gute aussichten:
Junge Fotografie 2010/2011

Wieder eröffnet uns “gute aussichten” einen aktuellen Blick auf die junge Fotografie in Deutschland: Die Gewinnerinnen und Gewinner des Jahrgangs 2010/2011 stehen fest.

Foto: André Hemstedt und Tine Reimer, Konstruktion von Bewegung, www.guteaussichten.org

Foto: André Hemstedt und Tine Reimer, Konstruktion von Bewegung, www.guteaussichten.org

Fast 100 Einsendungen von 38 Hochschulen und Akademien wurden diesmal eingereicht. Sieben Juroren wählten daraus sieben Arbeiten mit acht Gewinnern aus.

Die Gewinner sind:
Jan Paul Evers, HBK Braunschweig; Andre Hemstedt & Tine Reimer, HfK Bremen; Samuel Henne, HBK Braunschweig; Katrin Kamrau, FH Bielefeld; Rebecca Sampson, Ostkreuzschule Berlin; Helena Schätzle, Kunsthochschule Kassel; Stephan Tillmans, BTK Berlin.

Josefine Raab, die Gründerin von “gute aussichten”, sagt zur diesjährigen Auswahl:

“Beherrschte im zurückliegenden Wettbewerb der Paarlauf Malerei – Fotografie das Bild, treten in diesem Jahrgang verstärkt genuin fotografische Positionen in Erscheinung. Dennoch bleibt die Konstruktion von Bildern – sei es durch manipulative Prozesse in der Dunkelkammer, durch Inszenierung oder durch das Bauen von Bildmodellen – weiterhin ein vorherrschendes Thema.
Auch wenn sich immer wieder wellenförmig Strömungen bemerkbar machen, die zumindest andeutungsweise als “Trend” in einem modischen Sinne gewertet werden könnten, bietet die zeitgenössische Fotografie in Deutschland ein weites Feld, das sich schwerlich in Kategorien zwingen lässt.
Eben gerade dieses Phänomen könnte sich als stilbildendes Merkmal einer jungen Fotografengeneration herausschälen, die das Diktum bildprägender Schulen endgültig abgestreift hat. Eine Generation, die um Bildtraditionen weiss und diese auch umkreisend verfolgt, aber – im Vergleich zu manch europäischem Nachbarn – äusserst spielerisch, ungezwungen und experimentell damit umgeht.”

Foto: Jan Paul Evers, Modernismus fängt zu Hause an, www.guteaussichten.org

Foto: Jan Paul Evers, Modernismus fängt zu Hause an, www.guteaussichten.org

Die ausführliche Liste der Gewinner/innen mit der Beschreibung ihrer Arbeiten:

So bildet Jan Paul Evers mit seiner losen Folge von Schwarz-Weiss-Fotografien die widerspenstige Ouvertüre im Reigen der diesjährigen Preisträger. Alles, was sich unter dem eigentümlichen Titel Modernismus fängt zu Hause an versammelt, ist Handarbeit und ein allmählicher, komplexer Bildfindungsprozess. Häufig gewinnen die Bildideen durch Skizzen und Entwürfe auf dem Papier erste Gestalt. Visuelle Schnipsel unterschiedlicher Provenienz dienen anschließend als Grundlage des bildnerischen Entwurfs: Fotomaterial aus der eigenen Kamera, aus dem Handy, gefundene Bilder ebenso wie mittels Foto- oder Filmkamera reproduzierte Filmsequenzen. Die hauptsächliche Arbeit erfolgt jedoch im Reich der Dunkelkammer, in der Evers die gesamte Klaviatur klassischer Laborarbeit bespielt. Auf diese Weise kristallisieren sich originäre Bildmotive heraus, die sich jeglicher Wiederholung verweigern. Alle Motive sind Unikate. Die Kamera ist im besten Sinne ein Arbeitsinstrument, das die Grundlage für die endgültigen Bildfindungen schafft. Alles Weitere entsteht mittels handwerklicher Bearbeitung und Eingriffe, die aktuell nur noch marginale Anwendung finden in den Gebrauchsweisen von Fotografie.

André Hemstedt & Tine Reimer konzipieren in Konstruktion von Bewegung szenische Bilder über das Handeln und die Wahrnehmung des Menschen in einem Gleichgewichtssystem – so der wegweisende Untertitel ihrer gemeinschaftlichen Arbeit. Formal unternimmt das Duo eine der Literatur entlehnte Unterteilung in Prolog, Hauptteil und Epilog. Entlang dieser konzeptionellen Unterteilung laufen drei motivisch unterschiedliche Stränge: In einem räumlichen Spannungsgefüge arrangierte Figuren alternieren mit narrativen Bildern, in denen der Mensch den natürlichen Elementen gegenübersteht. Entwickeln sich die Szenen der ersten Motivfolge in einem strengen Bildaufbau, in dem die Akteure in diversen Gleichgewichtssituationen wie eingefroren wirken, deutet sich im zweiten Strang eine fliessende Weichheit als kompositorisches Gegengewicht an.
Den dritten Teil bildet die Serie eines schräg aufgestellten Holzes, dessen Abstand zur Wand sich von Bild zu Bild verkleinert bis es gänzlich in Schieflage gerät. Diese Sequenz lässt sich metaphorisch als Quintessenz der beiden anderen Folgen lesen: Jede Art von Eingriff zeitigt Konsequenzen, die sich auf die Gesamtheit auswirken und jedem System wohnt jener Punkt inne, an dem alles aus der Balance und die gesamte Struktur aus den Fugen gerät.

