Aussenbezirk:
Verlorene Farbe

Zuviele Ideen in einem Bild funktionieren in der Komposition meist schlechter als die Reduktion auf eine.

Kommentar des Fotografen:

Das Bild entstand vor einem ehemaligen Werksgelände in Düsseldorf das neu bebaut wurde. Gereizt hatte mich an der Situation einmal der Kontrast zwischen der farbigen Litfasssäule und dem fast farblosen Hintergrund, die recht klaren graphischen Strukturen, der Kranstumpf im Hintergrund, der ein bisschen surreal wirkte und auch die Anspielung an ältere ähnliche Städtebilder, die mit einer durchgehenden Mauer im Vordergrund eher schäbige oder heruntergekommene Stadtteile zeigten. Hier könnte sich der Betrachter fragen, ob hinter dieser Mauer wirklich etwas Schöneres entsteht und wie es dort wohl aussieht. (Aufgenommen mit Canon 1000D und Leica-R 2,8/28mm II. Version, wahrscheinlich f/8. Der linke Teil des Vordergrundes stand im Schatten.)

Peter Sennhauser meint zum Bild von Jürgen Beckmann:

Situationsbild aus dem Aussenbezirk einer Stadt – Im Vordergrund des an ein Pano-Format angelehnten Bildes ist der Gehsteig einer Strasse zu sehen, auf dem links eine Litfasssäule mit bunten Plakaten, in der Mitte und rechts Strassenschilder stehen.

Der etwas verwahrloste Eindruck wird durch Grasbüschel verstärkt, die aus dem Boden wachsen; in der Bildmitte ragt ein Bauzaun aus Beton und Holz auf, über dessen Oberkante die Obergeschosse zweier postmoderner Büro- oder Hotelbauten aufragen, zwischen denen im weiteren Hintergrund ein Kran im Aufbau zu stehen scheint.

In diesem Bild ziehen zunächst zwei Punkte die Blicke an:

Die bunte Litfasssäule mit dem Grease-Poster und der Schriftzug “Innside” auf der einen der beiden Fassaden. Die Stimmung wirkt surreal, weil das Bild menschenleer und “an die Wand fotografiert” ist: Keines der abgebildeten Elemente scheint in einem Kontext zu den anderen zu stehen oder einen Sinn zu erfüllen. Die Litfasssäule im menschenleeren Raum, die abgewandten Strassenschilder, die Gebäude weit hinter dem Zaun, der halbaufgebaute Kran – lauter Dinge, die für sich uninteressant und hier in der scheinbar bunt zusammengewürfelten Komposition seltsam spannend werden.

Das inhaltliche “Chaos” wird durch die Struktur der klaren Linien in diesem Gefüge ausserdem zusätzlich kontrastiert. Es herrscht vertikale und horizontale Ordnung, die indes keinen Sinn zu ergeben scheint.

Deine Bildidee bestand darin, viele Elemente just in diesen bezugslosen Verband zu setzen. das ist Dir grundsätzlich gelungen – das Bild wirft so viele Fragen auf, dass man jedenfalls kurz stoppt und nach dem zu suchen beginnt, was die Szenerie eigentlich ausmacht.

Es gibt allerdings keinen Zweifel, dass dies die Litfasssäule ist. Die Groteske des Bildes steckt darin, dass sie hier mit einem Grossaufgebot an Plakaten mitten in einer städtischen Wüste für ein Musical wirbt. Die Menschen sind im Bild repräsentiert durch die leblosen, flachen Figuren auf den Plakaten, und wir vermuten sie höchstens noch weit hinten in den ebenso leblosen und kalten Gebäuden.

Der Schriftzug “Innside”, ein Wortspiel aus Inn (Gasthaus) und inside (Innenraum), ergänzt die Ironie der Widersprüche auf dieser gedanklichen Ebene.

Der unmittelbare Bildausdruck allerdings leidet meiner Ansicht nach ein bisschen darunter, dass Du noch mehr Elemente gesehen hast, welche die Stimmung ausmachen könnten und sie alle ins Bild integrieren wolltest. Wie schon mehrfach gesagt: Wenn die Aussage des Bildes und seine Hauptelemente feststehen, lohnt es sich meistens, alles andere wegzulassen und das Bild auf den Kernpunkt zu reduzieren.

Hier würde das heissen, die absurd platzierte Litfasssäule vor dem Zaun und den Gebäuden im Hintergrund zu inszenieren. Die Strassenschilder sind zwar nicht völlig “daneben”, aber sie tragen nicht genug zum Gesamtbild bei und erzwingen eine suboptimale Bildaufteilung.

In jedem Fall fehlt im Vordergrund ein Minimum an Raum: Du hast der Litfasssäule den Fuss abgeschnitten, sie muss aber eigentlich allein und einsam in der Teerwüste des Gehsteigs stehen, und das bedingt ein Minimum an Raum vornedran.

