Segelregatta:
Unsichtbare Spannung

Fotografien mit Rück- oder Detailansichten von Aktionen können durchaus spannend sein. Sie müssen aber einen klaren Kontext vermitteln.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Ralf Jäger).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Ralf Jäger).

Kommentar des Fotografen:

Das Bild entstand bei einer Segelregatta auf dem Main bei Offenbach, bei der ich die Gelegenheit hatte, auf einem Ordnerboot mitzufahren. Ich finde, dieses Bild bringt gut die Anspannung und die hohe Konzentration zum Ausdruck, die selbst bei Amateurregatten vorhanden sind. Bei der Kategorie hätte ich vielleicht auch Bildjournalismus nehmen können, aber da war ich mir nicht sicher.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Ralf Jäger:

In diesem Farbbild sind zwei Menschen in einem Gewirr von Kabeln, Leinen und technischen Einrichtungen zu sehen. Wir blicken fast genau von hinten auf den Rücken eines Mannes und wahrscheinlich einer Frau, die – dem Baum nach zu schliessen – auf einem Segelboot unter dem Hauptsegel hindurch die Genua beobachten.

Detailansichten von Menschen und Aktionen sind eine gute Methode, an viel fotografierten Anlässen von den Klischees wegzukommen und eine eigene Ansicht zu kreieren. Das hast Du mit dieser Fotografie versucht – aber sie “funktioniert” leider überhaupt nicht:

Zunächst ist im gewählten Ausschnitt für einen Laien fast gar nicht zu erkennen, worum es sich hier handelt. Wer nicht ein wenig Ahnung von Segelbooten hat, dürfte erst auf den zweiten oder dritten Blick verstehen, was er vor sich hat.

Aber selbst dann ist nicht völlig klar, was die beiden Menschen hier tun: Sie lehnen sich in entgegengesetzte Richtungen zur Seite und scheinen nach vorne zu blicken – aber ob sie auf dem Boot im Trockendock oder mit vollen Segeln auf dem Ozean unterwegs sind, erschliesst sich uns nicht. Im Gegenteil: Die Hecke und ein Gebäude im Hintergrund erschweren es zusätzlich, die Szene mit Wasser in Verbindung zu bringen.

Du wolltest Anspannung und Konzentration transportieren – was eine spannende Aufgabe in der Sportfotografie sein kann. Bis zum letzten angespannte Körper oder Körperteile, der fokussierte Blick eines Sportlers oder auch die in Bewegungsunschärfe verwischte Leistung eines Athleten lassen in einem statischen Bild die Dynamik eines Sports auf originelle Art vermitteln.

Beim Segeln allerdings spielt sich – abgesehen von kurzen Momenten mit höchstem Körpereinsatz beim Wenden beispielsweise – das meiste in den Gesichtern der Protagonisten ab. Den beiden Personen im Bild hier ist von hinten weder der Gesichtsausdruck noch eine grosse körperliche Anspannung wirklich anzusehen.

Etwas anderes wäre es, wenn wir das Objekt ihrer Beobachtung im Bild sehen würden. In Spielfilmen werden etwa Verfolgungsjagden oft von hinten gezeigt, damit der Zuschauer einen Eindruck vom Abstand der beiden Darsteller erhält (mit Crosscuts nach vorne, um die Gesichter von Gejagtem und Jäger zu sehen etc).

Damit das Sinn ergibt, muss aber der Bezugspunkt der Jagd sichtbar sein. In einem statischen Bild gilt das noch viel mehr als im Film. Hier hätte das bei einem sehr viel weiter gefassten Ausschnitt das vor den beiden liegende Boot sein können.

Wenn Du in dieser Aufnahme etwas ausgezoomt, mehr Umgebung und den Kontext der Tätigkeit der beiden Segler ins Bild gerückt hättest, hätte es klappen können. Hier allerdings wird die Reduktion für einmal zum Verständnisproblem. Das Gesicht des Skippers in Grossaufnahme könnte deine Botschaft eben so transportieren wie eine weit gefasste Rennszene mit Wasser und anderen Booten – aber die gewählte Ansicht liegt irgendwo dazwischen und scheitert daran.

