Eventfotografie:
Zehn Tipps für Menschenfotos

Menschen an Messen, Empfängen und zu andern Anlässen fotografieren: Wie schafft man Bilder, die nicht nach Partyknipse aussehen? Ein praktischer Selbstversuch.

Moritz, etwas überbelichtet

Moritz, etwas überbelichtet

Es ist ein Paradox: Um auf Empfängen, an Parties und Hochzeiten gut auszusehen, werfen sich Menschen in Schale, holen das schmucke Kleid aus dem Schrank, polieren die Schuhe und gehen zum Friseur.

Und auf Onkel Alfreds Bildern vom Anlass sehen sie aus wie 18jährige Teenager nach zu viel Bierkonsum: Glänzend und berauscht, rotäugig und unscharf, flach angeblitzt oder unscharf. In kleinen Haufen mit dem Rücken zur Kamera oder aufgereiht wie die Hühner auf der Stange.

Denn die Bedingungen im Festsaal, der Messehalle oder einer Kirche sind nun mal alles andere als ideal für die Fotografin:

Mathias V. erklärt das BSMK © PS

Mathias V. erklärt das BSMK © PS

Es ist eng und voll, das Licht kommt aus den ungünstigsten Winkeln und in sämtlichen Farbtemperaturen zugleich, die Menschen sind entweder abgelenkt oder richten sich frontal zur Kamera.

Ich hatte letzte Woche Gelegenheit, das alles wieder einmal zu erfahren – und besser damit umzugehen.

Weil die Blogwerk AG – die Schweizer Social-Media-Agentur und der Verlag, der neben fokussiert.com auch neuerdings.com, netzwertig.com. imgriff.com und startwerk.ch herausgibt, an der Marketing-Messe Suisse Emex in Zürich einen grösseren Auftritt hatte, wollten wir versuchen, einige brauchbare Aufnahmen unseres Teams bei der Vorführung unseres Paradepferds, des Blogwerk Social Media Kits, hinzukriegen.

 

Perspektivenwechsel: Hetty von unten ©PS

Perspektivenwechsel: Hetty von unten ©PS

Die Bilder sollten die Kolleginnen und Kollegen in Aktion zeigen, das Interesse von Standbesuchern und die Kompetenz der Berater und Account-Manager ausdrücken; Messestimmung und der Andrang an den Anlässen sollten spür- und sichtbar werden.

Vorweg gesagt: Sowas bedingt eigentlich Vorbereitung, vielleicht ein Testshooting vor Messeöffnung und jedenfalls viel Zeit, um in den richtigen Momenten bereit zu sein. Leider bin ich nur zweimal dazu gekommen, das Team am Stand zu besuchen und habe vor allem den Publikumsmagneten in Form des Referats von Peter Hogenkamp verpasst, der wohl für die „Menschenmassen“-Aufnahmen perfekt gepasst hätte.

Menschen vorne, Menschen hinten. ©PS

Menschen vorne, Menschen hinten. ©PS

Peter, in die Diskussion vertieft. ©PS

Peter, in die Diskussion vertieft. ©PS

Trotzdem habe ich unter den dreihundert Bildern, die ich in zwei Anläufen von je knapp einer halben Stunde geschossen habe, ein paar brauchbare Aufnahmen gefunden, die eben nicht aussehen wie Partyshots.

Die Strategie vor den Shootings war: Offene Blende, 50mm-Objektiv (75mm auf der Nikon D300), nahe ran. Während der Aufnahmeserien habe ich dann auf das 18-200mm gewechselt, Die ISO-Zahl hochgeschraubt und den Blitz weggelegt, mit dem ich aufhellen wollte. Hier sind zehn Punkte, die ich für massgeblich halte:

      • Blitzen nur wenn’s sein muss. Wenn es nicht anders geht, lassen sich Personen in Räumen wie den Messehallen mit dem Aufhellblitz herausholen – aber eine natürliche Stimmung herrscht auf keinem der Bilder. Ich habe den SB900 mit Diffusor-Dom bald abgelegt.
Versuch mit Langzeitbelichtung. ©PS

