Langzeitaufnahme mit Geisterbildern:
Zeit, zähflüssig

Fotos frieren die Zeit ein. Aber neben interessanten Einblicken in Sekundenbruchteile lassen sich auch spannende Einblicke in längere Zeitabläufe erstellen, die ohne Hilfsmittel für uns unsichtbar bleiben.

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Kommentar des Fotografen:

Bern, Schweiz. Bahnhof. Wie die Zeit vergeht! Zwei Fotos etwas länger belichtet (Wischeffekte, Bewegung) und miteinander verrechnet (Vergangenheit mit Geisterbildern).

Peter Sennhauser meint zum Bild von Peter von Känel:

Die Halle eines Bahnhofs oder sonstigen, offensichtlich stark genutzten öffentlichen Gebäudes, aus der Vogelschau; Menschen scheinen sich im Bild zu bewegen, einige sind in der Bewegung zu Geisterbildern, zu Schatten oder Umrissen ihrer selbst verblasst. Auf dem Boden ziehen sich weisse Linien über die grauen Granitplatten und in Diagonalen durchs Bild.

Fotografie hat der Menschheit eine neue optische Dimension eröffnet:

Die Zeit. Erstmals wurde es mit der Technik möglich, Momente einzufrieren, die schneller vorüber sind, als unser Auge und Hirn es normalerweise verarbeiten können. Aber auch das Umgekehrte wurde und wird durch das Festbannen von Licht auf einer Oberfläche möglich – das Verstreichen von Zeit und die Veränderung der objektiven Wahrheit abzubilden und sichtbar zu machen.

Langzeitaufnahmen erlauben es, mit diesem Effekt zu spielen. Lineare Vorgänge auf einer Zeitachse werden dabei als parallele Ereignisse erfasst, und es erschliessen sich spannende neue Einblicke.

Du hast das hier auf eine neue Art getan, in dem Du zwei Aufnahmen von (nehme ich aufgrund der Exif-Daten an) je einer halben Sekunde aufgenommen und sie miteinander verrechnet hast. Dadurch entsteht eine Langzeitaufnahme “mit Unterbruch”.

Das führt neben den Wischeffekten von Personen, die sich während der Aufnahme bewegt haben, zu den Geisterbildern, wie Du sie nennst: Umrisse von Menschen, die nirgends im Bild ganz sichtbar werden – ein ansonsten gefürchteter Effekt bei HDR-Bildern.

Das ist ein spannender Effekt, der das Phänomen Zeit auf eine Art fassbar macht, wie man es auch erleben könnte – als einen uns umgebenden Stoff, in dem wir jederzeit einen “Abdruck” hinterlassen.

Zum interessanten Effekt gesellt sich in Deinem Bild eine spannende Perspektive und eine bedachte Komposition: Mit der grösseren Menschengruppe oben rechts und der kleineren im linken Bilddrittel schaffst Du ein ausgewogenes Verhältnis; die Linien der Blindenführung am Boden des Bahnhofs teilen die Aufnahme ausserdem mindestens auf zwei Seiten im goldenen Schnitt.

Was mir fehlt in dieser insgesamt anregenden Fotografie, ist der eine, scharf festgehaltene und damit eingefrorene Moment als Abschluss der Bewegungssequenz. Bei Einzel-Langzeitaufnahmen lässt sich das mit einem Aufhellblitz zum zweiten Verschlussvorhang bewerkstelligen: Am Ende der Bewegung, die sie wie eine Schleppe hinter sich her tragen, werden die Menschen und Objekte dabei noch einmal scharf und umfassend abgebildet.

Das hättest Du hier zwar angesichts der grossen Distanz zum Objekt kaum mit einem Blitz hingekriegt. Aber da Du ohnehin mehrere Bilder ineinander gerechnet hast, hätte ein auf eine kurze Verschlusszeit zum Sequenzabschluss aufgenommene dritte Aufnahme den den gleichen Effekt bewirken können.

Oder aber Du hättest in die durchwegs bewegte Menge von Menschen jemanden hineingestellt, der die gesamte Zeit hindurch absolut stillsteht und so einen Schärfekontrast schafft. Vielleicht eine Spitzfindigkeit – oder eine Anregung für die nächsten Versuche.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Harry Keller
    schrieb am 26. August 2010 um 16:50 Uhr (#)

    Zitat: “Oder aber Du hättest in die durchwegs bewegte Menge von Menschen jemanden hineingestellt, der die gesamte Zeit hindurch absolut stillsteht und so einen Schärfekontrast schafft.”
    Das fände ich eine richtig gute Idee. Mich würde sehr stark interessieren, wie das rauskommt. Sicherlich sehr spannend und aussagekräftig…

  2. rolfdieter bratvogel
    schrieb am 23. Januar 2011 um 13:08 Uhr (#)

    leider in vergessenheit geraten,
    langzeitaufnahme, objektiv offen,
    mit blitzgerät in bestmmten entfernungen blitze setzen,
    nach letztem blitz objektiv schließen.
    reihenblitzmethode.

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