Fotograf sein (1/2):
Warum fotografierst Du?

Was macht eine Fotografin aus? Reicht die Liebe zur Fotografie, oder muss mehr dahinter stecken? David Hurn versucht im Buch “On Being A Photographer” im Gespräch mit Bill Jay diese Fragen zu klären.

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Dieses Buch, das die Autoren treffend mit “Eine Praktische Anleitung” untertitelt haben, ist eines von denen, das ich hätte haben/lesen sollen, als ich anfing zu fotografieren – nein, bevor ich überhaupt ans Fotografieren dachte.

Bill Jay schreibt in seiner Einleitung, daß es eine 30 Jahre währende Freundschaft würdige, wie auch einen andauernden und sich stetig fortsetzenden Dialog. Das war genau der Grund, warum ich “On Being a Photographer” (Affiliate-Link) sofort kaufte, als es wieder im Druck war.

Ich hatte nach einem Buch gesucht, das mir Antworten auf die vagen Fragen geben könnte, die sich auch nach Jahren ernsthaften Fotografierens nicht aus meinem Kopf vertreiben ließen – was vielleicht darauf zurückzuführen ist, daß ich mir das meiste dessen, was ich heute kann, selbst beigebracht habe.

On Being a Photographer

“On Being a Photographer” von David Hurn (Affiliate-Link) wird von LensWork Publishing als Teil einer Serie zum Thema “Photography & the Creative Process” (“Fotografie und Kreatives Arbeiten”) auf Englisch herausgegeben. 145 Seiten, $12.95 plus Versand.
Der Anfang einer langen Freundschaft

Die Freundschaft zwischen David Hurn und Bill Jay begann, als David Bills Fotos – die Früchte etlicher Jahre an Mühen, ein Dokumentarfotograf zu sein – mehr oder weniger vom Tisch wischte. Seine Beurteilung war hart, aber ehrlich (etwas, das ich mir hinsichtlich meiner eigenen Arbeit manchmal selbst wünschte). Er nannte sie “langweilig” und “abgeleitet” oder “unoriginär”. Zu einem späteren Zeitpunkt in ihrem Gespräch sagt ihm Bill Jay, daß diese Beurteilung ihn von der Last befreit habe, etwas sein zu wollen, das er eigentlich gar nicht war, obwohl es schwierig gewesen sei, Davids Aussage anzunehmen. Bill begann daraufhin, Dinge zu fotografieren, die ihn persönlich interessierten, nämlich hauptsächlich Porträts anderer Fotografen. Auf diese Art und Weise hat er zwischenzeitlich eine ziemliche Anzahl geschichtlich wertvoller Aufnahmen zusammengetragen, die er unter Umständen niemals fotografiert hätte, wenn er weiterhin versucht hätte, Dokumentarfotograf zu sein.

David Hurn selbst sieht seinen eigenen Erfolg in einer Reihe glücklicher Zufallsbegegnungen begründet, wie auch der Hilfe und Anleitung einiger Leute, die seinen Weg begleiteten. Wie dem auch sei, er hat trotzdem immer seiner eigenen Intuition vertraut und erst eine viel versprechende Karriere als Modefotograf aufgegeben, wie auch später eine sichere Anstellung als Professor, und finanzielle Unsicherheit hingenommen, um unabhängig seine künstlerischen Ziele verfolgen zu können. Ich persönlich bewundere das.

Das Buch ist in Dialogform geschrieben: Bill Jay stellt die Fragen, streut aber auch seine eigenen Erfahrungen und Meinungen in das Gespräch ein, was ich persönlich sehr wertvoll und ansprechend fand, weil dadurch ein paar von David Hurns Aussagen weiter abgerundet und erklärt werden.

Fotojournalisten und Dokumentarfotografen oder warum Fotografen Fotografen sind

Nachdem sie den Unterschied zwischen “Fotojournalist” und “Dokumentarfotograf” diskutiert haben, zieht Hurn den Schluß, daß er für sich selbst die Bezeichnung “Reportagefotograf” bevorzuge, denn es beinhalte eine persönliche Wiedergabe eines beobachteten Geschehens mit Andeutungen von Subjektivität, aber auch Ehrlichkeit.

