Samuel Raymanns Multilayer:
Die Welt in vielen Schichten

Leere und Überfluss kreiert Samuel Raymann in seinen Bildern. Die Technik nennt er „Multi-Layer“: Aus der Idee eines Touristen wurde so ein Projekt.

Basketball Court, West 4th Street, New York. © 2009 Samuel Raymann

Der Times Square in New York, der Stadt, die niemals schläft, ist rund um die Uhr eines der belebtesten Zentren Manhattans. Aber auf Samuel Raymanns grossformatigem Foto ist er absolut menschenleer: Kein Yellowcab, kein Cop, kein Bombenkommando.

Die gleiche trostlose Leere herrscht im Grand Central Terminal, wo der glänzende Boden nur das Sternbild im Tonnendach spiegelt. Und in einem McDonalds-Restaurant, das aussieht, als hätten vor Sekunden noch Leute auf den festgeschraubten Stühlen gesessen.

Dafür tummeln sich im Washington Square Park scheinbar Millionen von Eichhörnchen, und auf einem Basketball-Court an der 4th Street springen Dutzende von Bällen auf und ab, als hätten sich grade zwei Schulklassen mitten im Sportunterricht in Luft aufgelöst:


echhoernchenplage

Nein, Samuels Bilder sind keine bedeutungsschwangeren 9/11-Kunstwerke. New York ist zum Motiv geworden, weil Samuel im Sommer 2009 ein halbes Jahr dort gelebt hat und ihm das permanente Treiben auffiel, für das es kaum ein prominenteres Symbol gibt als den „Big Apple“

Und dort ist dem Interaction Designer eine Technik wieder eingefallen, die er Jahre zuvor in Japan „erfunden“ hatte:

Angefangen hat die ‚Multi-Layer‘ Idee 2005 im Meiji Schrein in Tokyo. Es hatte nicht viele Leute auf dem Platz, und trotzdem wollte ich ein Foto ohne Menschen.

Die Lösung für sein Problem, dachte sich der Grafiker, würde er in Photoshop herstellen: Im Abstand von ein paar Sekunden nahm er insgesamt vier Mal das genau gleiche Bild auf.
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Was Fotografen typischerweise für HDR-Fotos mit Blenden- und Zeitreihen machen, tat Samuel, um sein Motiv von den Touristen frei zu bekommen: Weil die Menschen sich bewegten würde er jeden Fleck in mindestens einem Bild der Serie des Motivs in freier Sicht haben. Aus den vier Layern sollte dann in akribischer Mosaik-Arbeit in Photoshop ein Bild entstehen, auf dem keine einzige Person mehr sichtbar war.

Die Technik ist also weit entfernt von „primitivem Klonen“, wie ich es schamlos in Landschaftsbildern zur Retusche anwende.

Die Arbeit in Photoshop ist eine Sache: Mit Ebenen und dem Übereinanderlegen der einzelnen Bilder lassen sich all jene Stellen hervorholen, welchen den gewünschten Inhalt bieten.

Das Problem dabei beginnt aber schon viel früher: Das Licht und der Blickwinkel müssen, genau wie bei HDR-Aufnahmereihen, absolut identisch sein. Die Bilder für ein Multi-Layer-Projekt müssen deswegen in einem recht kurzen Zeitraum oder unter Lichtverhältnissen aufgenommen werden, die konstant bleiben. Ausserdem sollte sich, wer das Vorgehen nachahmen will, auf viel Arbeit einstellen. Längst schiesst Samuel nicht mehr 4 Bilder für seine Collagen: 200 waren es bald bei den ersten Projekten, der Times Square entstand aus 500 Aufnahmen, und die neueren Projekte bringen schon mal 700 Bilder auf die Speicherkarte.

Das Schrein-Bild hat Samuel nie vollendet, aber die Idee war geboren.
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Und in New York beschloss Samuel, das Konzept nochmals mit mehr Planung und Aufwand anzuwenden: Für das Bild des Times Square ist er mehrfach frühmorgens ins Herz von Manhattan gefahren und hat Bildserien geschossen – nur um sie, wenn er nach einer Stunde erkennen musste, dass einzelne Spots niemals menschenfrei sein würden und sich das Licht bereits geändert hatte, unverrichteter Dinge wieder zu löschen.

