Grand Central Station:
Dokumentarisiert

Wenig spricht dagegen, Ikonen zu fotografieren. Am Fotografen liegt es indes dafür zu sorgen, dass sie nicht zum Klischee werden.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Alexander Holzknecht).

Kommentar des Fotografen:

Das Bild entstand in NYC, im Grand Central Terminal. Ein viel fotografiertes Motiv – klar ist es unglaublich schwer mit sowas „herauszustechen“. Trotzdem hat mir die „geschäftige“ Stimmung gut gefallen. Irgendwie lässt das Bild (v.a. in der finalen Bearbeitung) an alte Tage erinnern, als GCT vmtl. eine noch viel bedeutendere Rolle für die Stadt gespielt hat als heute. Blende f /8 ISO 400 (war notwendig, leider rauscht die Alpha200 da schon deutlich – schadet dem „Antik-Look“ aber vlt gar nicht) Verschlusszeit = 1/8 sekunde (länger wollte ich nicht, da sonst die Leute zu sehr verschwimmen) EV = -0,3 (Das mittelfenster brennt sowieso schon so leicht aus – ich wollte dem ein bisschen entgegen wirken)

Peter Sennhauser meint zum Bild von Alexander Holzknecht:

Die Halle der Grand Central Station (Grand Central Terminal, korrekterweise) in Manhattan, New York im Überblick von einer der beiden Treppen, die zu den Zwischenböden führen. Die Aufnahme in Schwarz-Weiss hält sich strikt an die Strukturen des Gebäudes und vermeidet Verzerrungen und stürzende Linien.

Der Blick führt direkt und genau mittig in die Halle, in der hoch oben eine gigantische US-Flagge hängt, während sich unten rund um die Ticket-Booth mit der berühmten Uhr die Leute tummeln. Einige von ihnen sind in der Bewegung leicht verwischt.

Diese Halle gehört wohl zu den meistfotografierten Objekten in New York, und das nicht zu unrecht – sie bietet einen letzten Blick in die Grandeur der Zeit nach der Jahrhundertwende, die Hochzeit des Eisenbahn-Fernverkehrs.

Du hast versucht, etwas von dieser Stimmung durch die Schwarz-Weiss-Aufnahme und etwas Bewegungsunschärfe ins Bild zu kriegen, und das scheint mir gelungen.

Die berühmtesten Bilder dieser Halle sind allerdings jene auf zahllosen Postkarten und Postern, in denen durch die Halbrund-Fenster an der Decke das Sonnenlicht hereinfällt und wie schräge Säulen in der ansonsten dunklen Halle steht.

Eine Google-Suche beweist, dass es sich dabei nicht um ein besonders gelungenes Bild handelt, sondern dass dieser Anblick damals, zu Zeiten der Dampfzüge, Alltag gewesen sein muss: Wenn sich der Dampf und Rauch von den Perrons neben der Halle hier gesammelt hat und aus dem Sonnenlicht diese fast schon fassbaren Strahlen gemacht hat.

Du hast zwar auch mit dem Licht gekämpft – der grösste Teil scheint just durch das gegenüberliegende grosse Fenster zu kommen und verleiht der Halle eine Art natürlicher Vignettierung – aber es zeigen sich keine eindeutigen und bildbestimmten Lichtflüsse.

Das ist eines der Probleme dieses Bildes. Es ist eine anständige Architektur-Dokumentation. Aber es hat, abgesehen vom leichten Antik-Touch, wenig Anzeichen einer eigenen, individuellen Annäherung an die Halle. Zu sagen, mehr gab die Halle an dem Tag halt nicht her, wäre ein Touristenapproach – und dann würdest Du das Bild hier nicht zeigen.

Die leicht verwischten Menschen sind in Bahnhöfen ein reizvolles Motiv, das man auch mal isoliert betrachten oder, wie ich in dieser Kritik vorgeschlagen habe und der Photograph James Maher es umgesetzt hat, in einen Kontrast setzen kann. Aber sie reichen auch hier bei weitem nicht uas, um das Bild herauszureissen. Der Biss fehlt, das gewisse etwas, und wenn das einem Bild fehlt, hilft keine leichte Blau-Tönung und meistens auch kein Color-Key. Manchmal hilft ein Beschnitt,d er eineneue Komposition ergäbe, aber das ist hier ja wohl ausgeschlossen.

Es spricht auch nichts dagegen, sich strikt an das Gebäude zu halten, auch wenn es von diesem tausende grossartiger Fotos gibt: Wie Autor und Fotograf George Barr predigt, gibt es das eine Bild von jedem millionenfach abgelichteten Objekt noch nicht: Das, welches man selber gemacht hat.

