Der Einsame Steg:
Motiv-Trouvaille

Die besten Motive sind häufig auf den ersten Blick unscheinbare Objekte. Fotografie besteht zu einem grossen Teil darin, sie zu entdecken.

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Kommentar des Fotografen:

Nach meinem Steg von Schobüll/Nordsee zeige ich einen weiteren Steg, diesmal aufgenommen vor Holnis auf 6×7 S/W-Film, digitalisiert und den Nebel am Horizont per PS verstärkt. Die Stimmung an der Ostsee war an einem bedeckten Februartag sehr ruhig, das Wetter lockte kaum einen Spaziergänger an das Wasser. Ich kam mir irgendwie ein bisschen verlassen vor.

Und dann kam ich an diesen Steg vorbei. Erst habe ich gedacht, er sein kein Bild wert, ging weiter. Aber es rumorte in mir, irgendwie muss sich aus dem Steg was machen lassen und ich bin dann zurückgegangen. Dort habe ich einen Standpunkt gesucht, der zum einen die Steine und den Steg in eine Blickachse stellt und die 4 Pfähle so zeigt, daß sie sich nicht verdecken. Mit dem im Nebel aufgelösten Horizont und den Verzicht auf Farben möchte ich die Stimmung eines verlassenen Ortes verstärken. Warum der Steg eine Kette hat, vielleicht hat jemand eine Idee….

Peter Sennhauser meint zum Bild von Matthias Unger:

Ein Boots-oder Schwimmsteg an einem flachen Gewässer. Diese Schwarz-Weiss-Fotografie stellt den Steg ins Bildzentrum, der zu einem wunderlichen Objekt wird, weil er nirgendwohin führt:

Zur Landseite hin, wo wir uns befinden, bricht er unvermittelt ab und ist mit einer Vorhänge-Kette abgesperrt. Seine Fortsetzung sind ein paar grosse Steine im seichten Wasser, die in seiner Linie liegen. Der Hintergrund des Bildes verschwindet im Nebel. Wir finden uns in der Einsamkeit des Bildes so deplatziert, wie es der Steg zu sein scheint.

Vielen Dank für Deine Anmerkung, welche die Entstehungsgeschichte des Bildes kurz illustriert (wir bitten darum, sie helfen uns, ein Bild zu besprechen). Besonders gefreut habe ich mich darüber, dass Du zugibst, dieses klasse Motiv nicht sofort als solches erkannt zu haben: Wie oft geht es mir so, dass ich an einem Anblick, einer Ecke in der Landschaft vorbeigehe oder -fahre, nur um Minuten später darüber zu rätseln, ob ich nicht umkehren und ein Bild zu machen versuchen soll. Ich bin überzeugt, auch wenn in 80 Prozent der Fäle nichts dabei rauskommt – die tollsten Bilder entstehen genau aus solchen Entscheidungen heraus, aus der Überwindung des inneren Schweinehunds. Ausserdem trainieren wir auf diese Weise unser Auge, und wir werden nie erfahren, ob ein Anblick ein Bild war oder nicht, wenn wir es nicht zu schiessen versuchen.

Zum Bild selber: Ich hätte versucht, den Steg weniger zentral und eher etwas diagonal von links nach rechts in den Nebel hinaus führen zu lassen.

Ich verstehe Deine Absicht, die vier Holme frei stehen zu lassen, halte sie aber für unnötig – Du hast ja kein Silhouettenbild geschossen, die Struktur des Stegs währe also auch über Eck noch gut zu erkennen, aber die Linienführung wäre etwas weniger direkt und gäbe mir mehr Möglichkeiten, “um den Steg herum” das Bild zu erkunden, statt schnurstracks drauf gezwungen zu werden. So ist es mir etwas zu ausbalanciert und zu zentral. Den Steg im Drittelsschnitt links mitten in viel nichts und etwas seichtem Wasser stelle ich mir noch etwas spanneder vor.

Jedenfalls ein tolles Bild, und der vernebelte Hintergrund ist ohnehin ein Motivteil und eine Art der Freistellung, die ich zu schätzen gelernt habe.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Matthias
    schrieb am 29. September 2010 um 18:12 Uhr (#)

    Vielen Dank für die Besprechung und die Anregungen. Ich werde irgendwann wieder bei dem Steg vorbeischauen. Dann habe ich Gummistiefel dabei und werde einen anderen Winkel ausprobieren.

    Gruß
    Matthias

  2. Ute Schmidt
    schrieb am 29. September 2010 um 21:19 Uhr (#)

    Vorab:
    Ich mag das Foto – eine schöne abstruse Situation, dass da mittendrin dieser Steg “herumlungert”. Da assoziiere ich gleich drauf los. Quo vadis? Auf dem Holzweg sein…

    Ich musste bei dem Bild unwillkürlich an das Lied “Flugangst” von Gisbert zu Knyphausen denken: “…da ist auf einmal ein Sprungbrett”.

    “Ich und die Leidenschaft
    was für eine ungewohnte Kombination
    ich weiß auch nicht so genau
    wie das passieren konnte

    Aber hier steht auf einmal ein Sprungbrett
    was für eine merkwürdige Situation
    soll ich jetzt springen – oder was?
    [...]”

    http://www.youtube.com/watch?v=iiAWa7mB1TM

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