Dokumentation:
Der Vordergrund fehlt

Auch bei einem dokumentarischen Foto macht der Vordergrund das Bild spannender.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jürgen Beckmann).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jürgen Beckmann).

Kommentar des Fotografen:

Abbruch des grossen Ausflugsrestaurants auf dem Drachenfels bei Bonn. Da ich wusste, das die Arbeiten gerade im Gang waren und ich ein paar Tage frei hatte, bin ich mal hingefahren, um ein paar Bilder zu machen. Das Wetter war nicht wirklich gut, aber dafür gab es ein paar tief hängende Wolken und eine schöne Lufttperspektive im Hintergrund. Es sollte natürlich nicht nur ein dokumentarisches Bild werden sondern auch ein interessantes Bild mit klarem Aufbau. Die Frage ist, ob das so gelungen ist.

Profi Jan Zappner meint zum Bild von Jürgen Beckmann:

Ein Gebäude auf einem Felsen wird abgerissen, im Hintergrund schimmert ein Fluss. Das Bild vermittelt eine ruhige Atmosphäre. Vor allem aufgrund der monotonen Farbgebung – aber auch weil im Bild nichts passiert:

Der Aufbau ist zwar klar gegliedert – es fehlt jedoch das wichtigste Element, um Spannung aufzubauen und ein Dreidimensionalität zu vermitteln: Der Vordergrund.

Mit Vordergrund meine ich etwas oder jemanden im Bild, das oder den der Betrachter greifen könnte. Damit wird der Eindruck vermittelt, mitten im Bild zu stehen, also Teil der Szenerie zu sein. Dieses Gefühl “dabei zu sein” fehlt hier im Bild jedoch.

Die Informationen zum Geschehen werden alle vermittelt. Ein Gebäude wird abgerissen, überall liegt Schutt, Baumaschinen stehen herum, ein Mann lehnt am Geländer über dem Fluss, der sich unterhalb des Berges spiegelt. Und doch wirkt das Bild aufgrund des fehlenden Vordergrunds flach.

Wie hätte man hier einen Vordergrund integrieren oder die Ebenen zusammenführen können? Am einfachsten ist es, Ebenen zu komprimieren und so einen Vordergrund zu schaffen. Das geht am besten mit einer grossen Brennweite (Tele), einem 200 mm zum Beispiel. Dadurch hätte man die Bildaussage komprimiert, indem der Schutt, die Baumaschine, der Mann und der Fluss enger aneinander gerückt worden wären. Dadurch wird die Konzentration auf wenige Elemente im Bild gelenkt und die Aussage klarer.

Die zweite Option, mit dem Weitwinkel, ist ein wenig aufwändiger. Man hätte auf das Gelände laufen müssen und sich direkt vor die Baumaschine stellen, oder den Mann in die Mitte des Bauschutts holen müssen oder, wenn man nicht auf das Gelände kann oder darf, einen Bauzaun als Vordergrund nehmen und durch das Gitter fotografieren können. Man könnte auch einen anderen Beobachter der Szene in der Vordergrund rücken.

Auf jeden Fall sollte am Ende der Eindruck im Foto verbleiben, dem Vordergrund zum Greifen nahe zu sein. Ob scharf oder unscharf, ist eine Gestaltungsfrage.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Ich würde es sogar noch abstrakter formulieren:
    Es fehlt jegliche Art der Blickführung.
    Das Bild wirkt wie aus der Leuchtturmperspektive schlichtweg drauf gehalten. Da nutzt dann auch keine Nex3 mit großem Display.

    Alternativ hätte man gut ein Detail der Szene aufgreifen können, wie schon erwähnt, z.B. den Bagger. Da das Bild an den Seiten jedoch ungünstig beschnitten ist, wirkt der Bagger einfach nur wie zufällig im Bild.

  2. Hallo Jan ,
    erstmal vielen Dank für die Auswahl und Besprechung des Bildes.
    Dein erster Hinweis auf die Verwendung einer längeren Brennweite ist auf jeden Fall berechtigt. Dann wäre auch der Hintergrund mit dem Rhein und den Hügeln am Rand noch stärker ins Gewicht gefallen und hätte einen stärkeren Bezug zur Baustelle gehabt. Genau das war mir bei diesem Bild auch am wichtigsten, das der Bezug zu dem Ort (auf dem Drachenfels) auch im Bild klar ersichtlich ist. Und das auch noch möglichst viele charakteristische Elemente vom Rest des Gebäudes sichtbar bleiben.
    Allein, wie so oft, war das der einzige Standpunkt, von dem aus diese Sicht über das Gelände und den Rhein im Hintergrund möglich war. Von daher blieb nur das Weitwinkel über.

    Bei Deinem zweiten Hinweis denke ich, hast Du evtl. ein anderes Bild im Hinterkopf, bei dem mehr Nähe und ‘Action’ des eigentlichen Abbruches im Vordergrund steht. Das wäre dann aber nur mit einem tieferen Standpunkt und dadurch mit Verlust des Hintergrundes möglich gewesen. Als Teil einer kleinen Serie gehörten solche Bilder aber auf jeden Fall dazu. Ein paar Bilder in dieser Art hatte ich auch gemacht, auch mit dem Bauzaun im Bild, sie gefielen mir aber von der Komposition dann nicht so gut (Was dann natürlich an mir lag ;-). Bei einigen Aufnahmen mit der gleichen Ansicht wie oben kam von rechts noch ein Baggerarm mit einer grossen Hydraulikschere ins Bild und legte rechts unten ein paar Schrottteile ab. Das fand ich erst interessant, aber es brachte die Komposition ins Ungleichgewicht. Dann hätte links auch im Vordergrund noch etwas passieren müssen um es auszugleichen.
    Bis dort ein neues Restaurant steht werde ich wohl noch ein paar mal hinfahren. Werde dann mal versuchen ob ich Deinen Vorschlag mit der Nähe und dem Vordergrund und dem eindeutigen Bezug zur Umgebung unter einen Hut bekomme.
    Viele Grüsse
    Jürgen

  3. Mir gefällt die Ruhe im Bild ganz besonders. Es ist ja nicht Teil einer Serie über einen Abriss, dann wäre hier der einzig passende Titel: Arbeitspause. Aber im Gegensatz zum Kritiker gibt mir der Hintergrund Rätsel auf. Er hat meines Erachtens mit der Baustelle gar nichts zu tun, die Inselformen auch nicht, auch eine zum Vordergrund passende Perspektive ergibt er nicht, zudem hat er eine völlig andere Textur als der fein gezeichnete Vordergrund. Aber daneben ist das ein Bild, das ich mir wirklich sehr gerne anschaue. Also muss auch bei der Komposition (für mich) hier einiges richtig gemacht worden sein. Du kriegst vom mir ein “Ja” (Zitat Bohlen).

    • Hallo CorinneZS, schön das Dir das Bild gefällt.
      Vielleicht ein Hinweis zur unterschiedlichen Textur im Vorder- und Hintergrund: Ich hatte den Detail-Kontrast in CaptureOne angehoben um in dem Schuttberg rechts mehr Details sichtbar zu machen und das Bild dadurch beim näheren Ansehen interessanter zu machen. (Hatte kurz davor auch das Buch von George Barr gelesen, der ja auch immer viel Wert auf die Texturen legt). Die Einstellung wurde in C1 fürs ganze Bild gemacht, hatte sich aber fast nur in dem Schuttberg ausgewirkt, da der Hintergrund durch den Dunst von Haus aus zu wenig Kontrast bot.

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