Foto: Samuel Henne, something specific about everything, www.guteaussichten.org

Foto: Samuel Henne, something specific about everything, www.guteaussichten.org

In Samuel Hennes Arbeit something specific about everything geht es im wahrsten Sinne des Wortes bunt zu: Wunderliche Nonsense-Objekte, verankert auf farbigem Grund, bevölkern die Bildtafeln. Aus diversen Utensilien wie Klammern, Hülsen, Schrauben, Plastikteilen, Papier, Filz und anderen Gebrauchsschnipseln konstruiert Henne filigrane Skulpturen en miniature, die, sobald sie einmal in die Welt gestellt, ein munteres Eigenleben gewinnen. Dabei führen sie unsere geradezu zwanghafte Neigung, alles sofort zu benennen und einzuordnen auf das Vergnüglichste hinters Licht. Widersetzen sich dauerhaft jeglichem Sinn und Zweck. Wir sehen zwar alles, erkennen aber erst einmal nichts Genaues. Die Fassung dieser Objekte in einem fotografischen Bild lässt uns endgültig ins Schwanken geraten zwischen Ansicht und Aufsicht, zwischen Raum und Fläche, zwischen physikalischer Präsenz und bildhafter Verlockung. Die Frage jedoch nach Funktion und Zweck der Bildgesellen bleibt beharrlich unbeantwortet. Bereits der Titel verweist jedoch auf jene Verbindung zwischen Kunst und Leben, die mit Marcel Duchamps Ready-mades in die Welt gekommen ist – Samuel Henne zitiert wie interpretiert dies auf eine überaus originelle Weise.

Katrin Kamrau durchwandert in ihrer Installation “Spektrum*” die Fotografie als einen Raum, der aus wechselnden Blickwinkeln wahrgenommen und durchmessen werden kann. Da ist zunächst der Fotograf selbst als der Hervor-Rufer jeglichen Bildgeschehens, der gleich mehrfach in den Fokus gerät. Er ist als Autor der Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Derjenige, der das Bild sieht, bevor er es durch seine Apparatur bannt. Was jedoch liegt vor diesem Sehen? Wo genau findet er statt, jener magische Moment, in dem sich ein Ausschnitt von Welt zu einer bildhaften Gestalt verdichtet? Und was macht für uns das Wesen dieser Gestalt so bemerkenswert ein-dringlich?
Folgen wir den ausgelegten Spuren, so gelangen wir nach dem Fotografen schliesslich zu einem weiteren Schlüsselbild: Dem Laboreingang. Hier gewinnen wir metaphorischen wie faktischen Eintritt in den physikalischen Raum der handwerklichen Welt des Mediums Fotografie. Hinter diesen Türen vollzieht sich die Wandlung aufgezeichneter Informationen zum sichtbaren Bild. Die an dieser Stelle zu treffenden Entscheidungen über wirkungsbestimmende Parameter wie Ausschnitt, Entwicklung, Papier, Be- und Verarbeitung markieren, nach dem originären Akt des Sehens, den zweiten bedeutsamen Punkt: Das Bild gewinnt seine finale Gestalt. Anhand der aufgezeigten Stationen gelingt es Kamrau, den geistigen wie den tatsächlichen Raum für den Betrachter zu öffnen und den Blick zu schärfen für den komplexen Entstehungsprozess hinter jedem Bild.

Foto: Rebecca Sampson, Aussehnsucht, www.guteaussichten.org

Foto: Rebecca Sampson, Aussehnsucht, www.guteaussichten.org

Rebecca Sampson bewegt sich mit ihrer Kamera in einem dornenreichen Randgebiet öffentlicher Wahrnehmung: Menschen mit Ess-Störungen werden in unserer Gesellschaft entweder ignoriert, marginalisiert oder plakativ illustriert. Sampsons fotografische Arbeit Aussehnsucht hingegen verfolgt unbeirrt das Ziel, hinter die Gesichter und Körper der Betroffenen zu blicken und dabei stets die Unverletzlichkeit der Person zu wahren. Behutsam, mit feinem Gespür gelingt es der Fotografin in ihren Bildern Seelenlandschaften aufscheinen zu lassen, in denen vielerlei Verletzungen sichtbar hausen. Sie überlässt es den Menschen, auf welche Weise sie bereit sind, sich fotografieren zu lassen und inwieweit sie fremde Einblicke gewähren. Und es ist dieser Moment, in dem die Fotografin sich voll und ganz auf ihr Gegenüber einlässt, der die Stärke und Authentizität ihrer Bildnisse generiert.
Es mag für Rebecca Sampson zusätzlich hilfreich gewesen sein, dass sie als ehemals selbst Betroffene um die Abgründe weiss, die hinter den Fassaden lauern. Dass sie zurückkehrt an einen Ort, den sie aus eigener Anschauung kennt. Aber letztendlich ist diese Kenntnis sekundär, denn es scheint in ihren Bildern eine Anteilnahme auf, die zu allererst im Menschsein gründet.

