Waldbach-Langzeitbelichtung:
Fransen am Rand

Landschaftsfotografie stellt viele versteckte Herausforderungen. Eine besteht darin, ausfransende Bildränder zu vermeiden.

Kommentar des Fotografen:

Auf einer Tour durch den südlichen Schwarzwald ist mir auf einem Wanderweg durch die Schluchten dieses Bild vor die Linse gesprungen. Aufgenommen mit einer Canon 500D und einem Sigma 10-20mm 4-5,6 Objektiv bei Brennweite 20mm.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Thorsten Huber:

Ein Waldbächlein strömt plätschernd durch dicht bemoostes Unterholz, über Kalkstein-Formationen und unter zwei vermodernden Baumästen hindurch. Die Langzeit-Belichtung lässt den Bach, der sich durch die vertikale Mitte des Bildes schlängelt, zu einer watteweichen weissen Masse werden. Die Steinformationen in der kleinen Schlucht links und rechts des Wassers sind stark von Moos, Kräutern und Farn bewachsen.

Die Aufnahme hat drei klare Schwerpunkte, oder vielmehr -Linien:

Den Bach, der direkt auf den Betrachter zufliesst und dabei über meherer Schwellen leicht nach links mäandriert, und die beiden Holzstücke, die in verschiedenen Stadien des Zerfalls stehen. Der Bach und das Moos-Gehölz verlaufen dabei fast parallel von rechts oben/hinten nach links in den Vordergrund, wobei das Auge unwillkürlich dem Bachverlauf folgt. Der darunterliegende Ast bildet mit seiner gegenläufigen Diagonale einen Spannungsbogen.

Die Wände der kleinen Schlucht links und rechts dagegen tragen nichts zum Bild bei und bilden noch nicht einmal einen funktionierenden Rahmen für das Motiv. Links franst das Bild neben dem Bach in Grünzeug aus, rechts gäbe es zwar eine möglicherweise spannende Steinformation, die aber abgeschnitten wird, und der dürre Ast auf dem Vorsprung lenkt unnötig ab.

In der Landschaft werden wir häufig überwältigt von der Vielzahl der Bilder, die uns, wie Du schreibst, “vor die Linse springen”. Das Problem ist dabei nicht der Mangel, sondern häufiger der Überfluss an möglichen Motiven: Denn ein überladenes Bild verfehlt seine Wirkung.

Ein Merksatz, den ich in einem Workshop gelernt habe, lautet aber: Das Bild, das Du fotografieren wolltest, ist immer im Ausschnitt enthalten – Du musst es nur finden.

Mit anderen Worten: Wir tendieren dazu, den Ausschnitt zu weit zu wählen und damit die Komposition des eigentlichen Bildinhaltes zu verwaschen.

Dein Schwarzwald-Bild hätte, auch wenn es bisweilen reizvoll ist, vertikal dominierte Bilder horizontal zu komponieren, eine Kameradrehung um 90 Grad eindeutig verdient. Weit interessanter als das Gestrüpp links und rechts des Baches wäre sein weiterer Verlauf direkt im Vordergrund und sein Ursprung im Hintergrund; In deiner Inszenierung hat der buchstäblich im Zentrum stehende Linienverlauf keinen richtigen Rahmen, keinen Halt und leider auch keinen echten Hintergrund.

Wenn Du in der Landschaft mit dem Stativ unterwegs bist – und davon gehe ich, angesichts der Langzeit-Belichtung des Wassers, hier aus – dann versuche jedenfalls, dein Motiv im Bild zu finden und es dann zunächst zu isolieren. Mit einem Zoom-Objektiv geht das leicht durch heranzoomen. Danach kannst Du anfangen, durch bewusste Erweiterung des Bildrahmens eine spannende Platzierung des Motivs in der Szene herbeizuführen und dabei eine Rahmung durch andere Elemente herzustellen. Das kann bei Aufnahmen wie dieser auch einmal mit reduzierter Tiefenschärfe bewerkstelligt werden.

Achte aber auf jeden Fall immer auf die Ränder des Bildausschnitts: Das Motiv hast Du erfasst, jetzt geht es um den Gesamteindruck und das “Framing”.

Aus dem Bild herausragende Äste, aus dem Nichts ins Bild hineinführende Linien oder angeschnittene, am Bildrand allein stehende Objekte müssen vermieden oder ganz bewusst integriert werden.

Ich habe in Lightroom versucht, einen neuen Schnitt zu finden, um das Motiv im Bild besser zu isolieren und den grünen “Clutter” wegzulassen. Ich habe ausserdem einen “billigen” Trick für einfaches Framing angewandt – ich habe die Aufnahme in der Nachbearbeitung vignettiert. Dadurch werden die Kräuter rund um den Bach verdunkelt und lenken weniger vom Motiv ab. Aber eigentlich sollte dieser Kniff nicht nötig sein.

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