Ein ähnlich ambitioniertes Projekt war das Grand Central Terminal, wobei die Probleme sich hier erst am Bildschirm offenbarten: „Ich hatte den spiegelnden Boden unterschätzt“, sagt Samuel: „Jeder Mensch auf jedem Bild war sozusagen doppelt vorhanden – er selbst und seine Spiegelung, und all diese Flächen mussten in einem anderen Bild leer zur Verfügung stehen.“

Das nächste Projekt war der Basketball-Court, wo Samuel einen neuen Twist in sein Multi-Layer-Projekt einbrachte: Die Menschen wurden aus den Bildern entfernt, aber der Ball wurde unzählige Male wiederholt.

Die „Studie“ dafür war das Bild eines Eichhörnchens im Washington Square Park, das Samuel auf einer einfachen Rasenfläche so oft fotografiert und daraus ein Bild gemacht hat, dass man den Eindruck einer Nager-Plage kriegt.
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Das McDonalds-Restaurant wiederholte er, weil er eines mit einer knalligen Innenausstattung fand (man beachte übrigens die Spiegelungen hier, die eine Herausforderung dargestellt haben dürften).

Das lustige in New York ist, dass man dich nicht kennt und nicht scheel anschaut, wenn du eigenartige Dinge tust. Die Putzkolonne am Times Square war zwar interessiert, die Leute im McDonalds haben sich aber nicht um mich gekümmert. Obwohl da sogar ein Sicherheitsmann herumstiefelte. Ich hätte mehr Probleme beim Fotografieren erwartet.

Das Paradox dabei ist, das Samuel nicht mit einer unauffälligen Kompakten unterwegs war: Die Bilder sind alle mit einer Canon EOS 500D entstanden und mit Stativ – was inzwischen gerade in den USA häufig zu Problemen führt, während Touristen mit Kompaktkameras unbehelligt alles knipsen dürfen, was ihnen gefällt.

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Natürlich ist Samuel nicht der einzige, der auf die Idee der Multi-Layer-Technik – oder wie immer man diese Bildreihen-Verschmelzung nennen will – gekommen ist. „Aber als ich Peter Funch’s Bilder gesehen habe, war ich doch einen Moment frustriert und spielte mit dem Gedanken, es bleiben zu lassen.“

Der Däne, der zufällig auch in New York lebt, wendet die gleiche Technik allerdings zu einem ganz anderen Zweck an – Peter Funch arrangiert die Passanten in seinen Bildern: An einer Bushaltestelle stehen nur schwarz gekleidete Menschen und im nächsten Bild nur weiss gekleidete; in einem vermeintlichen Schnappschuss mit geringer Tiefenschärfe gehen Menschen an der Kamera vorbei, die allesamt gähnen etc.

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Samuel hat sich entschieden, sein doch anders gelagertes Projekt weiter zu verfolgen. Das jüngste grössere Projekt stellte ihn indessen vor grössere Probleme: Er wollte einen Fussballmatch mit vollen Rängen und, abgesehen von vielen Fussbällen, leerem Spielfeld. Die Presseabteilung des in der Schweiz sehr populären FC Basel gewährte ihm schliesslich einen Platz unter den Zeitungsfotografen für eins der Spitzenspiele – aber Blickwinkel und Lichteinfall waren nicht ideal, woanders hin dufte Samuel nicht und eine Gelegenheit für Testaufnahmen gab es auch nicht. Jetzt will er einen zweiten Anlauf nehmen…

Und schliesslich kehrt auch Samuel sein Prinzip jetzt um: Ein weiteres Projekt ist eine Grossbaustelle in Zürich, die er bereits von einem gegenüberliegenden Hausdach probeweise sehr ansprechend fotografiert hat: Daraus soll ein „Wimmelbild“ werden, voll von Arbeitern, Architekten, Lastwagen, Baggern und sonstigem Betrieb.

11 Antworten
  1. Dario says:

    Genial diese spezielle Stimmung welche die bearbeiteten Bilder generieren.
    Es gibt ja heute für fast alles eine Software. Gibt es keine welche die Menschen „rausrechnet“?

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] einem Kompositbild aus dem Weg räumen können, wie das Samuel sehr intensiv gemacht und damit den Times Square in New York leergeräumt hat.  Ab Stativ die gleiche Szene mehrmals fotografieren und das ganze so in einem Bild zusammensetzen, […]

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