Kunstwerk-Fotografie:
Problematische Interpretation

Kann eine Fotografie eines Kunstwerks selbst Kunst sein? Und welche Kriterien gilt es zu erfüllen?

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© André Hofmann).

Kommentar des Fotografen:

Das Bild entstand vor längerer Zeit in einem stillgelegten IFA-Werk in Meerane. Nicht lange vorher fand dort eine IBUG-Veranstaltung statt (Industrie-Brachen-Umgestaltung), bei welcher dieses Kunstwerk entstand. Mich hat vor allem die Aussagekraft dieses Werkes beeindruckt, und so wollte ich dem Künstler auf meine Weise Respekt zollen.

Profi Martin Zurmuehle meint zum Bild von André Hofmann:

Damit eine Fotografie einen Urheberrechtsanspruch erheben kann, muss sie eine genügende Schöpfungshöhe (in der Schweiz, siehe Kommentare im verlinkten Artikel – in Deutschland trifft das nicht zu) aufweisen. Beim Kunstwerk selbst (wie bei diesem Motiv oder einem Gemälde) ist das kein Problem. Bei einer fotografischen Reproduktion eines flachen Gemäldes besteht keine Schöpfungshöhe und der Fotograf kann deshalb auch kein Urheberrecht geltend machen. Bei Aufnahmen von dreidimensionalen Kunstwerken ist das aber möglich.

Abgesehen von diesen juristischen Fragen stellt sich für mich die Kernfrage, welchen Stellenwert eine Fotografie von einem Kunstwerk hat:

Was muss ich als Fotograf tun, damit nicht nur das Motiv, sondern auch mein Bild davon eine besondere eigenständige Wirkung entfalten kann?

Bei Aufnahmen von Gebäuden (die oft auch als Kunstwerke gelten) ist das noch relativ einfach. Durch die geschickte Wahl des Kamerastandortes und des Ausschnittes, in Kombination mit einem passenden Licht, kann ich eine besondere Wirkung erzielen und meine persönliche Sichtweise des Gebäudes zeigen. Dann erhält mein Bild einen eigenständigen Charakter.

Die Frage, die ich mir bei diesem Bild eines Kunstwerks stelle ist, ob es dir auch gelungen ist, eine persönliche Sichtweise zum abgebildeten Kunstwerk zu zeigen. Deine Gestaltungsmöglichkeiten sind allerdings sehr beschränkt. Du hast einen geschickten Aufnahmestandort gewählt (mit der Raumecke in der Bildmitte), der eine optische Illusion eines „Angriffs“ aus der Luft erzeugt. Wahrscheinlich ist dies auch der Ort, von wo der Künstler sein Werk betrachtet sehen wollte.

Allerdings erkenne ich sonst im Bild keine besondere technische oder gestalterische Qualität, das es von der Wiedergaben des Kunstwerks abhebt. Eine solche besondere Qualität könnte zum Beispiel eine spezielle dramatische Lichtführung sein oder ein besonderer Blickwinkel. Zum Beispiel gelingt es einigen Museumsfotografen, antike Statuen in einem besonders wirkungsvollen Licht aufzunehmen. Dadurch erhält dann auch die Fotografie neben dem Kunstwerk einen eigenständigen Charakter.

Dieser Teil fehlt mir bei deiner Aufnahme. Sie ist so in erster Linie, wie du es auch selbst schreibst, eine Wertschätzung an den Künstler des Motivs. Wegen dieser Einschränkung finde ich es ausgesprochen schwierig, Kunstwerke aufzunehmen. Vielleicht habe ich mich deshalb, trotz meines Berufes als Architekt, auf die Aktfotografie spezialisiert, weil ich nicht die Kunstwerke von anderen fotografieren wollte.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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