Ich habe ausserdem mit der Perspektivenkorrektur in Photoshop (Filter, Verzerrung, Objektivkorrektur) die stürzenden Linien geradegestellt, etwas Vordergrund hineingeklont (nur zu Anschauungszwecken) und die rechte Seite des Bildes ganz, die Link leichte beschnitten.

Nicht wirklich schlüssig war ich mir über die Rolle des Himmels: Er verstärkt in Deiner Komposition durch seine dominante Leerheit die grotesk anmutende Szenerie. Trotzdem habe ich ihn in der beschnittenen Version ebenfalls gestutzt, weil er hier nicht mehr wirklich etwas zum Bild beiträgt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. Jürgen Beckmann
    schrieb am 11. August 2010 um 19:37 Uhr (#)

    Hallo Peter , erstmal vielen Dank für die Auswahl des Bildes und die umfangreiche Analyse.
    Hatte mir auch schon viele Eurer Kommtentare zu anderen Bildern angesehen und denke daraus schon manches gelernt zu haben.

    Für Bilder, die einen leicht surrealen oder entrückten Eindruck hinterlassen, habe ich auch schon länger ein Faible, aber bisher ist mir da selber nicht viel gelungen. Deshalb war es mir dann doch wichtig hier mal zu versuchen Euren Eindruck und evtl. Ratschläge einzuholen.
    Deine Eindrücke wie ‘Grotesk’, ‘Chaos’ oder ‘Surreal’ (über die sich wohl andere Einsender nicht wirklich freuen würden) bestätigen wohl auch erstmal, das das Bild im grossen und ganzen funktioniert und den
    Eindruck, den ich bei der Aufnahme hatte und transportieren wollte, so im Bild rüberkommt.
    Deine Vorschläge zum Bildaufbau und weiterer Beschneidung sind aber sehr hilfreich. Da hatte ich mich wohl zu sehr auf den Eindruck vor Ort verlassen und einzelnen Aspekten zu wenig Beachtung geschenkt.

    Entzerrt hatte ich das Bild noch nicht, da ich nicht den Eindruck erwecken wollte, das Bildinhalte oder einzelne Motive bearbeitet worden wären. Den Himmel hatte ich beschnitten, da dort Drähte von Oberleitungen waren. Wollte aber nicht zu viel Himmel wegnehmen, da ich Angst hatte, das das Bild dann drückend wirkt und oben keine Luft mehr hat, aber das war wohl unbegründet.
    Die Beschneidung rechts ist ein guter Vorschlag, das hatte ich noch nicht in Erwägung gezogen. Die Plazierung des Schriftzuges am rechten Rand oben ist wohl genau richtig und bildet eine klaren Bildabschluss.

    Unten vor der Litfasssäule war leider keine Asphaltfläche mehr, wie von Dir im Vorschlag eingefügt.
    Die Säule stand vorne direkt auf der Bordsteinkante, und diese plus Gulli, Müll und anderer Objekte wollte ich nicht im Bild haben, da sie noch mehr abgelenkt hätten. Ansonsten wäre es mit mehr Raum unten besser gewesen, da die Säule dann besser im Bild verankert gewesen wäre.
    Da könnte man evtl. in PhotoShop noch etwas nachhelfen.

    Werde mal in Zukunft versuchen weitere Bilder dieser Art zu machen und Deine Vorschläge zu berücksichtigen (und noch mehr Betrachter ratlos zurückzulassen ;-).
    Viele Grüsse Jürgen

  2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 16. August 2010 um 17:37 Uhr (#)

    Jürgen: Grotesk ist vielleicht auch ein zu starkes Wort, aber surreal war ja wohl Deine Absicht.
    Was ich im Text unterschlagen habe, ist der Hinweis auf die Buntheit der Litfasssäule im Kontrast zur “Restwelt”, der den Ausschlag für den Titel gegeben hat.
    Die Bedrücktheit durch den beschnittenen Himmel war auch mein Bedenken. Ich fand dann aber doch, dass der Himmel nicht genügend zum Bild beiträgt, und hab ihn deshalb beschnitten. Ausserdem kommen wir so wieder zum 16:9-Bildschnitt, der etwas cineastisches Flair aufkommen lässt: Das Bild wird zur Bühne für wunderliche Dinge, die sich hier abspielen könnten.

  3. Monika
    schrieb am 20. August 2010 um 10:06 Uhr (#)

    Ich finde die Kritik zu dem Bild fantastisch, da sie mir genau sagt, worauf man bei der Wahl des Bildausschnittes achten sollte (vorallem so ein Anfänger wie ich). Der Unterschied zwischen dem Original und dem beschnittenen Bild ist schon enorm. Weniger ist eben oft mehr.

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