Blickkontakt:
Fotografisches Interview

Der direkte Blickkontakt ist das unmittelbare Transportmittel für Emotionen. In fotografischen Reportagen und Dokumentation muss er deshalb sehr bewusst eingesetzt werden.


Kommentar des Fotografen:

Das Bild des teppichknüpfenden Jungen aus Ecuador in seinem engen Arbeitsraum habe ich beim Scannen meiner Diasammlung wiederentdeckt. Die Szene hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Kann das Bild aber auch auf neutrale Betrachter eine Wirkung entfalten? Aufgenommen mit einer Leica CL Kleinbildkamera auf Kodachrome-Diafilm. Belichtungsdaten nicht mehr rekonstruierbar.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Roland Beck:

Ein Junge sitzt in einem Raum an einem hölzernen Webstuhl, dessen Wände mit Kalk geweisst scheinen. Durch das glaslose Fenster im Bildzentrum hinter dem Jungen, der nach links direkt in die Kamera blickt, fällt gleissendes Licht.

Diese Farbfotografie ist jedenfalls ein einprägsames Bild, das kaum ein Betrachter ohne nähere Untersuchung übergehen wird. Einerseits sind der Raum und die Tätigkeit des Jungen von indigener Abstammung mit Filzhut am Arbeitsplatz ausreichend exotisch, um unser Interesse zu wecken. Das dominante Element aber ist der direkte Blick des Jungen:

Er spricht zu uns. Er blickt mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera, als ob er erschrocken wäre.

Der Blickkontakt mit der Kamera und damit dem Publikum ist ein starkes Mittel, das indes genau deswegen sparsam angewandt wird. Ein solches Bild hebt die Emotionalität des abgebildeten Menschen über alle anderen narrativen Elemente hinaus – im Zentrum der Aufnahme stehen nicht mehr die abgebildeten Umstände, die – vermeintlich – “objektive Situation”, sondern die Befindlichkeit der Person mitten drin.

Die unmittelbare Emotionalität entspricht der direkten Adressierung des Publikums. Bildjournalisten setzen sie gern ein, um aufgewühlte Menschen sozusagen zu den Betrachtern reden zu lassen: Wütende Demonstranten, welche die Weltöffentlichtkeit zur Unterstützung ihrer Sache aufrufen; begeisterte Sportler nach einem Erfolg, welche sich an ihre Fans wenden; Menschen in Not, die um Hilfe bitten. Ihrer Wirkung kann sich kaum jemand entziehen, denn Fotografie soll Emotionen evozieren, und es gibt kein direkteres Transportmittel für Gefühle als den Blickkontakt.

Das macht solche Aufnahmen aber auch sehr manipulativ. Die Stimmung, welche dieses Bild transportiert, ist alles andere als behaglich. Der Kontrast zwischen Hell und Dunkel, Kindheit und Arbeit wird dabei aber durch den Blick des Jungen mit einer Aussage versehen, die nicht unbedingt der Realität – oder Deiner Absicht als “Autor” der Geschichte – entsprechen muss: Das Bild kann man sich gut als Aufmacher auf dem Prospekt einer Kinderhilfsorganisation vorstellen. Es ist der Apell eines Kindes an die Welt, es von seiner Arbeit zu befreien und Kind sein zu lassen.

Wenn diese Aussage aber nicht der Realität und der Gesamtnarration der Reportage entspricht, weil der Junge ganz einfach über die Kamera erschrocken ist – vielleicht war er vorher in seine Arbeit vertieft und hat nach dieser Aufnahme stolz und fröhlich seine Fingerfertigkeit demonstriert – ist das Bild heikel, vielleicht sogar irreführend (und damit will ich Dir keinesfalls etwas unterstellen, sondern auf eine Gefahr hinweisen).

Stellen wir uns den Jungen mit zum Pfeifen gespitzten Lippen und auf seine Arbeit vertieft vor, so ändert sich nicht nur die Aussage, sondern die ganze Wahrnehmung der Aufnahme radikal: Der Webstuhl, der Raum, die Situation – obwohl in dieser Komposition eher nebensächlich – rücken ins Bewusstsein und wollen ergründet werden; der Junge ist Akteur, aber nicht Subjekt des Bildes.

Wo liegt der Unterschied?

Eine Dokumentation ist wie eine Reportage; sie beobachtet und beschreibt Umstände und Abläufe und ist dabei selten emotional involviert oder versucht, es nicht zu sein. Ein Bild mit direktem Blickkontakt dagegen ist ein Interview: Ein Dialog des Urhebers mit einem Subjekt, dessen Gefühle und Ansichten im Zentrum stehen, während Fakten nur als Transportmittel für Argumente und damit Meinung und damit Emotion dienen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Roland Beck
    schrieb am 18. Februar 2011 um 09:58 Uhr (#)

    Danke für die Bildkommentierung. Die Bildaussage entspricht tatsächlich mehr meiner eigenen subjektiven Wahrnehmung und Ausdrucksabsicht als der Emotion des Jungen – er war nämlich durchaus interessiert und stolz, mir seine Arbeit zu zeigen! Ist darin bereits eine problematische Instrumentalisierung erkennbar, oder ist diese Interpretations- und Gestaltungsfreiheit nicht untrennbar mit dem Akt des Fotografierens verbunden?
    P.S. Kompliment an Eure Arbeit: Die Bildkritiken und Anregungen sind wirklich super: kompetent, lehrreich und konstruktiv!

  2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 21. Februar 2011 um 09:18 Uhr (#)

    Lieber Roland

    Ist darin bereits eine problematische Instrumentalisierung erkennbar?

    Nein, ganz sicher nicht – solange das Bild nicht auf besagtem Prospekt gegen Kinderausbeutung auftaucht. Dann wäre es zumindest fragwürdig, jedenfalls, wenn Du den Jungen als zufriedenen und stolzen Teppichknüpfer erlebt hast.

    Ausserdem gehört zum Akt des (Doku-) Fotografierens meiner Ansicht nach eben auch das Wissen um diese Vorgänge. Viele Bildjournalisten, die ich kenne, fangen mit der eigentlichen Arbeit deswegen nach eigener Aussage erst an, wenn die Menschen um sie herum glauben, sie sei abgeschlossen.

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