Das Stativ in der Landschaftsfotografie (I):
Der wichtigste Ausrüstungsteil

Kein Teil des Equipments eines Landschaftsfotografen hat grösseren Einfluss auf die Bildqualität als der unbequemste: Das Stativ.

Gary Hart ist Landschaftsfotograf und Workshop-Instruktor in Kalifornien

Du spazierst gegen Sonnenuntergang den Ufern des Merced im Yosemite Nationalpark (lies: Jo semitti) entlang, als sich plötzlich ohne Warnung der mächtige El Capitan aus einer Wolkenwalze befreit; zu deinen Füssen mischt sich eine kristallklare Spiegelung der Szene mit den Granitblöcken im Wasser. Die Kamera ans Auge hebend, findest Du schnell heraus, dass eine Komposition bei 30mm Querformat am besten funktioniert.

Aber um den Capitan und den Vordergrund scharf zu halten, brauchst Du Blende 16:

Im ausklingenden Tageslicht und bei ISO 100 schlägt die Messung eine halbe Sekunde Belichtungszeit vor. Das ist auch mit Bildstabilisator nicht zu machen.

Leider ist dein Stativ:

  • auf Deinem Rücken an den Fotorucksack geschnallt (eine Missetat)
  • drei Kilometer weiter unten auf dem Parkplatz im Auto (ein Vergehen)
  • Zu Hause im Schrank hinter dem Anzug, den Du seit der Hochzeit nicht mehr getragen hast (ein Kapitalverbrechen)

Also schraubst Du die Empfindlichkeit auf 400 ISO, wählst Blende 11 und drehst die Belichtungszeit auf 1/16s. Dein Finger senkt sich auf dem Auslöser, als hinter dir eine schnarrende Stimme sagt: “Stativ-Polizei! Nehmen Sie die Kamera runter und die Hände hoch!”

Glücklicherweise ist die Stativ-Polizei eine freundliche ORganisation. Ihre Zielsetzung ist nicht die Bestrafung, sondern die Rehabilitation. Als vollwertiger Stativ-Hilfspolizist habe ich in meinen Workshops mehr als einen Stativverbrecher gestoppt. Natürlich immer nur im Spass – einige Teilnehmer bereuen sofort, andere lachen mich aus und wedeln mich beiseite. Und während ich ganz ehrlich (ich schwör’s) nicht beleidigt bin, wenn sich jemand entscheidet, das Stativ im Rucksack zu lassen, halte ich es für extrem wichtig, dass er versteht, worauf er verzichtet.

Die folgenden Aussagen richten sich nicht an die vielen Menschen, für die Landschafts- und Naturfotografie lediglich die Ergänzung zu wunderbaren Stunden im Freien und die Möglichkeit sind, Erinnerungen mitzunehmen. Wenn das Stativ dir nur im Weg ist und das Vergnügen mindert, lass es um Himmels Willen zu Hause.

Wenn aber deine Begeisterung für die Fotografie getrieben ist vom Streben nach dem absolut besten Bild oder du sogar daran denkst, mit der Fotografie Geld zu verdienen, dann gibt es keinen einzigen Ausrüstungsgegenstand, der deine Bilder dramatischer verbessern wird als das Stativ.

In diesen Zeiten der Bildstabilisatioren und der immer besseren Sensortechnologie können befriedigende Resultate leicht aus der Hand erzielt werden.

Aber die meisten Fotografen möchten ihre Bilder gross ausdrucken, je grösser, desto besser – aber grosse Drucke decken gnadenlos auch kleine Unfeinheiten und Fehler auf. Egal wie still jemand stehen und wie kräftig er zupacken kann – keine Fotografie aus der Hand wird je schärfer sein als wenn sie vom Stativ gemacht wurde.

Stabilitätsprobleme nehmen ausserdem in jenen Verhältnissen im Quadrat zu, die sich Landschaftsfotografen herbeisehnen: Sonnenauf- und Untergang, stürmisches Wetter etc. Im schwierigen Licht scharfe Bilder aus der Hand zu schiessen heisst auf jeden Fall, auf qualitätsmindernde Kompromisse wie höhere Empfindlichkeit und eine grössere als die ideale Blende zurückzugreifen.

Das Stativ vereinfacht Entscheidungen

Die Nachteile solcher Kompromisse sind vielleicht in kleineren Drucken oder einer Flickr-Galerie mit 72dpi nicht zu sehen. Aber stell dir vor, dein Schwiegervater bestellt einen 70*50cm-Druck des Stolzes aus Deinem Portfolio – einem Sonnenaufgang am Grand Canyon, den Du aus der Hand bei 400 ISO geschossen hast – für den Empfangsbereich seiner Anwaltskanzlei (was ein wirklicher Treffer wäre, nachdem Deine Ersparnisse bei der Investition in eine peruanischer Lama-Wollfarm draufgegangen sind).

Was sagst Du ihm, wenn er nach der Lieferung eine “weniger breiige Version” ohne “die Schlieren in den Schatten” verlangt? Eben.

