Grün:
Perspektive total

Spielereien mit ungewohnten Perspektiven lohnen sich fast immer. Meistens muss dazu nur eine ohnehin erzwungene Blickrichtung etwas gesteigert werden.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jürgen Ilg).

Kommentar des Fotografen:

Windrad mit Kornfeld

Peter Sennhauser meint zum Bild von Jürgen Ilg:

Ein Meer von grünen Kornähren erstreckt sich in dieser hochkant-Farbaufnahme vom direkten Vordergrund breitenfüllend bis in etwa das erste Fünftel der Aufnahme nach oben: Wir blicken von unten, aus dem Kornfeld mit den Ähren etwas über Augenhöhe, nach oben zu einer Windturbine.

Deren drei Blätter sind durch die Langzeitaufnahme verwischt. Im direkten Vordergrund schiebt sich eine Ähre von links unten ins Bild, zwei weitere, in der Bildmitte und rechts, scheinen durch Ihre Nähe zur Kamera ebenfalls höher zu ragen.

Diese einfache, unspektakuläre Aufnahme zeigt, was starke Linien bewirken können:

Unspektakulär deshalb, weil das Bild im Wesentlichen eine Windturbine mit bewegten Rotorblättern zeigt – und daran ist wenig zu entdecken.

Die Kornähren im Vordergrund stellen zwar einen gewissen Kontrast herund machen das Bild inhaltlich zu einem Stockfoto für Umwelt-, Landwirtschafts- oder Energiethemen – aber auch sie bieten wenig „Umschwung“ für den Blick des Betrachters.

Dennoch zieht das Bild an. Denn die Linienführung zwingt das Auge durch das Bild hindurch: In dem vermeintlichen Chaos zeigen fast alle wichtigen Vektoren nach oben rechts, wo die Turbine des Windrades im goldenen Schnitt steht.

Dabei steht der Turbinenmast selber am Bildrand ausgerichtet sauber vertikal, und die Ähre in der Bildmitte bildet eine starke Parallele. Als Vordergrundobjekt stört sie mich auch nicht in ihrer mittige Positionierung. die beiden anderen Ähren rechts und links dagegen laufen in gut proportionierten Diagonalen nach oben und unterstützen damit die Perspektive und die angesprochene Vektorführung.

Ein Magnet ist das Bild auch durch die ungewohnte Perspektive: Du hast Dich gerade mal soweit von der üblichen Sichtweise eines nach oben blickenden Menschen „herabgelassen“, dass wir einen ganz anderen Ausblick haben, als wir erwarten würden – vielleicht eines Hundes oder eines Kindes.

Als Kritikpunkt ist die Unschärfe der Vordergrund-Ähren zu erwähnen. Auch Weitwinkel-Objektive haben einen Mindestabstand für die Schärfentiefe, und den hast Du hier unterschritten. Bei Blende 22 – ein extremer Wert, der wohl auch den hellen Himmel abdunkeln sollte, wobei hier eine leichte Unterbelichtung zu bemerken ist – dürfte die Ähre links praktisch das Objektivglas berührt haben. Diue Unschärfe stört nicht in jedem Fall, hier aber tritt sie in eine Konkurrenz zur Bewegungsunschärfe der Rotorblätter.

Interessanterweise hättest Du fast die gleiche Komposition mit Halmen erreichen können, die jetzt hinter den beiden unscharfen ganz links und in der Mitte stehen. Dazu hättest Du – ich entschuldige mich beim Bauern, dem das Feld gehärt – diese beiden Halme wegbiegen oder knicken müssen.

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1 Antwort
  1. Uwe S. says:

    Die Bildidee gefällt mir: „Grüne Energie“. Wenn ich auf das kleine Vorschaubild in der rechten Spalte schaue, wird mir nicht so recht klar, was durch die Komposition zum Motiv gemacht werden soll, die Gerste oder die Windkraftanlage; hier fehlt mir die Priorität.
    Das angesprochene Problem der Unschärfe von Rotorblättern und Ähren zugleich kann ich nachvollziehen. Trotzdem finde ich, das Bild nicht muss nicht unbedingt von vorn bis hinten knackscharf sein, jedoch würde mehr Licht im Rücken des Fotografen für eine bessere Durchzeichnung der Ähren sorgen.

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