Helena Schätzle folgt auf ihrer Reise durch Osteuropa den lebensgeschichlichen Spuren ihres Großvaters. Die Zeit dazwischen – 2621 Kilometer Erinnerung ist der Versuch, die Erlebnisse einer gefahrvollen Flucht aus russischer Kriegsgefangenschaft im Jahr 1946 bildhaft werden zu lassen. Erinnerungen sind ein vielfach ineinander verschlungenes Geäst, in dem weit mehr Gefühl denn faktisch Fassbares haust. Umso größer ist die Herausforderung, sich auf den Weg eines anderen Menschen zu begeben und dessen Erinnerungen nachzuspüren, so nah und vertraut er auch sein mag.
Helena Schätzle gelingt es in eindringlichen Bildern etwas von jenen traumatischen Erfahrungen sichtbar zu machen, die Menschen vor mehr als 60 Jahren durchlebt und durchlitten haben. Indem sie Zeitzeugen entlang des einstigen Fluchtweges aufsucht, deren Bildnisse und Worte aufzeichnet und diese in Beziehung setzt zu Landschaften, in denen der Herzschlag der Zeit eingefroren zu sein scheint, rührt sie an subjektives Erinnern und kollektives Gedächtnis zugleich. Demgegenüber stehen die erst sehr viel später nach der Flucht aufgezeichneten Erlebnisse des Großvaters. So entwirft Schätzle ein kaum merkliches Gespinst sich kreuzender Lebensspuren, das sich zwischen der Vergangenheit und dem Jetzt unauslöschlich eingenistet hat.

Foto: Helena Schätzle, Die Zeit dazwischen – 2621 Kilometer Erinnerung, www.guteaussichten.org

Foto: Helena Schätzle, Die Zeit dazwischen – 2621 Kilometer Erinnerung, www.guteaussichten.org

Wem hier das Schwarze Quadrat (1915) des russischen Malers Kasimir Malewitsch einfällt, der liegt zwar falsch, erinnert sich aber richtig. Als Ikone der klassischen Moderne zielte das Quadrat auf eine völlige Vergeistigung als künstlerisches Ausdrucksmittel – ist also per definitionem abstrakt. In Stephan Tillmans Arbeit Leuchtpunktordnungen hingegen geht es nicht um ein geistiges Kondensat als Bildgegenstand, sondern um das Medium (Fotografie) als Objekt, und damit um die Selbstbezüglichkeit des Bildgegenstandes.

Tillmans Aufnahmen zeigen Fernsehbildschirme in jenem Augenblick, in dem das Gerät ausgeschaltet wird. Statt des Bildes erscheint dabei für Bruchteile von Sekunden eine Struktur aus Leuchtpunkten, die aus dem Lichtstrahl der Röhre erzeugt wird. Einzig der Zeitpunkt der Aufnahme entscheidet über den Bildgegenstand: je später die Kamera ausgelöst wird, desto weiter ist das Fernsehbild in sich zusammengebrochen. Anders ausgedrückt, hat sich die Ordnung der Leuchtpunkte verändert. Die Variationen ergeben sich einzig durch die Verschiebungen der Zeit (den Moment des Auslösens), nicht durch eine Veränderung von Perspektive oder Objekt. Eine sichtbare Referenz ist für den Betrachter nicht gegeben. Vernachlässigen wir den theoretischen Überbau und konzentrieren uns ausschließlich auf das, was wir sehen, so bestechen die Bildtafeln durch ihre starke Leuchtkraft und physische Präsenz. Die aus der tiefen Schwärze herausragenden fremdartigen Gebilde entwickeln eine kühle Faszination, die unseren Blick in jedem Fall gefangen nimmt.

Weitere Bilder und Informationen finden wir auf der Website von “gute Aussichten”.

Die Jury setzte sich wie folgt zusammen:
Josefine Raab (Wiesbaden), Gründerin von “gute aussichten”, die Kunsthistorikerin und Kulturjournalistin Wibke von Bonin (Köln), der künstlerische Leiter der Kunsthalle Düsseldorf Gregor Jansen (Düsseldorf), Mario Lombardo, Art Director und Visual Leader vom Bureau Lombardo (Berlin), der Bild- und Fotochef der Zeitschrift “brand eins” Stefan Ostermeier (Hamburg), der renommierte Fotograf und Künstler Thomas Ruff (Düsseldorf), der seine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf inzwischen beendet hat und Ingo Taubhorn, Kurator am Haus der Photographie, Deichtorhallen, Hamburg.

Erste Ausstellung: Die Auftakt-Ausstellung von “gute aussichten – junge deutsche fotografie 2010/2011″ wird am 20. Januar 2011, im Haus der Photographie, Deichtorhallen, Hamburg, um 19 Uhr eröffnet, sie dauert bis 27. Februar 2011. Weitere Termine für 2011 – teils erst in der Planung – finden sich auf der Website.

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