Ein Stativ bietet eine felsenfeste Basis, welche das Fundament für Fotografien ohne die Kompromisse von ISO- und Blendenmanipulationen bildet. Ein Stativ vereinfacht Deine Entscheidungen im Feld, weil Du Dich nicht mehr zwischen einem Bild mit weniger Schärfentiefe und einem mit Rauschen entscheiden musst.

Ich habe keine Probleme damit, die ISO zu steigern, wenn es in der Szene Bewegung gibt (Wasser oder bewegte Blätter) oder die Blende zu öffnen, um Schärfentiefe zu reduzieren – aber weshalb sollte ich auch nur ein Mü von Bildqualität opfern, wenn ich diese Kompromisse dank Stativ nicht eingehen muss? Als Profi weiss ich nie, wie gross meine Bilder gedruckt werden sollen, also kann ich es mir nicht leisten, die Qualität auch nur im Ansatz zu gefährden. Davon bringt mich auch die Tatsache nicht ab, dass in neueren Kameras ISO 400 fast so gut ist wie 100 oder Blende 8 fast so scharf wie f16.

Die ideale Blende

Es gibt eine ideale Blende für jede einzelne Aufnahme. Im Ernst. Für viele Fotografinnen und Fotografen wird das Verständnis für die beste Blende zur sprichwörtlichen Lichtlein, das aufgeht und ihnen irgendwann den Wert des Stativs klar macht.

Wir wissen alle, dass Schärfentiefe durch die Blende beeinflusst wird. Und weil die Wahl der Blende der Schlüssel zur Abbildung der dreidimensionalen Welt in zweidimensionalen Bildern ist, konzentrieren sich die besten Landschaftsfotografen auf die Blendeneinstellung, um die Tiefe zu regulieren (die fehlende Dimension) und kümmern sich nicht um die Verschlusszeit (die mit Bewegung zu tun hat).

Das Bestimmen der idealen Blende ist ein Kernstück des kreativen Prozesses. Es ist ein schwieriges Unterfangen, das auf der Schärfentiefe basiert, welche die Komposition verlangt, und dem Wissen darum, bei welcher Blende das benutzte Objektiv am schärfsten ist.

Die Fähigkeit, Raumwirkung durch bewusste Vorder- und Hintergrundbildung zu erzielen, trennt die guten Landschaftsfotorafen von allen anderen. Manche Komposition verlangt nach durchgehender Schärfe. Andere brauchen eine Minimale Schärfentiefe. Und manche irgendwas dazwischen. Wichtig ist, dass eine gute Fotografin weiss, dass es für jede dieser Notwendigkeiten genau eine Blende gibt.

Aber selbst wenn die ganze Szene in der Unendlichkeit liegt (wo kein Vordergrund vorhanden ist, spielt die Schärfentiefe auch keine Rolle mehr), gibt es noch immer nur die eine richtige Blendeneinstellung – denn jedes Objektiv und namentlich Zooms hat eine Blende, mit der es die schärsten Ergebnisse liefert – bei manchen Objektiven mit geringen Unterschieen, bei anderen aber mit beträchtlichen.

Anders gesagt: Wenn die Schärfentiefe keine Rolle mehr spielt wähle ich dennoch bewusst eine Blende – die mit der besten Schärfenleistung. Es gibt Fotografen, welche jedes individuelle Objektiv intensiven Tests unterziehen, um diesen “Sweet Spot” zu finden, andere vertrauen darauf, dass es sich in der Regel um eine der mittleren Blenden des Objektivs handelt, etwa bei f/8-11, und nutzen ausschliesslich diese Blende, solange die Komposition nichts anderes verlangt.

Zusammengefasst lässt sich in einer Komposition ohne Bewegung mit einem Stativ zu hundert Prozent jene Blende wählen, welche die richtige Schärfentiefe liefert – wenn das keine Rolle spielt, kann man dank Stativ die Blende mit der grössten Schärfe wählen.

Noch nicht überzeugt? Eine Sammlung weiterer Argumente findet sich in Teil zwei des Stativ-Argumentariums.

Englischer Originaltext in Gary Harts Bog

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3 Kommentare

  1. Sam
    schrieb am 17. Februar 2011 um 20:12 Uhr (#)

    Und unbedingt dran denken, IS/VR/AS oder wie auch immer die Schüttelausgleichfunktion heißt, abzustellen und stattdessen die Spiegelvorauslösung zu aktivieren.

    Mir hat VR nämlich schon einige Aufnahmen zersemmelt, die eigentlich völlig unproblematisch gewesen wären.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
      schrieb am 17. Februar 2011 um 22:03 Uhr (#)

      Lol, ich glaube, daran denkt Gary noch nicht mal, weil er sich nicht bewusst ist, dass er VR-Objektive besitzt und wenn, die Funktion sicher nicht nutzt…

  2. Sam
    schrieb am 18. Februar 2011 um 08:34 Uhr (#)

    Glaub mir, wenn Du auf die Schärfe Deiner Bilder achtest, wirst Du früher oder später merken, wenn Du VR aktiviert hast, einfach weil völlig unkritische Bilder unerklärlich unscharf (genauer gesagt verwackelt) sind :(

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