Dokumentation:
Beissende Neugier

Fotografien mit inhaltlicher Bedeutung sind eine spannende Übung für Fotografen: Wie setzt man einen Buchtitel oder eine historische Legende wirksam um?

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Tom Jung).

Kommentar des Fotografen:

Zitat aus Heinrich Bölls Irischem Tagebuch: „Einige hundert Meter oberhalb dieses Hauses die Überreste eines abgestürzten Flugzeu- ges: amerikanische Flieger hatten, um den Bruchteil einer Sekunde zu früh, geglaubt, den freien Ozean vor sich zu haben, die glatte Fläche, die noch zwischen ihnen und der Heimat lag: Europas letzte Klippe wurde ihnen zum Verhängnis, der letzte Zacken dieses Erdteils, den Faulkner in seiner „Legende“ ‚jene winzige Eiterstelle, die den Namen Europa trägt‘, nennt…“

Die Photographie zeigt die Überreste der Turbine jenes in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts abgestürzten Flugzeugs. Die Aufnahme entstand 1989; es handelt sich um einen Scan einer 6*6 cm Mittelformat-SW-Aufnahme, welche ich mit einer Rolleiflex-Kopiekamera gemacht hatte. Die literarische Verarbeitung dieses Unfalls hat mich immer sehr berührt; die Überreste der Turbine bilden nach über 30 Jahren eine fast organische Einheit mit der Umgebung.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Tom Jung:

Ein weitgehend zerstörter Sternmotor liegt in einer kargen, möglicherweise küstennahen Umgebung in diesem Schwarz-Weiss Bild. Durch den geringen Kontrast des im Nebel, im Schatten oder nach Sonnenuntergang aufgenommenen Bildes scheint sich der Motor in die Umgebung einzufügen, geradezu zu tarnen.

Die geringe Tiefenschärfe hebt ihn von der Umgebung ab und verdeutlicht, was das Motiv der Aufnahme ist. Im Hintergrund ist eine Krete des leicht abschüssigen Geländes zu erkennen, über der ein in blankem weiss ausgebrannter Himmel als Keil über die obersten zwei drittel nach rechts durchs Bild läuft.

Grundsätzlich spricht diese Fotografie für sich selber – aber vielmehr macht sie unweigerlich Lust auf die Geschichte hinter dem Objekt.

Ebenso ist die Umsetzung grundsätzlich gelungen, jedenfalls fesselt mich die Aufnahme. Dafür sind das Motiv und seine Inszenierung gleichen Teils verantwortlich: Dies sind offensichtlich historische Trümmer und nicht einfach aktueller Müll in der Landschaft – den Sternmotoren sind nicht mehr gerade sehr häufig zu finden – und die Schwarz-Weiss-Aufnahme aus nächster Nähe lässt den Kolbenkranz wie ein gerade entdecktes und dokumentiertes Fundstück erscheinen – was uns unweigerlich Fragen stellen lässt.

Was mich technisch an der Aufnahme stört, ist eine leichte Unschärfe – die auch vom Scannen herrühren kann – und der ausgebrannte Himmel über dem Abhang.

Er ist zwar, um eine Vorstellung des Geländes zu kriegen, wesentlich, aber die starke Überblendung an der Kante ist sehr augenfällig.

In der Komposition ist es Dir aber gelungen, den Motor zu einem Teil der Umgebung zu machen, obwohl er stark hervorgehoben ist: Die direkte Nähe zum Objekt steht im Widerspruch zu der farblichen „Tarnung“, die einen in der Schwarz-Weiss-Umsetzung glauben lässt, dass man das Relikt auf grössere Distanz im Kontext der Felsen vielleicht gar nicht entdeckt hätte.

Abgesehen vom Problem mit der Überbelichtung finde ich das Bild so einprägsam, dass es Neugierde weckt: Die Trümmer eines Hightech-Objekts aus der Vergangenheit in einer unpassenden Umgebung und in Schwarz-Weiss fotografiert – wer woltle da nicht die Geschichte hinter dem Bild erfahren? Dadurch würde sich die Aufnahme durchaus als Buchtitel eignen. Insofern und mit Deinem Kontext im Kopf ist die Aufnahme gut gestaltet.

Rein fotografisch dagegen könnte man sich fragen, ob nicht die Farben des wohl grau-braun-roten Objekts in der grün-felsigen Umgebung Grund für eine Farbaufnahme gegeben hätten und ob ein stärkerer Einbeug der Landschaft und eine elegantere Aufteilung der Komposition dem Bild nicht zuträglich geworden wären.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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