Abisag Tüllmann:
Fotografierte Zeitgeschichte

Das Lebenswerk von Abisag Tüllmann gilt es zu entdecken. Es ist eine Zeitgeschichte in Fotografien – erzählt seit den späten Fünfzigerjahren.

Abisag Tüllmann, Im Terrassencafé, Frankfurt / M., 1968

Die Arbeit der Frankfurter Fotografin vereint Bildreportagen und Theaterfotografie. Ihre Bilder aus vierzig Jahren freier bildjournalistischer und künstlerischer Fotografie sind nun erstmals im Historischen Museum Frankfurt ausgestellt.

Es lohnt sich immer wieder, seinen Blick auf das Lebenswerk eines Fotografen zu richten. Wir können die persönlichen Entwicklungen entdecken. Trotz aller technischen Entwicklungen und der Veränderungen in der Weltanschauung: Wir finden immer wieder aufs Neue, dass das Grundlegende in der Bildgestaltung zeitlos bleibt.

Abisag Tüllmann, Fronleichnamsprozession über den Eisernen Steg, Frankfurt am Main, 1964

1957 zog Abisag Tüllmann (Jahrgang 1935) in ihre Wahlheimat Frankfurt am Main und bewegte sich bald in der jungen Kunst- und Kulturszene. Zu ihren Freunden gehörten Schriftsteller, Künstler und Grafiker. Sie fotografierte die Documenta in Kassel ebenso wie die Biennale in Venedig oder das bunte Treiben der Pop-Kultur in London. Zahlreiche ihrer Porträts zeigen uns die Akteure neuer und experimenteller Kunstrichtungen: Joseph Beuys und Nam June Paik ebenso wie die Avantgarde der bundesdeutschen Literatur wie Hans Magnus Enzensberger oder Marie Luise Kaschnitz. Ausdrucksstarke Fotografien der Musikwelt, wie Aufnahmen der „Internationalen Ferienkurse für Neue Musik“ in Darmstadt oder von Protagonisten der Jazz- und Rockszene wie Albert Mangelsdorff, John Coltrane und Frank Zappa belegen Tüllmanns Antelnahme an den künstlerischen Strömungen ihrer Zeit.

Abisag Tüllmann, Nam June Paik auf der documenta 6, Kassel, 1977

Mit ihrem frühen Debüt, dem Fotobuch „Großstadt“ (vergriffen), entwarf Tüllmann 1963 ein dichtes Porträt ihrer Wahlheimat, teilt das Historische Museum Frankfurt mit. Der Stadt standen mit den darauf folgenden Protestbewegungen aufgewühlte Jahre bevor. Ihre Fotografien von den Akteuren der 68er-Bewegung wie Daniel Cohn-Bendit, Rudi Dutschke und Joschka Fischer, den Philosophen der Frankfurter Schule, der Frauen- und Schwulenbewegung und neuen Formen der Erziehung wie freie Schule und Kinderkollektive auf der einen und den Trägern der politischen und wirtschaftlichen Macht auf der anderen Seite, machen sie zu einer Dokumentarin der Zeitgeschichte.

Abisag Tüllmann, Joschka Fischer in der Frankfurter Universität 1973

Unverwechselbar ist auch der Blick der Fotografin auf die Bedingungen menschlichen Zusammenlebens. Tüllmann vermittelt Einblicke in den Alltag unterschiedlichster sozialer Gruppen wie Immigranten, Hausbesetzer, Bankiers, Hausfrauen und Obdachlose. Sie untersucht die vielfältigen Formen der Ausgrenzung und der Unbehaustheit. Die Verletzbarkeit der menschlichen Existenz steht dabei im Zentrum ihrer Arbeit.

Abisag Tüllmann, Bus, Algerien, 1970

Abisag Tüllmann legte ihr Augenmerk auch auf das internationale Zeitgeschehen. Im Dezember 1969 porträtierte die Fotografin auf der „Al Fatah-Konferenz“ in Algier den Palästinenserführer Jassir Arafat und kam in Kontakt mit den afrikanischen Befreiungsbewegungen. In den Siebzigerjahren verfolgte sie intensiv die postkolonialen Konflikte und die damit einhergehenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in Algerien, Rhodesien/Zimbabwe, Sambia, Namibia und Südafrika. In den Achtzigerjahren reiste sie regelmäßig für große Bildreportagen nach Israel, in die besetzten Palästinensergebiete und in den Libanon.

Abisag Tüllmann, Christine Schäfer und David Kuebler in Lulu von Alban Berg im Kleinen Festspielhaus, Salzburg, 1995

Abisag Tüllmanns Rolle in der Theaterfotografie ist nicht hoch genug einzuschätzen, schreibt das Historische Museum. Fast 30 Jahre lang währte ihre künstlerische Zusammenarbeit mit Claus Peymann, dessen Inszenierungen sie vor allem in Stuttgart, Bochum und Wien fotografisch begleitete. Darüber hinaus arbeitete sie für zahlreiche weitere Regisseure und Regisseurinnen, darunter Ruth Berghaus, Luc Bondy, Andrea Breth, Einar Schleef, Peter Stein, George Tabori und Robert Wilson.

Zur Ausstellung ist ein ein Begleitbuch erschienen: Abisag Tüllmann 1936 – 1996. Bildreportagen und Theaterfotografie (Affiliate-Link)A, als Band 30 der Schriften des Historischen Museums Frankfurt, herausgegeben von Jan Gerchow, im Hatje-Cantz-Verlag.

Abisag Tüllmann 1936 – 1996. Bildreportagen und Theaterfotografie
Bis 27. März
Historisches Museum Frankfurt/Main, Saalgasse 19, D-60311 Frankfurt/M.
+49 (0)69 / 212 35599, historisches-museum@stadt-frankfurt.de
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr, Mittwoch 10 – 21 Uhr, Montag geschlossen.

Abisag Tüllmann bei Wikipedia
Historisches Museum Frankfurt/Main

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