Noch ein Wort zum Fotografieren auf Booten und anderen bewegten, vibrierenden Objekten: Dort steigt das Risiko der Verwackelung massiv, noch dazu, wenn das Motiv ein weiteres, unabhängig vom eigenen Standort bewegtes Objekt ist. Deswegen ist in Deinem Bild auch eine deutliche Unschärfe zu erkennen.

Lange Brennweiten verstärken das Problem. Wenn also die Faustregel “Brennweite in Millimetern als Bruchteil einer Sekunde” für die Belichtung ohne Verwackelung an Land gilt, muss man sie auf einem Boot mindestens halbieren. Nachdem Du hier mit Blende 9.5 und ISO 200 bei 230mm operiert hast, hättest Du ausreichend Spielraum gehabt, um die Belichtungszeit auf einen Drittel oder noch weniger zu reduzieren.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. Als stolzer Segel A – Schein besitzer habe selbst ich probleme, diesen direkten Einblick auf die Teilnehmer einer Regatta zu deuten. Ich vermute mal die Situation spielt zwischen Kommando “Klar zur Wende” und “Ree”. Das spielt sich bei Regattas üblicherweise im speziellen vor Bojen (Eckpunkten der vorgeschriebenen Kurse) oder ausgelöst durch andere Schiffe und die Vorrangsregeln sprich Seefahrtsregeln – ab. Oder das allgemeine Segelproblem wenn der Wind aus der Richtung kommt wo man hin will – aufkreuzen.
    Nachdem ich das weis, bleibt mir das Bild die Antwort – welches Ziel diese Bootsbesatzung verfolgt – schuldig.
    Was bietet das Bild noch? Es dominiert der Motor am Heck, teilweise schlampig organisiertes Tauwerk, ein unscharfer Hintergrund mit Bäumen und einem Hochhaus. Genua und Großsegel sind von hinten auf beiden Seiten sichtbar, tragen aber überhaupt keine Information, nicht mal ein Wollfaden. Wenn nicht jemand die zwei an ihren Pullovern erkennt, kann man nicht mal das Schiff erraten, da der Name fehlt.
    Zusammengefasst: kein Regattabild, kein Main bei Offenbach, keine Anspannung oder hohe Konzentration, keine Erkennungswert also auch kein Bildjournalismus.
    Wenn der Kapitän gerade sagenwürde “Oma zieh den Hintern ein, ich finde den Steg vom Wirtshaus sonst nicht” würde es mich auch nicht wundern.
    Eine mitfahrmöglchkeit auf einem Boot des Organisators ist sicher interessant – die Kontrolleure bei der arbeit zu fotografieren oder wie andere mitfiebern. An einem Flußlauf finden sich aber sicher bessere Standorte für Fotos am Ufer, um die Teilnehmer in Aktion zu zeigen.

  2. Hallo,

    als ich die Kritik zu meinem Bild gelesen habe, habe ich erst einmal geschluckt und war empört – ich fand (und finde) es gut. Aber nach den Hinweisen habe ich versucht, es als unvoreingenommer Beobachter zu sehen, und dann sieht die Sache anders aus. Mit den Zusatzinformationen in meinem Kopf (und bei anderen Mitgliedern des Vereins) zur Situation und den Beteiligten hat es seinen Charme, ohne diese Kenntnisse wirkt es wirklich nur verwirrend.

    Mein Resümee? Ich bedanke mich für den Kommentar und hoffe, das ich ein bißchen mehr gelernt habe, Bilder aus einer allgemeineren, “objektiveren” Perspektive aus zu sehen.

    Mal sehen, was ich bei meinem nächsten hochgeladenen Bild lernen kann (wenn es denn ausgewählt wird).

    • Hallo Ralf

      Vielen Dank für die Rückmeldung. Ich kann deine Reaktion gut verstehen: Diese Kritik bezieht sich auf das Bild als alleinstehendes Kunstobjekt, nicht als Teil einer Fotoreportage für den Segelclub, persönliche Erinnerungen etc.

      Diese Unterscheidung fällt vielen Fotografinnen und Fotografen nicht leicht, und sie können deswegen eine ehrliche Kritik schlecht annehmen.

      Das heisst aber auch: Das Bild funktioniert nicht in seiner ihm von mir verliehenen Aufgabe – es kann aber in einer anderen, wie eben der Reportage für den Club, durchaus passend und wirkungsvoll sein.

      Unscharf allerdings bleibt es ;-)

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