Aktfoto:
Nackt unter Helmen

Auch Aktfotos brauchen eine Geschichte. Das einfache Aufstellen einer Person vor einem beliebigen Hintergrund ergibt nicht automatisch einen logischen Zusammenhang.

Kommentar des Fotografen:

Das Bild entstand bei einem Shooting im Stahlwerk Brandenburg. Mir gefällt das weiche natürliche Seitenlicht, das den Körper der Frau sanft konturiert und die Verbindung mit der Helmgalerie, die erzählerische Assoziationen unterstützt. Ich bin auf Eure Meinung gespannt.

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Bodo Viebahn:

Eine nackte Frau ist kein fotografischer Selbstzweck. Ich kann als Mann verstehen, warum das Genre “Aktfotografie” zu den beliebtesten in der Fotografie gehört. Es ist unbestritten, dass es abgesehen von den technischen Herausforderungen eine lustvollere Arbeitsatmosphäre bietet als – sagen wir – die Fotografie von Industrieanlagen, wie sie das Ehepaar Becher betrieb.

Viele Männer scheinen jedoch in Anbetracht eines nackten Frauenkörpers grundlegende Aspekte der Fotografie auszublenden. Selbst wenn das Licht und die Komposition – wie hier – durchaus “der Norm entsprechen”, fehlt bei Amateuren, die sich an Aktaufnahmen versuchen, oft die Sinnlichkeit im Bild:

Drei Dinge stören mich an dieser Aufnahme. Fangen wir mit der Kleinigkeit an. Das Netzoberteil des Aktmodells ist an mehreren Stellen löchrig. Warum? Trägt das zur Bildaussage bei? Dazu mehr im dritten Punkt.

Der zweite Punkt ist schon keine Kleinigkeit mehr, sondern der schmale Grat, auf dem sich entscheidet, ob ein Foto gelungen ist oder ins Platte kippt. Die Haltung und – noch wichtiger – der Gesichtsausdruck der abgebildeten Frau sind nichtssagend und klischeehaft. Die Frau greift mit ihren Armen in die Haare, betont damit zwar ihren Busen, aber lässt in ihrem Gesicht deutlich lesen, dass sie unmotiviert bei der Sache ist. Die leicht angespannte Kinn- und Wangenpartie ist auf dem Foto deutlich zu erkennen. Der Gesichtsausdruck ist weder frivol, lasziv, sinnlich, sexy, betörend, verführerisch, naiv, unschuldig oder herausfordernd, sondern einfach… verkrampft.

Weil man der Frau ansieht, dass sie sich in diesem Moment, an diesem Ort, nicht erotisch fühlt, überträgt sich das auf den Betrachter, der das Foto nicht als gelungenes Aktfoto sehen kann. Ich habe das anhand einer anderen Deiner Aktfotografien bereits kritisiert – und es gilt leider auch hier.

Der Ort ist mein dritter Kritikpunkt. Verfallene Technik und Industriedetails sind zwar bei einer gewissen Fotoschule (*hüstel* George Barr *hüstel*) sehr beliebt, aber im Kern meist langweilig. Die aufgereihten Schutzhelme im Hintergrund hätten alleine – streng symmetrisch von vorne fotografiert – wahrscheinlich ein spannenderes Foto ergeben als leicht perspektivisch verzerrt hier als Hintergrund-Deko.

Alles in allem ist für mich absolut unklar, welche erzählerische Assoziation Du denn andeuten willst.

Ich bitte um Verzeihung, aber die Kombination der Helme mit dem löchrigen Oberteil lässt mich höchstens an eine Orgie denken. Nicht jede Kombination von Vorder- und Hintergrund ergibt ein sinnvolles Foto.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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7 Kommentare

  1. Jan
    schrieb am 2. März 2011 um 18:08 Uhr (#)

    Ein sehr guter Kommentar.

  2. Bodo Viebahn
    schrieb am 2. März 2011 um 21:33 Uhr (#)

    Erst mal Danke für die Kritik, auch wenn sie harsch ausgefallen ist. Ich möchte ein paar Bemerkungen dazu machen. Zu Deiner Frage nach meiner erzählerischen Assoziation: Das Modell war eine selbstbewußte junge Frau und die Arbeitsatmosphäre war locker und humorvoll. Die Assoziation in dieser Szene war die Kombination von Lust und Qual der Wahl zwischen all den Männer, die sie begehren.
    Wichtig an Deiner Kritik ist für mich, dass das, was ich dort vor Ort wahrgenommen habe und mit dem Bild verbinde, offensichtlich nicht transportiert wird. Für mich heißt das, noch aufmerksamer hinzusehen und gezielter Einfluß auf Mimik und Gestik zu nehmen.
    Das Outfit passte für mich zum Stil des Modells und zur Ruppigkeit des Umfeld. Das ist natürlich auch Geschmackssache. Mich reizt es nach wie vor, Aktfotografie auch in einem eher rauhen Umfeld zu machen. Mir ist bewußt, dass ich da noch Vieles verbessern kann.

  3. Bodo
    schrieb am 5. März 2011 um 15:51 Uhr (#)

    Hi Robert,
    ich habe mich noch einmal genauer mit Deinem Kommentar beschäftigt. Als ich den Link zu einer früheren Kritik von Dir angeklickt habe, bin ich bei der Bildkritik von Douglas Abuelo gelandet. Was ist da schief gegangen?
    Ich bin natürlich auch auf Deine Fotografien neugierig geworden. Als ich auf Deiner Portfolio-Seit auf “Mix / Frauen / etc….” geklickt habe, wurden keine Fotos angezeigt. Das war auch bei dem zweiten Versuch nach zwei Tagen noch so. An meinem Bowser kann es nicht liegen und der aktuellen Flash-Player ist auch installiert. Wäre vielleicht gut, wenn Du das überprüfst, da es für Dich als Stock-Fotograf sicherlich wichtig ist, dass Deine Site problemlos funktioniert. Ich werde dann später noch einmal nachschauen.
    MfG Bodo

  4. R. Kneschke
    schrieb am 5. März 2011 um 17:13 Uhr (#)

    Hallo Bodo,

    der Link in meinem Text soll auch zur Bildkritik von Douglas führen. Darauf bezog ich mich, weil er ähnliche Punkte zu bemängeln hatte.

    Danke auch für den Hinweis zur meiner Portfolio-Seite. Die betreffenden Links sollten jetzt wieder funktionieren, da hatte sich ein Fehler im Quellcode eingeschlichen.

    1. Uwe S.
      schrieb am 5. März 2011 um 18:40 Uhr (#)

      Dann dürften noch auf der Profilseite die bewussten Häkchen für die Vollansicht der Fotos fehlen.

  5. Zeno Bresson
    schrieb am 13. Mai 2011 um 20:59 Uhr (#)

    Also ich kann mit der Location auch nicht so viel anfangen. Für so eine “schmutzige” Location ist mir das Model zu “sauber” …

  6. Andreas Jell
    schrieb am 31. Januar 2012 um 19:26 Uhr (#)

    Leider gilt das in der Kritik gesagte für 99% aller Aktbilder; und auch in den Schaufenstern fast aller Fotoläden findet sich derart belangloses Zeug.

    Auch die ganzen angebotenen Seminare verbessern die Situation kaum. Ich kann hier höchstens die VHS-Seminare von Michael Gnade empfehlen; da macht man recht stimmungsvolle Akte in einem regelrechten Künstler-Atelier.

    Viele Grüße
    Andreas

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