen anderen weg beschreiten. ich bin mir fast sicher, das du anders weiter kommst. es gibt schon genug nackte langweilige frauenbilder. sorry, wenn mein kommentar dich irgendwie verletzt.
    deine blende versteh ich trotzdem nicht, wozu willst du den hintergrund scharf haben, der ist doch nicht so wichtig? blende 6,5 hätte es auch getan. weil iso 400 hätteste du dann vielleicht auf iso 200 reduzieren können.
    mit tiefenschärfe kann man doch so schön spielen :)

    schönen abend noch…mfg

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