Er vertritt sodann die Meinung, daß Fotografen nicht Fotografen seien, weil sie an Fotografie interessiert sind. Hätte mich das Gespräch nicht schon vorher gefesselt, spätestens jetzt hätten die beiden meine volle Aufmerksamkeit genossen.

Ich hatte immer irgendwie angenommen, daß ich am Fotografieren selbst interessiert sei. Wenn man David Hurn Glauben schenkt, dann ist das mitnichten der Fall. Fotografie ist im Grunde nur das Werkzeug, das Mittel zum Zweck. Deshalb muß ein Fotograf ein grundsätzliches Interesse, eine Neugierde besitzen, eine Leidenschaft für den Gegenstand, das Thema selbst, den/das er fotografiert. Für Hurn führt diese Neugierde zu einer genaueren Erkundung, Diskussion, Erforschung etc. über einen längeren Zeitraum hinweg.

Ich fand das faszinierend, hauptsächlich einer Diskussion wegen, die ich vor Jahren einmal mit jemandem hatte, als ich mich noch im Anfangsstadium meiner fotografischen Entwicklung befand. Als Amateur denkt man meistens nicht daran, sich über einen längeren Zeitraum hin mit einem Thema zu befassen. Man schießt Fotos. So auch ich damals. Ich zeigte einige Arbeitem jemandem, und hatte auf die Frage, warum ich die Aufnahme gemacht habe, was mich an dem Thema interessiere usw. dann auch keine Antwort.

Und es gab auch keine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Dementsprechend konnte ich mir nicht erklären, was die Frage eigentlich sollte. Mittlerweile weiß ich, daß mit der Faszination eines Gegenstandes oder Themas geistige Bilder verbunden sind, die dann in Fotos umgesetzt werden wollen. Sobald man sich mit etwas näher beschäftigt, kommen die Ideen, die Fotos, und wie sie umgesetzt werden könnten, praktisch von selbst.

Bildgegenstand und persönliches Interesse

Hurn stellt weiter fest, daß man als Künstler seine Seele nicht verkauft, wenn man sich als Studienobjekt etwas aussucht, das für andere ebenfalls von Interesse ist. Dieser Gedanke war für mich etwas schwerer verdaulich, denn als Künstler denkt man gerne, man erschaffe etwas Überirdisches und nicht etwas, das auf den Alltagsgeschmack zugeschnitten ist. Doch wozu ist bildende Kunst gut, wenn keiner sie sieht, über sie nachdenkt, sie zu schätzen weiß? Kunst hat schon immer Gönner gehabt, und die Alternative ist nicht notwendigerweise besser. Das, was man erschaffen hat, kommt immer noch (idealerweise) aus dem künstlerischen Innern und hat eine entsprechende einzigartige Note.

Nach Hurns Meinung ist diese Note, oder der unverwechselbare visuelle Stil, das Nebenprodukt visueller Erkundung, nicht aber ihr Ziel. Mit anderen Worten, man kann die Dinge nicht an den Haaren herbeiziehen. Man hat mich schon oft gefragt, was ein Foto “gut” macht.

Wenn ich auch immer noch der Meinung bin, daß die Antwort auf diese Frage vollkommen subjektiv ist, egal welcher berühmte Name unter dem Bild steht, sollte man sich doch fragen, warum man sofort weiß, daß es sich bei einem bestimmten Landschaftsfoto in einer Masse anderer um eines von Ansel Adams handelt? Warum ein Porträt von Annie Leibovitz oder Steve McCurry so ganz klar keinen anderen Erschaffer haben kann?

Für David Hurn sind die bestimmenden Elemente eines herausragenden Fotos eine intime Kenntnis des Gegenstandes/Themas, enthusiastische Begeisterung dafür, und die Schaffung eines Bildes ohne weitere Gedanken an technische Einzelheiten. Ich kann da nur zustimmen.

