Architektur:
Gegensätze auf mehreren Ebenen

Gebäude bieten als fotografische Motive mehr als viele Linien und Flächen für die Komposition. Sie bieten Spielraum für historische und ästhetische Kontraste.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Nils Krawinkel).

Kommentar des Fotografen:

Neu trifft alt. In Berlin erlebt man das häufig. Vor allem, wie hier, im Regierungsviertel. Das Bild ist von einem Boot auf der Spree aus aufgenommen und zeigt den Reichstag sowie das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus.

Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Nils Krawinkel:

Ein historisches Gebäude spiegelt sichin der rechten unteren Bildhälfte dieser Farbfotografie in den gleichförmigen rechteckigen Elementen einer Glasfassade. Eine breite Betontreppe mit Glasgeländer steigt, seitlich gesehen und parallel zur Fassade verlaufend, am unteren Bildrand diagonal über zwei Drittel des Bildes nach rechts an. Die bildfüllende Fassade des Neubaus zeichnet sich durch regelmässige horizontale und vertikale Linien aus; die Spiegelung des Gebäudes gegenüber wird durch die Glaselemente in einzelne Mosaikstücke zerlegt und verzerrt gespiegelt.

Architekturfotografie ist nicht einfach Dokumentation von Gebäuden. Sie kann und soll Absichten der Architekten, den Ausdruck von Gebäuden in sich selbst und in ihrer Umgebung aufgreifen und vermitteln. Während moderne Strukturen häufig auch in rein technokratischer Funktionalität spannende Linienverläufe und Lichtobjekte bieten, steht bei historischen Gebäuden meist der repräsentative Charakter und damit die Fassade im Vordergrund.

Dein Bild schafft aus zwei solchen Elementen einen spannenden Kontrast. Zum einen in der Glasfassade und ihrer zweckoptimierten, minimalistischen Ästhetik als solcher, die durch die ebenso schnörkellose Treppe unterstützt wird. Die beiden Elemente schaffen allein bereits eine Vielfalt an komponierbaren Linien und Flächen, die sogar ohne die Spiegelung des Gebäudes eine spannende Fotografie ausmachten.

Mit dem Gegensatz des historistischen Reichstags in der Spiegelung entsteht eine zweite Bildebene, die eine Zeitachse in die Interpretation des Bildes einbringt.

Und schliesslich besteht im optischen Effekt der „Kachelung“ des Spiegelbildes eine Aussage, die sich auf das Digitale Zeitalter umlegen lässt – die Spiegelung der Vergangenheit wird gewissermassen verpixelt.

Inhaltlich und kompositorisch ein ebenso reichhaltiges wie reduziertes Bild, das nicht zu viel und nicht zu wenig bietet.

Mich haben nach einiger Zeit die stürzenden Linien durch den leicht aufwärts gerichteten Blickwinkel zu stören begonnen – in einem Versuch mit Perspektivenkorrtur habe ich aber ehrlich gesagt nichts hingekriegt, was besser wirken würde. Aber hier zeigt sich ein Problem in der Architekturfotografie, das mit Perspektivenkorrektur einer Fachkamera oder Spezialobjektiven (PC-Objektiv) bewältigen lässt.

Denn weil wir die Komposition in einem rechteckigen Bildausschnitt gestalten müssen, haben Geraden die Tendenz, sich an den Bildkanten zu messen. Was bei eindeutigen perspektivischen Diagonalen nichts ausmacht, wird bei Linienmustern schnell irritierend – und hier kippen die Vertikalen, die am rechten Bildrand ausgerichtet sind, im linken Bildteil nach hinten/rechts weg.

Zu nachträglich eingebauten Rahmen in Bildern habe ich kürzlich was gesagt – ich hoffe Du verzeihst, dass ich hier den dicken schwarzen Trauerrand weggeschnitten habe. Matting macht Sinn bei gerahmten Bildern, in der Datei selber hat es meiner Ansicht nach nichts verloren.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Antworten
  1. Nils Krawinkel says:

    Hallo Peter,
    vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar! Mich haben die stürzenden Linien nicht wirklich gestört, da der Effekt meiner Meinung nach doch relativ gering ist. Die bearbeitete Version von Swonkie ist aber auch nicht schlecht, danke für die Mühe! Am liebsten wäre mir für soetwas natürlich das erwähnte Tilt-Shift-Objektiv.
    Zum Rahmen: Du bist nicht der einzige, der mich dahingehend kritisiert. Ich werde in Zukunft nochmal intensiv darüber nachdenken, ob und wie ich Rahmungen vornehme…

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  2. Sven Hirthe says:

    Swonkies Version finde ich auch deutlich stimmiger.
    Ansonsten irritieren die stürzenden Linien spätestens auf den zweiten Blick.

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