Aussenarchitektur:
Fluchtpunkt Himmel

Nur mit Diagonalen zum Fluchtpunkt ein Bild zu komponieren, kann eine spannende Radikalentscheidung sein.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Fabian Möbis).

Kommentar des Fotografen:

Das Bild ist beim Festival of Lights in Berlin entstanden. Es sollte den typischen Schriftzug vom Bahnhof in den Kontext der Festivalbeleutung bringen und dabei auch den historischen Bezug berücksichtigen. Aufgenommen wurde das Bild aus einer tiefen Position mit einer D300 und dem Tokina 12-24@16mm Blende 11 bei 8s Belichtungszeit. Aus dem Bild wurde in Lightroom in 3 Belichtungen entwickelt und in Photoshop weiterverarbeitet.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Fabian Möbis:

Wir blicken von unten an die Fassade des Bahnhofs am Potsdamer Platz. In der perspektivischen Verzerrung ragen um das zentrale Motiv herum die Wolkenkratzer in den schwarzen Himmel. Bunt beleuchtet, nehmen sie das blau des Bahnhofs auf; im Vordergrund hebt sich eine rostrote Marker-Säule der Berliner Mauer ab.

Linien und Farben sind die Mittel der Bildkomposition, und in der Regel gilt es, stürzende Linien durch Perspektivverzerrungen zu vemeiden und Vertikale oder Horizontale an der Bildkante auszurichten.

Du hast hier das Gegenteil getan und ein spannendes Kreuz aus Diagonalen und Vektoren zum Fluchtpunkt kreiert, das ausserdem aus einem Farbensammelsurium mit Schwerpunkt blau besteht.

Der Extremweitwinkel von 16mm tut seine Wirkung und zerrt die Basis der Gebäude auseinander. Dabei kommt das verhältnismässig niedrige Bahnhofsgebäude mit seinem von aussen sichtbaren, hell erleuchteten Innendacht voll zur Geltung, der Schriftzug des Bahnhofs bildet einen starken Blickfang und in der Verzerrung der Schrift einen ebenso leicht verwirrenden wie durch den Querverlauf starken Bruch zu den dominanten Vertikalen, die aus allen Rändern des Bilds in die obere Mitte, ins Nichts zeigen.

Eine weitere grafische Qualität der Aufnahme sind neben den starken Farben die diversen Textstellen, die Schriftzüge, von denen der Bahnhof der vordringlichste ist, aber auch das DB-Logo, die Henessy-Werbung, der als Glücksfall vertikal verlaufende Bezeichner des Mauer-Markers und schliesslich die gelbe Tafel an seinem Fuss mit nicht mehr lesbarem Text auf den zweiten Blick auffallen und durchs Bild geleiten.

Das ist umso spannender, als das Bild seine Geschichte und die Zusammenhänge nicht auf den ersten Blick preisgibt und dennoch allein durch die Wucht der Linien und Farben anzuziehen vermag.

So ergibt sich ein hervorragendes Zusammenspiel aus Grafischer Finesse und Inhalt, das die Betrachterin trotz der vielleicht als steril zu wertenden Menschenleere in seinen Bann zu ziehen vermag. Mir gefällt dabei insbesondere, dass das Bild nicht versucht, mehr zu sein – und es gerade dadurch ist.

Das Porträt einer Stadt aus Blicken von unten könnte der Arbeitstitel eines entsprechenden Nachtfoto-Projekts sein.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Antworten
  1. D. Kröger says:

    Hallo!
    Was für ein starkes Foto, Fabian Möbis!
    Zusammen mit der Bildkritik von Peter Sennhauser (der für mich immer nachvollziehbar, sachlich und lehrreich kommentiert) gab es für mich wieder ein morgentliches Bild-anguck-und-staun-Erlebnis!
    Gruß: D.K.

    Antworten

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