Tageslicht-Porträt:
Das Bild des Vaters

Ein gutes Porträt muss nicht aufwändig sein und kann auch mit Tageslicht fotografiert werden, wenn es zur Stimmung und dem Charakter der porträtierten Person passt. So ist es in diesem Fall.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Gregor Goldtberger).

Kommentar des Fotografen:

Ich habe dieses Bild gewählt, da ich mir über das Einzelbild hinaus Anregungen zu meiner Art des Sehens erhoffe. Dieses Bild beinhaltet einige gestalterische Mittel, die ich häufig nutze: Quadrat, Tageslicht, nüchternes und kontrastarmes Farbspektrum, Stofflichkeit und Struktur von Haut und Oberflächen betonen, ruhige Ausstrahlung. Das Bild zeigt meinen Vater und ist das Abschlussbild einer kleinen Serie von Stillleben, die sonst klassisch Glasgefäße, Pflanzen und Obst zeigen. Daher habe ich das leicht barock anmutende, angeschnittene Gemälde im Hintergrund mit Absicht als Querverweis gesetzt.

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Gregor Goldtberger:

Ein Porträt der eigenen Eltern ist manchmal schwieriger anzufertigen, als wenn fremde Personen vor der Kamera posieren. Die Nähe und Intimität kann dazu führen, dass zwischen Porträtierten und Fotografen zuviel steht, was in einem Bild nicht gezeigt werden kann.

Im Falle des Porträts des Vaters von Gregor Goldtberger ist das glücklicherweise nicht das Fall:

Zu sehen ist ein in sich ruhender alter Mann, seine Hände geduldig und verschränkt, der Blick gefasst, nüchtern und aufmerksam in Richtung des Fensters. Durch die reduzierten Farben und die minimalen Requisiten erhält das Foto fast eine zeitlose Qualität. Das Hemd ist so klassisch, dass es sowohl vor hundert als auch noch in hundert Jahren passend wirken würde.

Das mehr als die Häfte angeschnittene Ölgemälde an der Wand finde ich etwas störend, auch wenn Du es absichtlich als Querverweis auf andere Bilder dieser Bildserie gesetzt hattest. Da alle anderen Bilder aber Stillleben sein sollen, wundert mich etwas, welcher rote Faden auf einmal ein Porträt mit Fotos von Gläsern, Pflanzen und Obst verbinden soll? Der Vanitas-Gedanke aus der Malerei, der auf die Vergänglichkeit alles Lebenden hinweisen will? Das wäre jedoch etwas makaber. Dazu würde jedoch auch die Uhr als typisches Vanitas-Symbol passen, die ich auch ansonsten als zuviel empfinden würde, als etwas, was den Blick vom gut eingefangenen Gesichtsausdruck ablenken kann.

Nachgeschärft

Technisch ist das Bild solide, könnte in drei Punkten jedoch leicht verbessert werden.

  • Zum einen hätte ich den Mann etwas entfernter von der Wand posiert, um die Raufasertapete stärker in Unschärfe verschwinden zu lassen. Aber auch hier meisnt Du, die Struktur sei Absicht, und da ich die anderen Serienaufnahmen nicht kenne, lasse ich das so stehen.
  • Das seitliche Tageslicht sorgt für eine feine, diffuse Belichtung, welche die Falten betont, aber nicht zu kontrastreich ist. Ganz links am Bildrand sind jedoch noch andere Schatten zu sehen, vermutlich von Zimmerpflanzen am Fenster oder ähnlichem, die der Fotograf vor der Aufnahme hätte entfernen können, um einen homogeneren Hintergrund zu bekommen.
  • Das Foto wirkt in dieser Größe nicht ganz scharf. Entweder könnte das Bild digital etwas nachgeschärft werden (siehe Beispiel) oder die Belichtungswerte hätten optimiert werden können. Statt ISO 100 bei Blende 5 und 1/15 Sekunde Belichtungszeit hätte die Belichtungszeit auf 1/30 Sekunde verkürzt werden können durch eine Erhöhung der ISO-Zahl auf 200 oder die Wahl der nächsten Blendenstufe.

Alles in allem aber ein solides, gelungenes Portrait.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Christian Gruber says:

    Du musst dich entscheiden, ob du ein Portrait oder ein Stillleben ablichten willst.
    Das Portrait funktioniert. Als Abschluss einer Stilllebenserie versagt das Bild in meinen Augen.
    Wenn dein Vater z.B. mit Objekten des Stillebens interagiert (z.B. angebissener Apfel, Vase beim befüllen, Pflanze beim abstauben) bekommt dein Stillleben leben bzw. einen Bezug zum Besitzer.
    Als Portrait gibt es tausende technische Varianten. Ich hätte persönlich die Hand und die rechte Gesichtshälfte etwas aufgehellt (silberner Reflektor) und vom Zuschnitt in Blickrichtung etwas mehr Raum gelassen sprich den klassischen goldenen Schnitt gewählt.

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