Dokumentarfoto:
Ein Thema inszenieren

Die Komposition spielt bei Dokumentarfotos keine kleinere Rolle als bei “blosser Kunst”: Der Gegenstand des Bildes will ins Zentrum der Aussage gerückt sein.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Manja Sirch).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Manja Sirch).

Kommentar des Fotografen:

feld ackern mit dem pferdepflug wie vor 80 jahren, belichtung? keine ahnung, bin hobbyfotograf

Peter Sennhauser meint zum Bild von manja sirch:

Zwei Pferde ziehen auf dieser Schwarz-Weiss-Fotografie einen metallenen Pflug durch einen Acker. Die Tiere und das Gerät sind in der rechten oberen Bildecke hart am Bildrand platziert, den Vordergrund macht das bereits gepflügte, den Hintergrund das gemähte Stoppelfeld aus.

Das Bild des Pferdepfugs hast Du unter “Landschaftsfotografie” eingereicht, was ich in Anbetracht des Kommentars für leicht verfehlt halte: Offensichtlich wolltest Du die Betonung auf die technische Nostalgie legen – und Landschaft ist in der Aufnahme nicht allzu viel vorhanden. Man könnte die Aufnahme deshalb im entfernten Sinne als Dokumentaraufnahme bezeichnen.

Eine zweite Bemerkung vorweg:

Du sagst, dass Du nicht weisst, welche Belichtungsdaten das Bild aufweist, und führst als Begründung an, Du seist Hobbyfotograf. Mit Verlaub: Das ist ein direkter Widerspruch.

Der technische Einfluss auf ein Bild, namentlich Verschlusszeit und Blende, sind die grundlegenden Gestaltungselemente, die ein Fotograf hat. Ob Hobbyist oder Profi, sich mit ihnen auseinander zu setzen und ihre Wirkung zu studieren, ist der erste Schritt zu besseren Fotos.

Und wenn Du nachträglich wissen willst, was Du eingestellt hattest – das steht in den Exif-Daten, die auch in Dein Bild eingebaut sind (sichtbar werden sie beispielsweise in Firefox mit dem Plugin Exif-View). Diese Daten nachträglich zu studieren und beispielsweise Belichtungsreihen anzufertigen hilft enorm, die Wirkung von Blende und Verschlusszeit einschätzen zu lernen.

Zum Bild selber: Du wolltest “Das Pflügen” wie vor achtzig Jahren ablichten. Allerdings war und ist das ja wohl ein Vorgang, bei dem Pferde, ein Pflug, ein Bauer und ein Feld vonnöten sind – und auf Deiner Aufnahme sind nur Teile des Pflugs, der Pferde und sehr viel Feld und Acker zu sehen.

Wenn der Pflug als technisches Gerät das Thema Deines Bildes sein soll – was er jetzt mehr oder weniger ist – müsste ich mehr davon sehen, die Logik im Aufbau und die Funktionsweise erkennen können: Ein Bild aus der Nähe wäre die richtige Wahl. Wenn die Geschäftigkeit des Bauern und der Pferde das Thema ist, hättest Du Auszoomen, die Landschaft und das ganze Gespann inszenieren müssen, und dabei je nach bevorzugter Aussage mehr oder weniger Raum für die Umgebung geben müssen.

Im aktuellen Ausschnitt allerdings liegt das Hauptgewicht der Aussage auf “soviel ist geschafft, dahinter bleibt noch viel zu tun”, und der Blickfang ist der Acker.

Die Komposition leidet unter der Weglassung von Bauer und Pferden, wobei letztere schliesslich in dieser Form der Nostalgie eine gewaltige Rolle spielen und ich als Betrachter sie sehen möchte.

Technisch ist das Bild leicht unterbelichtet, weil das Stoppelfeld im gleissenden Sonnenlicht für eine kurze Belichtungszeit gesorgt hat, die Hintern der Pferde aber im Schatten liegen – und Du hast angesichts der relativ hoch stehenden Sonne ohnehin ein Kontrastproblem.

