Architektur:
Lichtspiele

Architektur hat immer auch mit Lichteinfall und Lichtverteilung zu tun. Diese Spielarten fotografisch zu erfassen ist ein Aspekt der Architekturfotografie.

Kommentar des Fotografen:

Nach einer mehrtägigen Bergtour mit dem SAC haben wir abschliessend die Kirche des Architekten Botta in Mogno (Tessin) besucht. Die Kirche hat mich fasziniert. Vor allem das Lichtspiel kam an diesem schönen Tag zur Geltung. Aufgenommen mit einer Canon G10 und unter etwas Zeitdruck. Ein paar Aufnahmen, und schon mussten wir für die Rückfahrt ins Postauto.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Bernhard Bischof:

Eine schwungvolle Glas-, Stahl- und vor allem Beton- oder Mauerwerkstruktur dreht sich in diesem Farbbild nach oben. Im Zentrum des Bildes steht ein Glasdach, durch das der blaue Himmel gesehen werden kann. Es wird von den runden Mauerstrukturen elliptisch als Schnittmenge zweier Hyperbeln eingefasst.

Die Spannung dieser Aufnahme liegt in den den verschiedenen Konstruktionen der Wände der Botta-Kirche und in ihren architektonisch seltenen Formen: Botta ist berühmt für seine tubusförmigen, diagonal abgeschnittenen Bauten.

Während in der Architektur normalerweise Geraden dominieren, sorgen die Rundungen in diesem Bild für eine Sammlung an Kurven, die sich in verschiedenen Winkeln schneiden. Abgesehen von den Stahlstreben im Glasdach und den Kanten der Granitblöcke in der Wandstruktur, die im oberen Bildteil zu sehen ist, gibt es keine geraden Linien – und dieses Zusammenspiel sofrt für einen ersten Spannungsbogen.

Darüber hinaus sorgt das durch die Glasabdeckung einfallende Licht an der runden Wand für eine Gitterstruktur, indem die Lichtbalken quer zu den in der Mauerstruktur enthaltenen Farblinien verlaufen. Diese Vielzahl von strukturierten Linien und Kurven sorgt für eine Sammlung von Mustern, die erst auf den zweiten Blick als Kombination aus Strukturen des Gebäudes und Lichteinfall erkennbar sind.

Dem Entdeckerdrang des Bildbetrachters kommt das entgegen. Die Komposition stellt allerdings die Ellipse des Dachfensters etwas zu sehr ins Zentrum, worunter die spannendste Ansicht der Konstruktion, die Streben rechts oben, etwas zu leiden haben.

Für meine Begriffe ist das Problem dieses Bildes abgesehen von der leichten Überbelichtung in den durch das Sonnenlicht gebildeten Linien, die vielenorts ausbrennen, in der Kombination aus Gebäudestruktur oben rechts und den Linien und Flächen unten in der Mitte: Beides wäre je eine eigene Fotografie, hier stehlen sich die Objekte gegenseitig die Schau, während dafür die Ellipse zu Zentral im Bild steht, die aber nur mit den Linien ihres Randes zum Motiv wird.

Für einen kurzen Schnappschuss auf Kirchenbesichtigung dennoch eine spannende Aufnahme, die dem Bau durch eine ungewohnte Blickrichtung Rechnung trägt und in nicht einfach als Zylinder zeigt. Als sorgfältig konzipierte Architekturfotografie allerdings ginge das Bild nicht durch.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. matidio
    schrieb am 3. November 2010 um 14:03 Uhr (#)

    Meiner Meinung nach ist die Kritik an den ausgefressenen Lichtern der Linien etwas uebertrieben. Der Kontrastumfang der Aufnahme ist sehr gross, und eine Belichtung auf die Linien (insbesondere deren Kreuzung mit den hellen! Farblinien, denn nur da sind sie ausgefressen) haette wahrscheinlich zur Folge gehabt, dass die Strukturen oben rechts im schwarzen Nichts versunken waeren. Gerade auch weil der Sinn der Linien “nur” darin besteht einen geometrischen Kontrast zu den Farblinien zu bilden und ihnen keine eigene dem Bild zutragende Detailinformation innewohnt. Unabhaengig davon, ob die Belichtung nun so gewollt war oder nicht.

  2. Swonkie
    schrieb am 3. November 2010 um 15:49 Uhr (#)

    für mich ist die vermeidung bzw reduktion der überbelichtung der erste punkt um das bild besser zu machen. gleich danach kommt die komposition. es geht ja nicht darum auf das sonnenlicht der linien abzugleichen, sondern einfach den gesamteindruck des bildes etwas dunkler zu machen und mehr detail und “blau” im himmel zu sehen.

  3. Bernhard Bischof
    schrieb am 4. November 2010 um 17:50 Uhr (#)

    Vielen Dank für die Beurteilung. Ich habe damals in Mogno vergessen (vermutlich infolge Zeitdrucks), mehrere Aufnahmen mit verschiedenen Belichtungen zu machen, weil ich sowieso Blende und Verschlusszeit immer manuell einstelle. Da bekanntlich bei zu hellen Aufnahmen ein Teil der Informationen verloren geht, hätte ich besser etwas dunkler eingestellt, denn mit einem entsprechenden PC-Programm könnte ich später die Helligkeit variieren und mir die für mich beste Variante auswählen. Ich erinnere mich daran, dass ich damals mit der Einstellung an die Grenzen kam. Sobald ich aufgrund des hellen Dachfensters etwas dunkler belichtet habe, wurden die Wände entsprechend dunkler und verloren an Aussage. Ich frage mich, ob bei solch extremen Lichtverhältnissen die HDR-Technik etwas bringen würde?

    1. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
      schrieb am 5. November 2010 um 08:20 Uhr (#)

      Bernhard, HDR ist grundsätzlich just in Situationen mit zu hohem Kontrastumfang eine Lösung. Im aktuellen Fall halte ich es allerdings für unnötig. Wichtigste Voraussetzung, um mit den Bildbereichen in den Extremen arbeiten zu können, ist die Aufnahme in RAW und nicht als JPG: Die Rohdaten des Sensors umfassen mehr Helligkeitswerte, als Bildschirme und JPG darstellen können. Vielfach reicht es, auf die hellen Bildstellen zu belichten und danach in einem Bildbearbeitungsprogramm die absaufenden dunklen Partien anzuheben, um Zeichnung in allen Kontrastbereichen zu erhalten.

  4. Andreas Lewerken
    schrieb am 5. November 2010 um 06:05 Uhr (#)

    Mir ist ähnliches passiert, wie dem User Bernhard Bischoff, dieses allerdinks aus dem Fenster einer Yacht hinaus. Wer kann mir ein geeignetes Fotografikprogramm (PC) empfehlen?

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