Schnappschuss-Porträt:
Format braucht Aussage

Die Entscheidung, einen Menschen in Schwarz-Weiss und im Querformat zu fotografieren, sollte mit Absicht und Konzept gefällt werden.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Michael Bohnen).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Michael Bohnen).

Kommentar des Fotografen:

Dieses Porträt meiner Mutter ist mit meiner Samsung WB500 Digitalkamera entstanden. Dies war mein erster Trip, den ich komplett in S/W geschossen habe, ich bin also noch relativ neu in diesem (Farben-) Gebiet. Mit Lightroom wurde die linke Gesichtshälfte noch nachträglich ein wenig aufgehellt, da die Sonne schon tief stand und die linke Bildhälfte abgedunkelt hatte. Ansonsten ist das Bild unbearbeitet. Normalerweise fotografiere ich mit einer Nikon DSLR, allerdings entdecke ich momentan die Vorteile von Kompaktkameras (Schnelligkeit, Vielseitigkeit, Mobilität).

Peter Sennhauser meint zum Bild von Michael Bohnen:

Eine Frau steht vor einem Kornfeld. Die Schwarz-Weiss-Aufnahme im extremen Querformat zeigt uns die Person, die leicht nach rechts aus dem Bild schaut. In das Querformat passt ein Brustbild mit leicht angeschnittenem Kopf.

Ich würde behaupten, Du warst auf einem Herbstspaziergang (siehe Kleidung) mit Deiner Mutter und hast ohne grosses Posing ein paar Fotos gemacht. Bei solchen Gelegenheiten können durchaus spannende Menschenfotos entstehen:

Das hier ist aber keines aus dieser Kategorie – es fehlt ihm die Lockerheit und die Aktion des aktiven Schnappschusses.

Auch als gestelltes Porträt ist es ein wenig steif, obschon es die grundlegende Aufgabe erfüllt. Aber ausser der Abbildung des Antlitzes erfahren wir nahezu gar nichts über Deine Mutter: Keine Emotion, keine Bewegung, kein Blickwechsel und kein Umfeld, zu dem Sie irgendwie in Bezug steht.

Das sind inhaltliche Unzulänglichkeiten des Bildes, welches aus einem vermeintlichen Porträt eine Dokumentation machen. Für die Suche nach einer vermissten Person ist das ausreichend. Wenn Du ein Porträt Deiner Mutter machen möchtest, solltest Du aber versuchen, im Bild auf emotionaler Ebene das Wesen der Person einzufangen.

Was dem Bild weiter schadet, ist das Format und das Umfeld: Querformat-Porträts machen Sinn, wenn die freie Fläche dem Objekt Raum gibt oder wenn sie sonst etwas zum Bild beiträgt – das ist hier nicht der Fall. Das Feld im Hintergrund hat nichts mit Deiner Mutter zu tun. Und wenn, dann ist es Dir nicht gelungen, den Bezug herzustellen. Das doch eher ungewöhnliche Querformat deutet auf einen nachträglichen Beschnitt hin, der dem Bild einen Hauch von Film-Standfotografie gibt, für den es aber wiederum zu wenig Inhalt hat.

Der Angeschnittene Kopf stört mich dabei nicht so sehr, zumal es Beispiele gibt, in denen bewusste Beschneidung von Köpfen und Gesichtern zum Charakter des Porträts beitragen.

Aber für Format, Hintergrund und auch die Entscheidung, das Bild in Schwarz-Weiss zu halten, gibt es in diesem Fall keinen ersichtlichen Grund. Der Hintergrund ist übrigens in diesem Bild – das mit dem Äquivalent einer 200er-Telelinse aufgenommen wurde – auch für die Blende 5.6 noch sehr scharf. Als Betrachter erwarte ich deswegen einen Bezug, ich durchsuche den Hintergrund nach Hinweisen, dass er irgendwas zusätzliches über Deine Mutter aussagt, sie in einen Kontext setzt.

Die grosse Tiefenschärfe ist ein Resultat der Kompaktkamera, deren Cropfaktor um ein Vielfaches grösser ist als der jeder DSLR. Wenn Du also die Eigenschaften der Kompakten für unterwegs zu schätzen beginnst, solltest Du Dir auch über die Nachteile klar werden – und dies ist einer davon.

Auch der Verzicht auf Farbe scheint mir hier nicht sinnvoll oder gewinnbringend, im Gegenteil. Dieses Porträt lebt ja nicht von seiner Emotionalität, der Umgebungs- oder der Lichtsituation, sondern allein von den offensichtlichen Tatsachen – wobei uns Informationen wie die Haar- und Augenfarbe Deiner Mutter durch den S/W-Entscheid verwehrt bleiben.

Das alles heisst nicht, dass es sich um eine schlechte Fotografie handelt. Technisch sauber, kann es fürs Familienalbum dienen – aber für ein aussen stehendes Publikum ist es nicht spannend genug und konzeptionell nicht überzeugend.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Ein Kommentar

  1. du schreibst du hast den kompletten trip in s/w geschossen. grundsätzlich würde ich dazu raten immer in farbe zu “schiessen”. dann hast du bei der umwandlung nämlich ziemlich grossen einfluss auf die hell / dunkel verteilung in verschieden (-farbigen) bildbereichen indem du die rot- grün- und blaukanäle anders gewichtest (massig tutorials zu s/w konvertierung im internet).

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