Versuch mit Langzeitbelichtung. ©PS

      • Auf einem Bein stehen. Bewegungsunschärfe kann durchaus spannend werden, wenn man es schafft, die wesentlichen Teile des Motivs scharf zu kriegen – ob das jetzt das Gesicht eines gestikulierenden Referenten ist oder die Hände eines ansonsten verwischten Croupiers. Kamera-Verwacklung aber ist unsexy – und deshalb leistet ein Monopod gute Dienste, weil man auch mal 1/15 und langsamer fotografieren kann.
      • Lieber Rauschen als Schlagschatten. Ein bisschen Rauschen stört viel weniger als hässliche Schlagschatten und abgesoffene Hintergründe: ISO 1000 und mehr erlaubt bei relativ grosser Blende Belichtungszeiten, die stehende Menschen noch scharf werden lassen und mit verwischten Details für Dynamik sorgen.
      • Noch näher ran. Ob mit dem Tele per Zoom oder mit dem Normal- oder Weitwinkelobjektiv physisch: Es lohnt sich, nahe an die Menschen ran zu gehen (und mit dem 18er ist man ihnen sehr nah) und für extreme Trennung von Vorder- und Hintergrund zu sorgen, um Räumlichkeit zu schaffen. Dabei sollte natürlich die Person im Fokus sein, welche die interessanteste Geste bietet oder das Subjekt des Fotos ist.
CTO Philip Hetjens in den Rahmen gesetzt © PS

CTO Philip Hetjens in den Rahmen gesetzt © PS

Überblick mit Brigitte im Vordergrund ©PS

Überblick mit Brigitte im Vordergrund ©PS

    • Tiefe schaffen. Überblick-Fotos funktionieren fast nie und wirken immer unbeholfen – wenn sie nicht wenigstens einen Vordergrund haben. Das kann irgendein Objekt sein, das völlig in der Vordergrund-Unschärfe verschwindet, damit aber wiederum Tiefe schafft. Anfänger versuchen meist das Gegenteil: Keine störenden Objekte im Vordergrund zu haben, was zu den typischen „flachen“ Bildern mit dunklen Menschenreihen weit im Hintergrund führt.
    • Freistellen und isolieren. Die Blende wird man bei ungünstigen Lichtverhältnissen sowieso weit offen haben. Also lohnt es sich, die Menschen durch die Wahl des eigenen Standpunkts vor einen Hintergrund zu bringen, der in der völligen Unschärfe einen schönen kontrast und dennoch Lebhaftigkeit und Dynamik bringt.
      Die Umkehrung sind Tele-Aufnahmen zwischen Menschen im Vordergrund hindurch, die nur den Rahmen für das Motiv im Hintergrund darstellen.
    • Die Stimmung integrieren. An einer Messe sind typischerweise viele Menschen. Die sollten in den Bildern sichtbar werden – und wenn auch nur als verschwommene Statisten im Hintergrund. Aufnahmen der Teammitglieder vor weissen Stellwänden kann man überall machen, Fotos von der Action inmitten der Besucherströme nur hier, also: aus dem Messestand heraus und nicht in ihn hineinfotografieren.
    • Unsichtbar werden. Die meisten Leute reagieren sofort, wenn man mit der Kamera in ihre Nähe kommt: Sie posieren, blicken ins Objektiv, stellen sicher, dass sie gut aussehen. Die Aufnahmen aus diesen Momenten wirken künstlich und eben sehr „partyhaft“. Aber nach einigen Sekunden wird der Fotograf meistens nicht mehr wahrgenommen, die Aufmerksamkeit kehrt zurück zum Task, und jetzt werden die Fotos spannend – dranbleiben!
    • Grosszügig sein. Filmkosten sind kein Thema mehr, also lohnt es sich nicht zu riskieren, dass jemand in einer Aufnahme grade blinzelt. Bei den hohen Bildfolgeraten unserer Kameras ist es sogar angesagt, den Auslöser für zwei Serien mit ein paar Sekunden Wartezeit dazwischen zu drücken. Der Sortieraufwand in der Nachbearbeitung steigt zwar ein bisschen, die Ausbeute aber eben auch.
Experimente mit schräger Kamera. ©PS

Experimente mit schräger Kamera. ©PS

  • Experimentieren. Es gibt nicht nur Hoch- und Querformat, und nicht jedes Bild muss auf Augenhöhe aufgenommen werden. Man kann von unten, von oben, schräg und verquer fotografieren. In einer Aufnahme mit der 50mm-Festbrennweite waren die beiden Protagonisten von meinem Standpunkt aus einfach nicht in die Komposition zu bringen, aber weiter weg wollte ich nicht – also habe ich die Kamera so gekippt, dass die Diagonale sowohl Karin als auch den Standbesucher, mit dem sie den Parcours absolvierte, ohne abgeschnittene Gliedmassen im Bild zusammenbrachte. Durch die Schräge entsteht eine Dynamik, die ich danach noch ein paar Mal anzuwenden versuchte.

Weitere Selbsterfahrungs-Postings:

16 Antworten
  1. Caroline Vlasek says:

    Jahre nach Veröffentlichung … Danke für deinen Bericht mit Beispielbildern direkt aus dem Leben gegriffen. Habe Mittwoch Abend deinen Beitrag entdeckt bevor ich 2 volle Tage lang meine allererste Konferenz fotografiert habe. Rund 3.000 Bilder später, darf ich mich für deine Tipps bedanken und jeden deiner 10 Ratschläge als sehr richtungsweisend bestätigen. Auszüge aus den Bildern wurden gegen Ende der Konferenz in der Pause via Beamer gezeigt und lösten Begeisterung bei den Teilnehmern und den Kunden aus. Herzlichen Dank!

