Konzeptfoto:
Kugelbilder

Konzeptfotografie mit Utensilien: Zum Beispiel mit einer spiegelnden Kugel. Aber auch gute Ideen verlangen Sorgfalt in der Umsetzung.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© René Scheer).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© René Scheer).

Kommentar des Fotografen:

“Kugel in der Kneipe oder Kneipe in der Kugel” ist im Rahmen in einer Reihe von weiteren Kugelbildern entstanden. Die Idee ist, meine Umwelt und das hinter mir mit einzufangen. Dafür sollte es eine einfach Kugel sein (etwa 3€ im Dekoladen) und die Bilder nur dort entstehen wo ich sowieso bin (Arbeit, Zuhause oder eben Kneipe) – also meine kleine Welt. (Kamera Eos 1000D)

Peter Sennhauser meint zum Bild von René Scheer:

Eine spiegelnde Goldkugel liegt auf einem Kneipentresen. Der Fokus liegt auf dem Raum in der Spiegelung der Kugel; hinter ihr ist in der Unschärfe noch etwas zu erkennen, was ein leeres Bierglas sein könnte. Der eigentliche Bildinhalt aber steckt in der Kugel, in der fischaugenmässig gekrümmten Wiedergabe des Raums, einer Kneipe. Hier sind rechts ein volles Bierglas, links ein Gast am Tresen und in der Mitte der Fotograf mitsamt Kamera zu erkennen.

Das Bild bleibt insgesamt in den Goldtönen der Kugel, die Spiegelung ist nicht wegen mangelnden Fokus, sondern aufgrund der unebenen und stellenweise verkratzten Oberfläche der Kugel nicht durchgängig gleich gut zu erkennen.

Konzeptfotos wie Selbstporträts mit Spiegel, aber auch Arbeiten, die sich durch ständig wiederkehrende Objekte im Bild auszeichnen, haben Tradition und sind unter Fotografen dennoch meist verpönt: Der Bildinhalt sollte aus der Umwelt bestehen und nicht aus etwas, was der Fotograf arrangiert hat, lautet eine gängige Meinung.

Ich bin anderer Ansicht – die meisten Stillleben sind kunstvoll arrangiert, und nichts spricht dagegen, seine Kunst über die Komposition und die technischen Möglichkeiten einer fotografischen Aufnahme hinaus zu erweitern.

So finde ich deine Idee, die Umwelt konsquent in einer verzerrten Form und nur als Spiegelung aufzunehmen, sehr reizvoll.

Allein, an der Umsetzung habe ich meine Zweifel. Ein paar Punkte: Zuallererst scheinen die technischen Daten ziemlich erratisch – 4 Sekunden Belichtungszeit bei 800 ISO – Und Blende 16? Eine solch kleine Blende wäre hier sicherlich nicht nötig gewesen.

Ferner: Das Gold der Kugel verfärbt die gesamte Aufnahme gelb, und die Kamera passt wahrscheinlich auch den Weissabgleich falsch an. Die Platzierung der Kugel dicht an der Kamera lässt wenig Spielraum, um die Umgebung jenseits der Kugel einzubeziehen – faktisch generierst Du so nur einen falschen Fischaugen-Effekt. Und schliesslich wird in dieser Aufstellung immer die Kamera im Vordergrund der Kugel sein und Platz für anderes besetzen.

Wie liesse sich das anders lösen? Du bist der Künstler, aber ich würde mit der Ausgangslage herumexperiementieren. Wenn Du keinen technischen Aufwand betreiben kannst oder willst, würde ich jedenfalls einmal Bilder anlegen, bei denen die Kugel nicht genau im Zentrum liegt und nicht allein das Bild ausmacht. Damit liesse sich auch die Kamera aus der Schusslinie bringen. Ferner wären vielleicht Versuche mit einem Tele denkbar, bei denen die Kugel so weit von der Kamera entfernt ist, dass dieses ebenfalls kaum mehr auffällt – mit getimten Aufnahmen könntest Du Dich dann auch in die Umgebung stellen. Und so weiter: Mir würden auch Spielarten mit Einwegspiegeln und anderen, aufwändigeren Ideen einfallen – auf jeden Fall finde ich die Idee verfolgenswert.

Hier aber kann ich mich ein bisschen des Eindrucks nicht erwehren, dass Du auf dem Heimweg vom Dekoladen mal schnell in der Stammkneipe abgedrückt hast. Das “Konzept” ist kaum mehr als eine Idee und vorderhand noch ein ziemliches Leichtgewicht, wenn ich das so sagen darf.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. Moin,

    @René mich würde interessieren ob du absichtlich die Kamera im Vordergrund lässt. Wenn ja würde der Eindruck sich bei mir verstärken wenn du auch in die Kamera respektive in die Kugel schaust. Wenn nicht kann ich Peter nur zustimmen das es sehr nach “Schnappschuss” aussieht da du zwar deinen Blick zur Seite richtest aber die Hand an der Kamera lässt.

    Grüße
    Sven

  2. gut gesagt peter.

    was mich am meisten stört ist der falsche bzw. fehlende weissabgleich (ist die kugel wirklich getönt?)

    ausserdem liegt der fokus auf der kugel, wodurch all die kleinen kratzer sichtbar werden. mit dem fokus auf der reflektion würden erstens die kratzer verschwinden und zweitens das eigentliche bild schärfer und es müsste auch nicht so eine extreme blende benutzt werden, wodurch man wieder kürzer belichten könnte und das bild noch schärfer wird…

  3. Die Konfiguration 4s – f/16 – ISO 800 verstehe ich ebenso nicht ganz. Das du bei 4s unscharf bist lässt sich nicht vermeiden. 20cm mehr Abstand zwischen Kugel und Kamera wären besser. Ergibt andere Möglichkeiten bei der Tiefenschärfe und kürzere Zeiten. Das Bierglas könnte man drehen, das der Griff besser im Bild ist.
    Kneipenfeeling kommt bei mir auch nicht so ganz auf. Woran das genau liegt kann ich nicht mit sicherheit sagen. Wahrscheinlich liegts an der diagonalen Tresenposition und der fischaugenillusion.
    Das ausgebrannte Glas im Hintergrund lenkt mich nur ab.
    Das gilt genau betrachtet für den ganzen Hintergrund. Die Maserung des Tresen als Untergrund vielleicht in dem Winkel noch ok, aber was das hinter der Kugel bieten soll?

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