Was wäre zu tun gewesen? Falls Du den Bauern mitsamt Pflug und Gespann in der Weite des Feldes einfangen wolltest, hättest Du durchaus mit einem etwas weniger langen Tele und weiter geöffneter Blende operieren können: Dadurch wären Vorder- und Hintergrund stärker in der Unschärfe verlaufen, das Pfluggespann mehr ins Bildzentrum gerückt worden – was übrigens keineswegs heisst, dass es das auch kompositorisch hätte sein müssen.

Eine Platzierung des Gespanns im unteren linken Drittel in einem Meer von Feld und Stoppeln hätte eine starke Wirkung und gäbe dem Gespann Raum für die Bewegung nach rechts. Hier geht die Dynamik verloren, weil die Pferde sich grade buchstäblich rechts aus dem Bild bewegen.

Die zweite Version wäre der Fokus auf dem Pflug als Gerät, was eher eine Westwinkelaufnahme dicht am Gespann erlaubt hätte, wozu Du den Bauern einige Schritte hättest begleiten können.

Es gäbe viele Möglichkeiten, das Motiv zu inszenieren. Wichtig ist aber auf jeden Fall, dass Du Dir vor der Aufnahme überlegst, was der Schwerpunkt, was die Aussage ist; ferner, wie Du dies kompositorisch inszenierst, um die Blickführung des Betrachters zu gewährleisten, und schliesslich die passenden technischen Einstellungen wählst, um das Bild zu machen, das Du geplant hast – und nicht das zu nehmen, was die Kamera in Automatik-Einstellungen hergibt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. Mutige Bildaufteilung: 50:50 in der Horizontalen, und nochmals 50:50 vertikal in der oberen Bildhaelfte. Gute Kontraste auf Makro-Ebene – eine dunkle, eine helle und eine graue Flaeche. Konzentration auf die Aussage, das Pfluegen. Wenn die Pferde oder der Pflug als Ganzes abgebildet waeren, wuerde das Bild zum Technik- oder Tierfoto, so geht es ums Pfluegen, weill wir sonst nicht anderes vollstaendig sehen. Schoene Dynamik durch die Vertikale in der oberen rechten Haelfte, welche di e Bewegung der Pferde unterstuetzt. Gar nicht mal so schlecht. Nur weil einer nicht weiss was Exif ist oder die Fokusiert Kategorien nicht richtig studiert hat ein Bild verreissen? Naja.

    • Frank, ich glaube, ich liefere ein paar Argumente mehr als Exif und Kategorie, nicht? Sonst müsstest Du ja nicht so viele Gegenargumente anbringen, was ich übrigens durchaus begrüsse, auch wenn ich sie nicht teile.

      PS: Ich “verreisse” Manjas Bild auch nicht oder den Fotografen, weil er Exif nicht kennt, sondern mache darauf aufmerksam, dass die Belichtungsdaten nicht etwas sind, um das sich Hobbyfotografen nicht kümmern sollten; ich schliesse ausserdem aus dieser Aussage darauf, dass die Regelbrüche (angeschnittene Pferde, Mittenteilung) nicht bewusst zu Stande gekommen sind. Würde ich das nicht tun, dann könnten wir auf den Bildkommentar verzichten und jede zufällige Lomografie als grossartige Konzeptkunst bezeichnen. Ich glaube nicht, dass das irgendjemandem einen Nutzen bringt.

  2. danke, peter, für deine ehrliche kritik. ich gebe dir natürlich recht das die belichtungsdaten und die einstellung der blende, für ein foto enorm wichtig sind, das werde ich mir zu herzen nehmen und mich damit auseinander setzen.
    diese art des ackern sieht man heut zu tage kaum noch und das wollte ich SO fest halten, was mir, wie ich finde gelungen ist.gut, die kategorie in die ich es gestellt habe ist falsch, passender wäre “nostalgisch” gewesen.ich habe noch ein anderes aus dieser reihe hochgeladen wo das ganze gespann im bild ist.

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