Strassenfoto:
Kirmesaction ohne Menschen

Rummelplatz- und Vergnügungspark-Umgebungen sind ideal, um Action, Freizeit und Vergnügen darzustellen. Ein paar lachende Menschen allerdings helfen dem Motiv ungemein.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Holger Saß).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Holger Saß).

Kommentar des Fotografen:

Die Aufnahme habe ich während einer Herbstkirmes in meinem Heimatort geschossen. An diesem Tag herrschte extrem gutes Wetter. Ich wollte das bunte Treiben und die Dynamik hervorheben, die an solchen Tagen auf dem Festplatz herrscht.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Holger Saß:

Ein Rummelplatz-Fahrgeschäft voller Farbe und Bewegung ist in dieser Aufnahme in vollem Betrieb zu sehen. Wir blicken vom Rand zur Achse des Geschehens, zwischen einer uns mit der Rückseite zugewandten und weiter entfernten Gondeln hindurch. Dazwischen sorgen Trockeneis-Nebelschwaden für zusätzliche Chaos-Stimmung. Im Zentrum des Bildes ist eine Gondel dem Fotografen zugewandt und darin eine junge Person erkennbar, die sich in vergnügter Anstrengung an den Griff klammert.

Auf den ersten Blick besticht diese Aufnahme durch den verwirrenden bunten Trubel, der Vergnügen und Spektakel verspricht:

Die Bewegung und die Musik wird sichtbar, aber die knalligen Farben und die Eingefrorenheit der Aufnahme verfremden den Moment und bieten einen Einblick in eine Dreihundertstel Sekunde puren Vergnügens.

Du hast das Bild in der Kategorie abstrakt eingereicht, sagst allerdings, dass Du eine Impression einer Rummelplatz-Atmosphäre liefern wolltest, was ich doch eher unter Strassenfotografie einordnen würde.

Der Blickfang gelingt – nicht zuletzt durch die kurze Belichtungszeit, welche die rasche Bewegung eingefroren hat (darauf komme ich gleich noch zurück), die grosse Nähe zur vordersten Gondel und die Nebelschwaden: Es entsteht so eine starke Tiefe im Bild, was wider Erwarten eine schwierig zu erzielende Qualität bei solchen Motiven ist.

Was aber fehlt – und mit zunehmender Betrachtung des Bildes immer stärker zu fehlen beginnt – das sind die Protagonisten: Du wolltest Vergnügen und Rummel zeigen, aber vom Vergnügen ist mangels lachender, kreischender, verzerrter Gesichter wenig bis gar nichts zu sehen.

Das verleiht dem Bild eine surreale zweite Ebene, die man durchaus auch als Qualität sehen kann, denn ich bin nach dem Blickfang zunächst ziemlich irritiert – die Szene wirkt gerade so, als ob sich hier die Maschinen einen wilden Tanz mit Nebelwerfern erlaubten, ohne dass die Menschen ein eigentlicher Teil davon wären.

Dass von ihnen eigentlich nur eine einzige Person sichtbar ist, gerät hier fast schon zum Kunstwerk an sich: Zuerst dachte ich, die Bahn sei weitgehend unbesetzt, bei näherem Hinsehen ist zu erkennen, dass wahrscheinlich in jeder Gondel mehr als eine Person sitzt – aber sie sind alle nicht wirklich sichtbar: links die Beine eines Fahrgasts, hinten im Nebel ein Pärchen schemenhaft, aus der Gondel im Vordergrund hängt noch das Haar eines Menschen – es scheint fast so, als sei hier ein Schnappschuss mitten in einer Menschenmasse gelungen, auf dem keine Menschen sichtbar sind.

Aber Deine Bildabsicht war die Dynamik und das Treiben an einem Schönwettertag auf der Kirmes, und das würde ich doch eindeutig auf die Menschen beziehen, die sich dort tummeln. Ich habe vor einem Jahr zwei Postings mit “Fingerübungen” zum Thema Jahrmarktstreiben und Fotografie verfasst.

Die Unterschiede liegen auf der Hand: Du hast mit kurzer Belichtungszeit den Moment eingefroren, was einerseits ungewohnt und interessant ist, aber die Bewegung nicht zum Ausdruck bringt. Ich habe damals mehr versucht, mit den Gondeln des Fahrgeschäfts mit zuziehen und auf die Menschen scharf zu stellen: Die Bewegungsunschärfe schafft Dynamik, die Menschen stehen im Zentrum.

Deine Aufnahme setzt einen anderen Akzent – aber die Menschen sollten immer noch im Vordergrund stehen, wenn Du Deine Absicht umsetzen willst.

Wenn Es Dir dabei gelungen wäre einen Moment zu erwischen, indem Du vom gleichen Standpunkt aus eine Gondel direkt vor Dir, aber in umgekehrter Richtung – also mit frontaler Sicht auf die Menschen darin – gehabt hättest, wäre es eine sensationelle Aufnahme geworden. Die Nähe zu der bewegten Gondel ist das stärkste Tiefenelement der Aufnahme, der spektakuläre Blickfang, den man wider erwarten am Rummel nicht häufig hinkriegt, weil die Menschen durch die Menge und die Fahrgeschäfte schlicht durch die physische Gefahr, die sie darstellen, meist auf Abstand gehalten werden müssen und damit in eine einzige Tiefenebene gedrängt werden.

Was mich an der Aufnahme ausserdem stört, ist die eiskalte Farbtemperatur (das Bild ist viel zu blau für einen warmen Sommertag), die links abgeschnittene Komposition und die leichte Neigung nach rechts (erkennbar an der Mittelsäule mit den Scheinwerferkugeln).