    Antworten
    • Peter Sennhauser says:

      Liebe Caroline – nichts ist schöner, als eine Rückmeldung auf einen Artikel zu kriegen, der nach sieben Jahren immer noch nützlich war. Dankeschön.

  2. Antonio says:

    Hallo, zuerst einmal ein großes Lob für die ausführliche Beschreibung zum Thema Eventfotografie. Habe soeben den kompletten Blog durchgelesen. Obwohl ich mich schon länger mit der Eventfotografie beschäftige, war trotzdem die ein oder andere Information und guter Tipp dabei, den ich Zukunft beachten werde. Vielen Dank für die hilfreichen Tipps! Weiter so!

    Antworten
  3. Christina says:

    Danke für den genialen Post, das sind wirklich sehr hilfreiche Tipps!
    Ich soll nächsten Monat auf einem Ball fotografieren und habe neben den schlechten Lichtbedingungen zum Fotografieren der Gäste auch das Problem, dass ich die Bühnenshow fotografieren soll (sehr schnelle Turner). Mal sehen, wie hoch ich mit der ISO gehen darf.

    Nachdem ich auch schon 5 andere Leute gefragt habe (und natürlich 5 verschiedene Meinungen gehört habe), bin ich froh, hier auch die Bestätigung zu finden, lieber nicht mit einem Blitz zu fotografieren. Mir persönliche gefallen diese Bilder weniger und ich finde man ist auch nicht so flexibel (weiterer Akku, warten bis der Blitz geladen hat). Bei 500 Gästen kann man das vergessen.

    Danke auf jeden Fall, ich bin schon gespannt, was ich alles umsetzen kann. :-)
    Liebe Grüße
    Christina

    Antworten
  4. Josef says:

    Schöner Artikel. Ich hoffe ich kann die Tipps beim nächsten mal gleich anwenden. Beim Blitzen oder Nichtblitzen schwanke ich immer. Die natürlichen Bilder sind von der Lichtstimmung meistens schöner, aber oft muss man dann ohne Blitz mit ISO 1250 fotografieren und dann stört das Rauschen doch eher. Statt einem Diffusor verwende ich einen Bouncer (http://amzn.to/mWsr2H). Mit Bouncer find ich die geblitzen Bilder dann doch schöner wie mit dem Diffusor.

    Viele Grüße
    Josef

    Antworten
  5. Fabian Heusser says:

    Super Liste, hätte ich schon manchmal brauchen können!

    Mir persönlich gefällt vor allem die Idee mit dem High Key im Aufhängerbild des Artikels. So lässt sich gut über das Licht in den verschiedene Farbtemperaturen hinwegsehen, und das Bild kommt frisch rüber.

    Antworten
  6. Christian Loose says:

    Mensch Peter ! Das 18-200er ist doch eine Reise- und kein Messezoom :-)

    Ich hätte hier eher auf das 17-55 2.8 + Blitz bei ISO 800 gesetzt. Oder eben ausschließlich auf das 50mm bei Blende 2.8 (darunter ist’s kaum zu gebrauchen).

    Gruß,
    Christian

    Antworten
    • Peter Sennhauser says:

      Joah. Erst mal haben, das gute Stück ;-) Ich hatte ja gehofft, dass niemand die Exif-Daten anguckt…
      Mit dem 50er habe ich ein bisschen rumprobiert und dann mit dem Stativ als Monopod und dem 18 bis 200er experimentiert – weil ich es, als Reise-Objektiv, einfach immer dabei habe. Der Blitz war angesichts der diversen Lichtquellen von den unmöglichsten Seiten hoffnungslos. Oder aber ich muss mir mal wirklich beibringen lassen, wie man ihn gewinnbringend einsetzt, war aber in dieser Situation mit ausreichend Herausforderungen „gesegnet“.

    • Peter Sennhauser says:

      @Christian: Ja, ich hab’s dann auch gesehen. Wie ehrlich man bisweilen ist… Hast Du ein 2.8 oder schnelleres Zoom so zwischen 18 und 70mm, mit Nikon-Bajonett, das Du mir schenken möchtest…?

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] ist nicht einfach, an solchen Anlässen und in solchen Lichtverhältnissen zu fotografieren, und am schönsten werden die Bilder, wenn man es ohne Blitz, mit gemässigtem ISO und dafür mit […]

  2. […] hat das System ehrlich gesagt mehr als überzeugt: Ich halte es für Fotografinnen, die an Events mit mehr als einer Kamera unterwegs sind, für absolut ideal. Eine Version kommt als Harness für […]

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *