Bildanalyse:
Das Vier-Augen-Modell

Das besondere, das starke Foto – was macht es aus? Die formalen Voraussetzungen können wir gut erklären, das mit der Magie selten. Das Vier-Augen-Modell versucht eine ganzheitliche Bildanalyse.

Titelblatt Magie der Fotografie

Titelblatt Magie der Fotografie

“Die Magie der Fotografie oder das Geheimnis herausragender Bilder”: So heißt das Buch, in dem Martin Zurmühle sein Vier-Augen-Modell erklärt. Das Buch ist kürzlich mit dem Deutschen Fotobuchpreis Silber ausgezeichnet worden.

Martin Zurmühle betreibt in Luzern eine Fotoschule, unterrichtet ambitionierte Fotoamateure und sitzt einem fotografischen Verein vor. Aus diesen Erfahrungen entwickelte er diese Methode mit den “vier Augen”.

Im Vorwort zu seinem Buch schreibt Martin Zurmühle:

Wenn wir in guten Fotobüchern und Fotozeitschriften blättern, im Internet auf hochwertigen Fotoplattformen surfen, die Preisträger von Fotowettbewerben bewundern oder in Museen und Galerien Fotoausstellungen besuchen, so entdecken wir immer wieder herausragende Aufnahmen. Diese Bilder fesseln uns, sie haben eine ganz besondere Magie, eine innere Stärke. Wir spüren beim Betrachten diese Kraft, können aber nicht genau erklären, woher sie stammt. Auch der gute Fotograf stellt bald fest, dass es ausgesprochen schwierig ist, solche überwältigende, ergreifende, eindrückliche und starke Bilder zu machen.

Für die formalen Voraussetzungen – die technischen und die gestalterischen – gibt es viele Fachbücher. Der alte, heute immer noch gültige Klassiker von Andreas Feininger (Affiliate-Link) gehört dazu oder Harald Mantes “Das Foto”. (Affiliate-Link) Das Letztere allerdings ist, wie ich finde, ein ziemlich formales Lehrwerk zu Bildaufbau und Farbdesign.

Zum starken Bild gehören jedoch weitere, viel weniger scharf zu fassende Bedingungen.- Die “weichen” Fragen sind zum Beispiel: Welche Gefühle gibt uns das Bild? Was erzählen die Bilder uns über den Fotografen und seine Absichten – ist ein eigener Stil spürbar? Das Vier-Augen-Modell will die weichen und die harten Faktoren zusammenbringen. “Vier Augen” sehen sprichwörtlich besser als nur zwei.

Vier-Augen_Modell in der Übersicht

Vier-Augen_Modell in der Übersicht

Das Verstehen und die Analyse von Bildern sieht Martin Zurmühle als Kommunikationsprozess. In einem Gespräch gibt es eine Botschaft und der Partner nimmt die Botschaft entgegen. Vier Ebenen, vier Kanäle bestimmen die Kommunikation: Neben Daten und Fakten enthält die Botschaft selbstverständlich einiges Unterschwelliges: Der Sender teilt etwas über sich selbst mit; unbewusst lässt er auch etwas zur Beziehung zwischen ihm selbst und dem Empfänger mitschwingen. Und er gibt der Botschaft einen “Appell” an den Empfänger mit, etwas, das er gerne erreichen oder hervorrufen möchte.

Auf der Ebene der Daten und Fakten kommen Sender und Empfänger wohl meistens überein. Für die anderen drei Ebenen ist das nicht immer vorauszusetzen. Um gleich wieder zur Bildbetrachtung zu kommen: Die anderen drei unterschwelligen Ebenen kommt die Botschaft des Fotografen (meistens) anders an als vielleicht beabsichtigt.

Martin Zurmühle fast in seinem Modell alle Aspekte zu vier “Augen” zusammen, so nennt er das. Die formalen Bedingungen heißen bei ihm “Form-Auge”. Die erzählerischen Aspekte sind das “Erzähl-Auge”, und so geht es weiter: Der biografische Aspekt ist “Ich-Auge”, der emotionale das “Gefühls-Auge”.

Das Modell ist kein philosophischer Selbstzweck, sondern ein Arbeitsansatz. Und das ist auch das Angenehme an seinem Buch: An Beispielen berühmter Fotografen exerziert Martin Zurmühle das “Vier-Augen-Modell” durch. Und wir verstehen: dieses Bild lebt mehr von der Form, jenes mehr von der Erzählung und das andere hat seinen Schwerpunkt eindeutig auf der Vermittlung eines bestimmten Gefühls. Wir können die einzelnen Faktoren sortieren, die harten und die weichen. Das macht Martin Zurmühle mit Hilfe eines Analyse-Quadrates: an jeder Ecke ein “Auge”. Damit bekommen wir eine logische und ganzheitliche Ordnung in unsere Betrachtung. Und genau das will Martin Zurmühle erreichen.

Dorothea Langes Migrant Mother als Bildbeispiel im Vier-Augen-Modell

Dorothea Langes Migrant Mother als Bildbeispiel im Vier-Augen-Modell

Martin Zurmühle schrieb dieses Buch aus seinen Praxiserfahrungen, das erwähnte ich schon. Eine Erfahrung ist, dass Bildbesprechungen in einer Gruppe (in der Community oder im Fotoclub zum Beispiel) oft nicht zum Ziel führen oder ineffizient bleiben (das ist auch meine Erfahrung). Deshalb beschreibt er in seinem Buch zum Beispiel eine Methode für Bildbesprechungen in Gruppen. Prinzipiell läuft eine Analyse nach dem “Vier-Augen-Modell” so ab – wir zitieren aus dem Buch:

- Einleitung: Ein Teilnehmer (oder der Moderator) stellt ein Bild vor, ohne allerdings schon eine Beurteilung abzugeben…

- Form-Ebene: Zuerst wird die Bildkomposition besprochen und diskutiert, wie die formbildenden Elemente im Bild angeordnet sind und was sie bewirken…

- Erzähl-Ebene: Dann diskutieren die Teilnehmer, was das Bild dem Betrachter erzählt, was seine Kernaussage ist. Ist die Geschichte interessant und erzählt sie uns etwas Neues und Spannendes oder lässt sie uns kalt?

- Gefühls-Ebene: Anschliessend können die Teilnehmer ihre persönlichen Empfindungen und Gefühle mitteilen, die durch das Bild angesprochen werden. Spricht mich das Bild an, werden bei mir (die richtigen) Gefühle geweckt?

- Ich-Ebene: Zum Schluss diskutiert die Gruppe, was das Bild über den Fotografen aussagt und ob eine persönliche Handschrift gezeigt wird…

- Fazit: Zum Schluss … wird von einem Teilnehmer … ein kurzes Fazit mit den wesentlichen Erkenntnissen gezogen.

Die qualitative Bewertung eines Bildes nimmt sein Modell nicht vor, das betont Martin Zurmühle ausdrücklich. Aber mit strukturierter und zielgerichteter Analyse lasse sich viel erreichen, weil die Qualität der Bildkritik verbessert werde. Damit lassen sich einerseits unreflektierte Lobeshymnen vermeiden, andererseits die Grabenkämpfe, die vom gegenseitigen Nichtverstehen herkommen. Beides nützt dem Fotografen nichts, der sich mit Hilfe von konstruktiver Kritik verbessern möchte. Und darum geht es Martin Zurmühle.

Ausdrucksstarke Naturfotografie als Beispiel für das Gefühls-Auge. Foto: Lorenz Andreas Fischer

Ausdrucksstarke Naturfotografie als Beispiel für das Gefühls-Auge. Foto: Lorenz Andreas Fischer

Den Besprechungen der einzelnen “Augen” sind im Buch Workshops angehängt, mit denen die Leser die neu gewonnenen Erkenntnisse praktisch ausprobieren können. So gibt es Tipps für die Wirkung der “vier Augen” bei Architekturaufnahmen, für das Erzählen von Geschichten oder das “Gefühls-Auge” beim Porträt.

Am Ende des Buches stellt Martin Zurmühle fest:

Wenn Sie sich schon länger mit der Wirkung von Bildern beschäftigen, dann “spüren” Sie sofort die Magie, die in einzelnen Bildern steckt. Mit dem Vier-Augen-Modell können Sie nun diese Magie gezielt und analytisch begründen. Dadurch wird die Wechselwirkung der verschiedenen Einflussfaktoren erkennbar und es fällt uns auch leichter, die Wirkung von Bildern in Gruppen miteinander zu besprechen.

Und in die fotografische Praxis umzusetzen, fügen wir an.

Martin Zurmühle lädt dazu ein, seine Thesen kritisch zu hinterfragen und in der eigenen Praxis anzuwenden. Für Rückmeldungen zu eigenen Erfahrungen ist er dankbar und möchte in einer späteren Überarbeitung des Buches die Erfahrungen einfließen lassen. Erfahrungen bitte an seine E-Mail-Adresse info@4augen-modell.com. Wir fänden ja ein Blog mit einer offenen Diskussion passender.

Sein Buch hat Martin Zurmühle im Eigenverlag, dem Vier-Augen-Verlag, herausgebracht. Dort ist es direkt erhältlich. Es hat übrigens als erstes Schweizer Fotolehrbuch den Deutschen Fotobuchpreis gewonnen. Es ist im Buchhandel erhältlich oder online: Die Magie der Fotografie oder das Geheimnis herausragender Bilder (Affiliate-Link).

Martin Zurmühle: Die Magie der Fotografie oder das Geheimnis herausragender Bilder (Affiliate-Link) – Bildanalyse nach dem Vier-Augen-Modell
Vier-Augen-Verlag Luzern, ISBN: 978-3-9523647-0-3, Preis: 49,90 Euro.

Das Vier-Augen-Modell
Vier-Augen-Verlag
Deutscher Fotobuchpreis 2011

 

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18 Kommentare

  1. Nettes Modell.
    Vielleicht wäre es noch schön gewesen, die Quelle des Modells mit anzugeben:
    Friedemann Schulz von Thun, 1981: Mit einander reden Bd. 1

    • @Michael (R.): Das Vier-Ohren-Modell von Schulz von Thun wird im Buch ausführlich besprochen und als Quelle und Anregung für das Vier-Augen-Modell angegeben.

  2. @Uli: Dachte mir sowas schon, wollte nur an dieser Stelle den Verweis mit einbringen.

  3. Was die “Magie” des Fotos für mich ausmacht, ist durchaus mit dem “Vier-Augen-Modell” zu erklären, denn hier verbindet sich die Fotografie mit der Psychologie. So spricht z. B. Watzlawick bei seiner Kommunikationspsychologie von “Sender” und Empfänger”. Für mich sind die Augen der Frau auf dem Foto der Sender mit einer unerhörten Aussagekraft, die durch den schwarzen, hevorragend gelungen Hintergrund, noch verstärkt wird. Ich habe selten ein besseres “Kommunikationsfoto” gesehen.

  4. hm – sicher ein intressantes buch, wenn man bilder/fotos analysieren oder kritisieren will.
    ich glaube aber das es mich als hobbyfotograf nicht unbedingt weiterbringt. herausragende bilder schafft man nur durch glück und/oder viel zeit und geduld. klar sollte man sich mit regeln wie goldener schnitt, drittelung usw. wissen und auch anwenden können. man muss aber auch mal gegen diese regeln verstoßen und den mut haben sein eigenes ding zu machen.
    im richtigen moment verlasse ich mich dann auf mein bauchgefühl statt vor lauter regeln den richtigen moment zu verpassen – klappt aber auch nicht immer…
    gut licht

  5. @thomaspom
    Du hast absolut recht, dass Regeln wie der Goldene Schnitt keine herausragenden Bilder begründen können. Regeln sind einfache Werkzeuge und betreffen nur einen kleinen Bereich der Bildwirkung. Das beschreibe ich auch so in meinem Buch. Aber ich glaube, es braucht mehr als nur Glück, um spezielle Bilder zu machen (obwohl das Glück durchaus auch eine Rolle spielt) und eine Beschäftigung mit der Frage, wie Bilder mit uns kommunizieren kann sicher nichts schaden :-).

  6. Ich halte Martins didaktischen Ansatz im Sinne einer psychologischen Fotografie für außerordentlich wichtig. Ein solches Verständnis des fotografischen Schaffensprozesses kann m. E. völlig neue, künstlerische Horizonte öffnen und so den eigenen Fotos die Perspektive persönlicher Statements geben – sowohl in der Phase der Konzeption (Suche nach Motiv und Stimmung als Prozeß innerer Achtsamkeit, s. a. Boubat: “jeder schreitet auf das Bild zu, das er in sich trägt”) wie auch der Rezeption (zur Meidung der bekannten Teufelskreise oberflächlicher Durchsicht und billigen Lobgehudels). Martins Schwerpunkt der Aktfotografie weckt bei mir allerdings Respekt und Verwunderung zugleich; letzteres, weil wohl kaum ein Bereich der Fotografie mehr verseucht ist von jener “Sekundärmotivation”, welche den Blick des Betrachters von einer psychologischen Charakterisierung des Abgebildeten ablenkt …

    • @Thomas
      Ein wahres Wort :-). Die Aktfotografie ist wirklich ein anspruchsvolles Feld mit einigen “Tretminen”. Was mich daran besonders fasziniert ist der “Entwurfscharakter”. Als Architekt liegt mir die Aktfotografie viel näher als die Architekturfotografie, denn wenn ich Gebäude fotografiere, so ist das Bild bereits vorhanden und ich muss es nur noch suchen und finden. Die “Kunst” liegt dann eher beim Architekten des Gebäudes und weniger bei mir als Fotograf. In der Aktfotografie (so wie ich sie sehe) hingegen bin ich “gezwungen”, ein Bild zuerst in meiner Vorstellung zu “entwerfen” um es anschliessen zusammen mit dem Model zu realisieren. Dieser Prozess gleicht dem Entwerfen von Gebäuden und hat mich sehr fasziniert. Das war meine persönliche “Primärmotivation”, die mich seit meinem ersten Aktshooting vor 9 Jahren nicht mehr los gelassen hat.

  7. Jetzt muss ich mich, ohne das Buch gelesen zu haben, doch nochmal einschalten.
    Ich finde den grundsätzlichen Ansatz, Bildwirkung kommunikationstheoretisch zu analysieren, klug gewählt. Offensichtlich handelt es sich bei dem Prozess vom Foto zum Betrachter um Kommunikation und daher lässt sich das sicher auch mit den klassischen Kommunikationstheorien erschlagen.
    Einige inhaltliche Hinweise erlaube ich mir trotzdem:
    Das ursprüngliche Modell geht von einer vierseitigen Botschaft aus und operiert als Bild mit vier Mündern (Sender) und vier Ohren (Empfänger), das taucht ja analog, aber verkürzt im hier vorgestellten Modell wieder auf. Das Modell will erklären, wann Kommunikation gelingen oder misslingen kann und welche Prozesse dabei beteiligt sind. Kritik an Schulz von Thuns Modell richtet sich in der Regel an die starke Vereinfachung von Kommunikationsprozessen und die Ausblendung von kulturellen Voraussetzungen.
    Darüber hinaus ist der zugrundeliegende Kommunikationsprozess und der Parameter „gelingend“ oder „Störung“ axiomatisch. Die theoretische Reichweite des Ansatzes ist daher begrenzt.
    SvT hat seine Modelle später noch überarbeitet. Das grundsätzliche Problem der begrenzten Reichweite, dass sich aus dem zentralen Verständnis von Kommunikation als ein Aneinanderreihung von Botschaften zwischen verschiedenen Sendern und Empfängern ergibt, bleibt aber bestehen. Neuer Modelle orientieren sich bspw. an der Systemtheorie und verstehen K. als mehrstufigen Selektionsprozess, der unter Beobachtungsbedingungen sozialer Systeme abläuft und der Systemlogik unterliegt.
    Wir gehen als Fotografen stillschweigend davon aus, dass der Betrachter das Bild grundsätzlich ähnlich liest wie wir. Das ist aber ein hochvoraussetzungsvoller Prozess! Unsere Art, Bilder zu betrachten ist beeinflusst bspw. von der Leserichtung, in Westeuropa von Links oben nach rechts unten. Unsere Wahrnehmung von Menschen, Mimik, Gestik, Körperhaltung basiert auf Codes, die nur in sog. Christlich-abendländischen Gesellschaften vereinheitlicht gelten. Selbst das grundlegende Verständnis, was durch ein Bild zum Ausdruck gebracht werden kann, soll, darf ist kulturell geprägt und historisch gewachsen.
    Ohne solche Voraussetzungen zu benennen und sie im Modell zu reflektieren muss die Erklärungsreichweite solcher Modelle notwendig begrenzt bleiben.

    • @Michael
      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Ich bin mir schon bewusst, dass die menschliche Kommunikation noch wesentlich komplexre ist, als es das Modell von Schulz von Thun beschreiben kann. Aber die Fotografie ist eine eingeschränkte, einseitige Kommunikation vom Fotografen zum Betrachter und so auch einfacher als der menschliche Dialog. Zudem sollte ein in der Praxis einsetzbares Modell auch nicht zu kompliziert sein. Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun schrieb mir einen persönlichen Brief und meinte: “Auf den ersten Blick scheint mir, dass Ihre vier Aspekte für die Bildanalyse einen guten Sinn ergeben!”.
      Das kulturelle Faktoren bei der Bildbetrachtung eine grosse Rolle spielen, erörte ich auch in meinem Buch. Ich nehme dazu auch viele Bezüge aus der Kunst- und Kulturgeschichte, die ja unser heutige Betrachten von Bildern bestimmen. Wie wir Bilder sehen und interpretieren ist immer auch von solchen kulturellen und gesshichtlichen Faktoren abhängig. Trotzdem gibt es einen erstaunlichen, weltweit ähnlich gesehenen Wertmassstab für gute Bilder, der es uns ermöglich, überall auf der Welt mit Fotografen über die Qualität und die Wirkung von Bildern zu unterhalten. Und trotz grosser kultureller Unterschiede jurieren chinesische Fotografen an Fotowettbewerben nicht wesentlich anders wie Amerikaner oder Europäer. Es wäre interessant zu klären, wieso eine so grosse Einheit der Bewertung möglich ist(was zum Beipiel beim Trierenber Supercircuit mit 4 Juries zu je 3 Juroeren aus allen Ecken der Welt gut beobachtet werden kann). Leider kann ich dazu keine abschliessende Antwort geben. Aber es gibt offensichtlich mehr Gemeinsamkeiten bei der Bildbetrachtung als wie annehmen.

  8. “Ein Teilnehmer (oder der Moderator) stellt ein Bild vor, ohne allerdings schon eine Beurteilung abzugeben…” – Wie soll das gehen?

    • @Michael
      Jedes Bild hat auch eine “Aufnahmegeschichte”. So erklärt der Moderator zum Beispiel wer die Aufnahme gemacht hat. Wo und wann die Aufnahme entstanden ist. Er kann auch ergänzen, mit welchen Kameraeinstellungen und mit welchem Kamerasystem gearbeitet wurde. Und vielleicht gibt es noch ein paar weitere Hintergrundsinformationen, die er zum Bild geben kann. Alle diese Informationen sind ohne Bewertung und geben kein Urteil über das Bild ab.

  9. Ich gebe Michael hinsichtlich seiner kommunikativen Erläuterung (Sender und Empfänger) vollkommen recht. Dieses gilt insbesondere für seine Feststellung, dass ein Fotograf zumindest im Unterbewusstsein unterstellt, dass der Betrachter seines Fotos davon ausgeht, dass er das gleiche sieht bzw. empfindet wie er selbst. Das dürfte wahrscheinlich bei “Laien”-Fotografen die Regel sein.

    • “… das dürfte wahrscheinlich bei Laien-Fotografen die Regel sein …”

      Der berühmt-berüchtigte Diaabend unter Freunden :o) …

      “… dass ein Fotograf zumindest im Unterbewusstsein unterstellt, dass der Betrachter seines Fotos davon ausgeht, dass er das gleiche sieht bzw. empfindet wie er selbst …”

      Meine Blickwarte bzw. Provenienz ist zwar keine kommunikationstheoretische, dafür eine psychoanalytische. Und vor diesem Hintergrund läßt sich die These aufstellen, daß das Unterbewußte des Fotografen mit dem Unterbewußten des Betrachters mittels des Bildes in Verbindung treten und einen authentischen Kontakt herstellen möchte.

      Ob ein solcher – legitimer, wie ich meine – Wunsch zum Ziel führt, wird sich m. E. daran entscheiden, ob und inwieweit der Fotograf sich Rechenschaft über seine Eindrücke und Gefühle vor Ort geben kann, diese Aspekte im Bild gestalterisch zu übersetzen weiß und der Betrachter einen entsprechenden Wahrnehmungskanal öffnen kann.

  10. @Thomas
    Das ist spannend. Gibt es dazu auch eine allgemeinverständliche Literatur? Ich habe in meinem Buch die These vertreten, dass wenn der Fotograf authentisch fotografiert und selbst auch das fühlt, was er vermitteln möchte, dann die Chancen viel grösser sind, dass der Betrachter das auch versteht. Das geht in die gleiche Richtung wie deine These. Ich habe meine These allerdings nur aus Beobachtungen und Studium von Bildern abgeleitet.

    • @Martin

      Auch meine These ist deduktiv, also ausgehend von dem in psychoanalytischen Kreisen (wie Du siehst, habe auch ich neben der Fotografie einen Erstberuf, eben als Psychotherapeut) weitverbreiteten, eigentlich grundlagenartigen Wissen um die Bedeutung der unbewußten Kommunikation, gemixt mit einer Bedeutungszuweisung des Bildes in Richtung eines den persönlichen Kontakts ersetzenden bzw. überbrückenden Übergangsobjekts (wie der Teddybär am Bett des Kindes als Vertreter der Eltern). Insofern erfolgt meine Annäherung an das Thema zwar aus anderer Richtung wie bei Dir, ist aber ebenfalls praktische Anwendung vor dem Hintergrund eigener Theoriebildung.

      Zum anderen ist aber durch Deine Frage mein eigenes Interesse dahingehend geweckt, ob eine solche These schon einmal psychoanalytisch erforscht wurde. Ich werde mich einmal bei Kollegen umhören und Dir – wenn Du willst – zu gegebener Zeit davon berichten (Deine Mailadresse bekomme ich über Deine Homepage) …

  11. @Thomas
    Viele Dank :-).

  12. Lieber Martin,

    ich freue mich sehr über dein neues Buch und natürlich über deine Auszeichnung, kürzlich.
    Unsere Zusammenarbeit liegt ja schon ein paar Jährchen zurück, dennoch versuche ich doch immer im sprichwörtlichen Bilde zu sein :)

    Viele Grüße aus Dortmund

Ein Pingback

  1. [...] und Autor hat den deutschen Fotobuchpreis mit seinem Werk zur Bildanalyse gewonnen, das Uli hier besprochen [...]

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