Trotzdem: Ein spannendes Bild mit einer surrealen Note.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

 

Mehr lesen

Sportfoto: Geschwindigkeit in Bildern zeigen

24.5.2011, 0 KommentareSportfoto:
Geschwindigkeit in Bildern zeigen

Die Fotografie friert die Zeit ein. Aber wie sie das genau tut, entscheidet der Mensch am Auslöser. Und er entscheidet damit über die Wirkung von Bewegung und Stillstand.

Traumwandlerin: Idee und Resultat

11.5.2011, 2 KommentareTraumwandlerin:
Idee und Resultat

Langzeitbelichtungen in Menschenmengen bieten tolle Effekt-Möglichkeiten. Alle anderen fotografischen Grundregeln dürfen dabei aber auch angewandt werden.

Das Stativ in der Landschaftsfotografie (II): Positive Nebenwirkungen

18.2.2011, 15 KommentareDas Stativ in der Landschaftsfotografie (II):
Positive Nebenwirkungen

Ein Stativ bremst den Fotografen, es sorgt für Ruhe und eine feste Routine bei der Komposition: Mehr Gründe für das Dreibein.

26.2.2013, 14 KommentareLeserfoto:
Die verborgenen Schnappschüsse der Festplatte

Oft ist von längst verloren geglaubten Perlen der Fotografie die Rede, die jahrelang unbemerkt auf der heimischen Festplatte schlummerten und erst durch eine spätere Bildbearbeitung zu vollem Glanz emporsteigen. Nur: Nicht jedem Foto ist dieses Märchen vergönnt.

Diane Arbus: Geheimnis eines Geheimnisses

20.3.2012, 0 KommentareDiane Arbus:
Geheimnis eines Geheimnisses

"Eine Fotografie ist wie ein Geheimnis eines Geheimnisses", schrieb Diane Arbus einmal: "Je mehr es erzählt, umso weniger erfährt man.

Flaschenspiegelung: Falscher Fuffziger

21.5.2010, 11 KommentareFlaschenspiegelung:
Falscher Fuffziger

Einfache Effekte - wie eine Drehung - können Fotografien spannender machen. Dabei sollte der Eindruck einer "Fälschung" vermieden werden.

13.6.2014, 5 KommentareLeserfoto - "Treppe":
Architektur als Abstrakt

Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, lassen sich auch aus eher unscheinbaren Motiven außergewöhnliche Fotos herausholen.

26.2.2013, 14 KommentareLeserfoto:
Die verborgenen Schnappschüsse der Festplatte

Oft ist von längst verloren geglaubten Perlen der Fotografie die Rede, die jahrelang unbemerkt auf der heimischen Festplatte schlummerten und erst durch eine spätere Bildbearbeitung zu vollem Glanz emporsteigen. Nur: Nicht jedem Foto ist dieses Märchen vergönnt.

Leserfoto: Tokio bei Nacht

25.1.2013, 7 KommentareLeserfoto:
Tokio bei Nacht

Einhändig im fahrenden Auto solche Bildkompositionen einzufangen, ist nicht einfach. Dafür kann sich die Mühe lohnen, wie das Bild hier zeigt.

Leserfoto: Ein tot fotografiertes Motiv im spannenden Zusammenhang

5.2.2013, 2 KommentareLeserfoto:
Ein tot fotografiertes Motiv im spannenden Zusammenhang

Formen und Farben vermitteln ein Gefühl für die Natur und das auch in einer Stadt

Leserfoto: Film Noir Schnappschuß – Geschichten erzählen

24.1.2013, 1 KommentareLeserfoto:
Film Noir Schnappschuß – Geschichten erzählen

Verfallene Gebäude allein sind interessante Fotomotive. Wenn man dann innerhalb des Gebäudes noch eine Geschichte findet, die das Foto erzählen kann, muß man sich anstrengen, kein gutes Bild zu machen.

Bildbearbeitung: Abwedeln und Nachbelichten in der Digitalfotografie (2)

23.1.2013, 4 KommentareBildbearbeitung:
Abwedeln und Nachbelichten in der Digitalfotografie (2)

Der nachfolgende Artikel unseres Gastautors Thomas Brotzler befaßt sich mit den Möglichkeiten des Abwedelns und Nachbelichtens. Im vorangegangenen ersten Teil ging es um die Herkunft und Bedeutung dieser Technik. Im heutigen zweiten Teil werden praktische Aspekte mit einem Bearbeitungsbeispiel aufgezeigt.

Strassenfotografie: Der Mann im Himmel

15.4.2012, 2 KommentareStrassenfotografie:
Der Mann im Himmel

Bei grossen Kontrastunterschieden zwischen Motiv und Hintergrund muss die Belichtung auf Spotmessung gestellt werden.

Strassenfotografie: Das stille Fahrrad

26.3.2012, 0 KommentareStrassenfotografie:
Das stille Fahrrad

Stilleben müssen nicht aus Vasen und Obst bestehen. Ein altes Fahrrad in einer Seitengasse tut's auch.

Strassenporträt: Kubanischer Lebensabend

20.3.2012, 0 KommentareStrassenporträt:
Kubanischer Lebensabend

Menschenportraits können so einfach sein: Sehen, abdrücken, fertig. Selbst mit minimaler Ausrüstung, in diesem Fall der günstigen 50mm-Festbrennweite und natürlichem Licht, gelingen ansprechende Fotos, wenn das Motiv spannend genug ist.

Ein Kommentar

  1. Zwar mag es nicht die eigentlich Intention getroffen haben, aber als surreales Motiv finde ich es durchaus sehr gelungen. Beim ersten Blick, ohne die Intention des Urhebers gelesen zu haben, fand ich das Bild bereits genial. Das kann aber natürlich auch damit zu tun haben, dass ich Surrealität besser finde als Kirmes ;)

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

* Pflichtfelder