Allerdings sagt auch George Barr, dass der Zweck der eigenen Aufnahme darin bestehen sollte, ein eigenes Bild zu machen, eines, das anders ist, das Motiv so zeigt, wie man es persönlich sieht, oder einen Blickwinkel, eine neue Art zu finden, wie man es sehen kann.

Dein Bild soll damit nicht herabgemindert werden: Es ist – abgesehen von den abgeschnittenen Köpfen der Passanten im Vordergrund auf der Treppe ;-) – sehr sauber umgesetzt. Und obwohl die Grossartigkeit der Halle und das Treiben darin wirksam inszeniert wurden und der Schwarz-Weiss-Modus tatsächlich etwas Geschichte ins Bild haucht, wirkt es ganz einfach langweilig. Nicht, weil das Motiv oder das Bild langweilig wäre, sondern weil wir es so schon dutzendfach gesehen haben. Das ist für einen Fotografen mit dem Können und dem Anspruch, wie Du ihn hast, eine gelungene Fingerübung, aber nichts, was er ins Portfolio einfügen oder einem bewunderten Grossmeister der Fotografie als erstes zeigen würde.

Ich wundere mich deswegen ein bisschen, dass Du uns gerade dieses Bild vorgelegt hast – denn dein Fotoblog, wenn denn diese Bilder von Dir sind, beweist, dass Du eigene Interpretationen pflegst.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Antworten
  1. Georg says:

    Profi bin ich nicht, aber als Anfänger kann man vieleicht auch (mehr oder weniger hilfreiche) Tips geben.
    Als ich mir dieses Bild angeguckt habe, viel mir sofort auf, auch wenn es in echt minmal ist, dass das Bild nichty symetrisch aufgenommen ist. Besonders beim längeren betrachten des Bildes stört mich diese nicht nur teilweise umgesetzte Symetrie.

    Antworten
    • Alex Holzknecht says:

      Du warst also noch nie dort? ;)

      Spaß bei Seite: selbstverständlich hast du Recht!

      Das Problem ist, dass du selbst mit Tripod-Genehmigung (Und die brauchst du wenn du dort shooten willst) nicht auf den Treppen aufbauen darfst. Ein freundlicher Sicherheitsbeamte wird dich sofort darauf hinweisen. ;)

      Mir blieb also nur, die Kamera auf’s Treppengeländer abzulegen. Daher der leicht dezentrierte Standpunkt.

    • Peter Sennhauser says:

      Leider ist es sogar so, dass Du zufrieden sein musst, an einem Ort wie diesem überhaupt fotografieren zu dürfen. Auf den meisten Bahnhöfen und in anderen „terrorgefährdeten“ Einrichtungen in den USA wird man heute, sobald man mit einer SLR auftaucht, zuerst per Lautsprecher und dann von den keineswegs immer sehr freundlichen Sicherheitsbeamten verscheucht. Fragen nach der rechtlichen Grundlage des Fotografieverbots haben meist völlig hanebüchene Antworten oder einfach nur den Fingerzeig auf das Blechabzeichen zur Folge. Sehr ärgerlich, aber Realität.

  2. Alex Holzknecht says:

    Lieber Peter Sennhauser,

    vielen Dank, für die sehr ausführliche Bildkritik. Im Grunde muss ich Dir in jedem einzelnen Punkt vollinhaltlich Recht geben.

    Eine kleine Ergänzung wollte ich dazu nur noch machen: Zwischen meiner Einsendung und der Kritik liegen nun ein knappes dreiviertel Jahr Zeitunterschied. Das Bild ist nochmal ein halbes Jahr früher entstanden. Zum damaligen Zeitpunkt war ich gerade mal etwas über 3 Monate lang im Besitz einer DSLR.

    Selbstverständlich würde ich heute nicht mehr dieses Bild für eine Einsendung auswählen. (Zum Großteil aus den von Dir genannten Gründen.) Ich würde das Bild zwar immer noch machen, aber es wohl ins Fotoalbum mit den Erinnerungen an das Auslandsstudium kleben – und das wars dann auch schon.

    Umso mehr freut mich die Bemerkung über meinen Fotoblog, auf dem es selbstverständlich nur meine Bilder zu sehen gibt! :)

    Zum Bild selber bleibt nicht viel zu sagen: es ist nun mal nicht viel mehr als ein etwas besserer Touristenschnappschuss – allerdings einer, auf den ich in den „Anfangstagen meiner Fotografenkarriere“ durchaus sehr stolz war und ihn zumindest immer noch für ein „hübsches Bild“ halte.

    Nochmals vielen Dank und liebe Grüße,
    Alex Holzknecht

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