Hundeblick:
(Zu) Radikal reduziert

Wenn ein Motiv feststeht, ist Reduktion angesagt: die Fotografie soll nichts enthalten, was ihr nicht dient. Aber auch nicht zu wenig.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Uwe Kath).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Uwe Kath).

Kommentar des Fotografen:

Ich beschäftige mich seit geraumer Zeit mit der Tierfotogafie, im Besonderen der Hundefotografie. Hier hatte ich versucht die Ruhe, die der mir bekannte Hund ausstrahlt, einzufangen. Mir fehlt allerdings meiner Meinung nach so der letzte Kick für gelungene Aufnahmen. Bildaufbau, Schärfe,… Komposition? Hab nicht wirklich eine Idee woran es liegt.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Uwe Kath:

Ein Hund – meiner Ansicht nach ein Vorsteher – liegt entspannt seitlich im Gras und blickt verträumt etwas nach. Die Schwarz-Weiss-Aufnahme ist auf Augenhöhe entstanden und zeigt uns nur das Gesicht des Tieres, das von Grashalmen in der Unschärfe des Vordergrunds leicht verdeckt wird. Die Schärfentiefe ist verhältnismässig gering und führt den Blick dicht über den Rasen direkt zum Auge des Hundes. Dieses eine Auge ist ausserdem in einem Color-Key-Effekt als einziges Element des Bildes farbig.

Ich kann Deiner Selbstkritik teilweise folgen – vielfach gelingen mir auch eigentlich ganz leidliche Bilder, die aber einfach nicht den “Biss” haben, der einen als Betrachter ausreichend fesseln würde. Ich würde behaupten, dass wir inzwischen schon so viele gute Bilder gesehen haben, dass wir uns nur noch vom wirklich aussergewöhnlichen fesseln lassen:

Wenn Motiv, Komposition, Licht und technische Umsetzung zu einem Ganzen zusammenkommen und uns der Bildinhalt in seinem Ausdruck sozusagen mitreisst.

Diese Aufnahme erfüllt allerdings sicher den grössten Teil der Anforderungen. Die Geringe Schärfentiefe schafft Tiefe, die extreme Perspektive gewinnt sofort meine Neugier, und das gesicht eines Menschen oder eines Tiers ist ohnehin ein Magnet für unseren Hinschau-Reflex.

In dieser Hinsicht, in der Komposition, der technischen Umsetzung und, wie ich meine, auch in Deiner Absicht, die Ruhe des Tieres zum Ausdruck zu bringen, ist die Fotografie durchaus gelungen.

Dass sie mich dennoch nicht sehr lange zu fesseln vermag, liegt wohl daran, dass ich noch nicht einmal einen Hinweis auf die Umstände und die Umgebung erhalte. Ich möchte den Blick des Tiers ergründen, möchte wissen, wem es nachschaut oder was es zu dieser entspannten Haltung gebracht hat – aber die Freistellung durch die enorm geringe Tiefenschärfe verdeckt mir auch den Blick auf den Hintergrund:

Ich sehe also einen isolierten Hundekopf mit einem typischen Hundeblick und frage mich, was das Tier denkt – aber weil ich sogleich auch erkenne, dass nichts in diesem Bild mir eine Spekulation ermöglicht, wende ich mich ab.

Es könnte sein, dass eine etwas kleinere Blende und ein paar Schemen im Hintergrund und/oder eine seitlich verschobene Perspektive diese “Hoffnungslosigkeit” aufheben würden. Isolation und Reduktion sind zwar meistens erstrebenswert, wenn aber das Motiv, das dabei übrigbleibt, so bekannt ist wie hier, braucht ein richtig gutes Bild einen inhaltlichen Kontrast und einen Kontext.

Der Color-Key-Effekt mit dem farbigen Auge hilft zwar, mich zwei Sekunden länger im Bild zu halten. Das geschieht aber interessanterweise, weil er so dezent ist, also gewissermassen das Gegenteil der übrigen Gesamtinszenierung: Einen Augenblick lang habe ich mich gefragt, ob es sich vielleicht gar nicht um eine Schwarz-Weiss-Aufnahme handle. Einen sehr kurzen Augenblick allerdings.

Aber Du willst die Betrachter ja nicht mit Farbspielen fesseln, sondern mit der Stimmung des Hundes und seinem Blick. Ich glaube deshalb, dass der Color-Key als weiteres Element, das den Blick zum Hundeauge führt, des Guten zu viel ist – dorthin blicke ich ja sowieso schon, es bleibt ja nichts anderes.

Der Fehlende Kick dieser Fotografie ist die virtuose – aber übertriebene – Reduktion.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. Hallo,

    danke für die Anmerkungen. Durch diese “Brille” habe noch nicht geschaut. Leuchtet aber ein! Vor lauter Konzentration auf das “Wesentliche” vergisst man die Aussage des Bildes. Toller Hinweis! Danke für die Unterstützung auf dem Weg zu “besseren” Bildern.

    Uwe Kath

  2. Mich stört beim betrachten die sehr hohe Präsenz des unscharfen Grases bzw. das “verschmelzen” mit der Schnauze.
    Ich persönlich würde mehr Schnauze vom Hund freigeben bzw. sehen wollen, was natürlich auch mehr Schärfentiefe braucht.

    • @Uwe: Keine Ursache – wir lernen ja selber immer mindestens gleich viel, wenn wir solche Theorien entwickeln… Das Bild gefällt mir übrigens sehr.

      @Sven: Gerade weil der Vordergrund hier ein wenig des Motivs verdeckt, entsteht erst ein so starker räumlicher Eindruck: Das 200er Tele würde sonst alles in eine Ebene zusammenziehen. Das ist ein weiterer Grund, der für ungewöhnliche Perspektiven – wie hier auf Augenhöhe des Hundes – spricht.

    • Ich gehe da ja sehr subjektiv ran. Und das sei als erstes gesagt ich mag das Bild auch. Aber, wenn ich es betrachte stört mein Auge sich an der Schnauze weil ich permanent versuche den Hundekopf besser zu erfassen. Durch die fehlenden Farben verläuft mir der Vordergrund zu sehr mit der Schnauze, das irritiert und lässt einen beim Anblick nicht zur Ruhe kommen bzw. lenkt von dem eigentlichen , dem Blick des Hundes ab. Ich stelle ja garnicht das verdecken in Frage nur das wie.
      :)

    • Jetzt seh ich, was Du meinst, Sven – und komme zum Schluss, dass die einfchste technische Analyse vielleicht einfach wäre: Etwas kleinere Blende. Dann würden nämlich auch die Gräser im Vordergrund nicht so verwaschen, sondern hätten mehr Kontur, und der Hintergrund gäbe uns ein bisschen Einblick in die Umgebung. Dann aber verstehe ich Uwe: Wann immer ich ein 200mm mit Lichtstärke 2.8 in den Fingern habe (ich miete jeweils das 70-200 VR 2.8 von Nikon), habe ich auch die Tendenz, die Blende ganz offen zu lassen…

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