Dorothea Langes “Migrant Mother” etwa ist tatsächlich leicht verschwommen, aber trotzdem eine der bekanntesten und am meisten geschätzten Aufnahmen, die sie damals während ihres Einsatzes für die Resettlement Administration gemacht hat.

Warum? Weil sie ihrer inneren Stimme gehorchte und an einem Regentag gegen den eigenen Willen doch den Feldweg einem Wegweiser folgend zu noch einem Landarbeiter-Camp fuhr, und weil sie dadurch die Situation dieser vollkommen verzweifelten Frau und ihrer Kinder fotografisch in einer Weise festhielt, die uns noch nach Jahrzehnten die Liebe und das Mitgefühlt vermittelt, mit der dies geschah.

Ein Fotograf hat letzlich nur Kontrolle über zwei Dinge, was eine Aufnahme angeht: wo er steht, und, wann er auf den Auslöser drückt. Von diesem Blickwinkel aus gesehen, meint Hurn, sei Fotografie wirklich einfach. Es bedeutet aber auch, daß man einen Gegenstand immer aus mehreren Blickwinkeln aufnehmen sollte, und ich stimme mit David vollkommen überein, wenn er sagt, daß fortgeschrittene Fotografen dieses grundsätzlich tun, weil sie sicher sein wollen, daß sie das Bild auch wirklich getroffen haben. Aus diesem Grund machen Anfänger meist nur ein paar Fotos, und vom selben Standpunkt aus.

“On Being a Photographer” (Affiliate-Link).

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6 Kommentare

  1. anonym
    schrieb am 14. November 2010 um 21:03 Uhr (#)

    Warum man fotografiert? Ich denke, die Frage weiss jeder Fotograf zu beantorten, dafür braucht man (sorry) keine Bücher.

    [Edit: Um SEO-Spam abzusondern, muss man ja auch keine Blogposts lesen. Link entfernt.]

  2. Thomas D.
    schrieb am 15. November 2010 um 17:30 Uhr (#)

    Ganz schön hochnäsig.
    Wenn für Dich die Welt aber so in Ordnung ist, wie Du sie Dir gebastelt hast, ist das auch völlig OK. Mach weiter so! Es lebt sich auf diese Art eindeutig ruhiger.
    Gruß.

  3. Thomas D.
    schrieb am 15. November 2010 um 17:39 Uhr (#)

    Sofie Dittmann:
    Deine Betrachtung gefällt mir. Ich finde mich hier und da wieder. Im Letzten Abschnitt sagst Du: “…diesem Grund machen Anfänger meist nur ein paar Fotos, und vom selben Standpunkt aus…” Das trifft für wahr auch auf das Kopfkino zu.
    Ich wünschte mir für die Zukunft mehr von diesen Buchbesprechungen, incl. persönlicher Betrachtungen / Einschätzungen. Super.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Sofie Dittmann
      schrieb am 15. November 2010 um 20:16 Uhr (#)

      Vielen Dank. Das Buch hat damals auch bei mir einiges an Denkvorgängen ausgelöst – wie gesagt, da stand auf einmal schwarz auf weiß, was bisher nur so vage als Gedanke vorhanden war. Und das von einem renomierten Magnum-Mitglied.

      Das Buch wird daher auch gerne hier in den USA als Unterrichtsmittel an Hochschulen für Gestaltung und Fotografie benutzt.

  4. Lis
    schrieb am 2. November 2011 um 21:44 Uhr (#)

    Dein Artikel macht große Lust auf das Buch. Ich habe diesen Artikel kurz nach Erscheinen gelesen. Schon damals hat er mich sehr angesprochen. Die Wirkung ist geblieben. Das macht guten Journalismus aus. Vielen Dank dafür
    Lis

  5. Sofie Dittmann
    schrieb am 3. November 2011 um 13:07 Uhr (#)

    Vielen Dank! Es IST ein inspirierendes Buch.

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