Trend-Ikone:
David der jüngere

Das Studioporträt eines Jünglings mahnt nicht nur durch den entblössten Oberkörper an die Renaissance – es ist mehr eine Zeit- und Trendikone als ein individuelles Porträt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jens Richter).

Kommentar des Fotografen:

Portrait eines jungen Menschen, der zum ersten Mal vor der Kamera stand. Zum Ausdruck bringen wollte ich seinen tollen Körper und eines seiner Hobbies, Musikhören.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Jens Richter:

Ein Blonder Jüngling mit nacktem Oberkörper wiegt sich, die Hände der abgewinkelten Arme an grosse Kopfhörerschalen an den Ohren gelegt, vor einem dunklen Hintergrund. Der Junge Mann blickt, offenbar in die Musik versunken, abwesend rechts an der Kamera vorbei.

Es ist schon fast eine Ikone der Zeit, was Du hier fotografiert hast:

Der nahezu makellose Körper eines jungen Mannes, der sich in narzisstisch-cooler Selbstdarstellung mit den Insignen der Generation „Me“ (Affiliate-Link) (Markenunterhose) präsentiert und sich zugleich durch dicke Kopfhörermuscheln von der Umwelt abschottet – ganz auf sich und das Konsumgut Musik konzentriert.

Ein starkes und ein sehr kühles Bild. Es wirkt durch verschiedene Stilmittel wie die Kreuzung einer Renaissance-Statue zur griechischen Mythologie mit den Konsum- und Status-Trends der aktuellen Generation.

An die Bildhauerei gemahnt die Aufnahme unter anderem durch die Beleuchtung von oben rechts (unterstützt von links, wie ich annehme), die durch leichten Schattenwurf die Formen des Körpers betont und ihn muskulöser erscheinen lässt, als er ist – und durch die leicht niedrigere Perspektive von unten links, welche den Mann überhöht. Gleichzeitig tendiert das Licht ins Blaue und verändert dadurch den Hautton in die Kühle von weissem Marmor. Mir sind sofort der unausweichliche David von Michelangelo und die ursprünglich griechische Laokoon-Gruppe eingefallen.

Die Haltung des Modells trennt nicht nur die Arme vom Oberkörper und lässt die richtigen Muskeln hervortreten – sie bildet zudem eine sehr schöne Diagonale von oben links, die den aufragenden Körper ergänzt. Sie ist elegant und glaubwürdig zugleich – der Mann könnte sich zu verträumter Musik wiegen (oder, um eine weitere Unterstellung zu platzieren, selbstverliebt im Spiegel bewundern).

Beleuchtung und Pose sorgen zusammen mit dem dunklen, leeren Hintergrund für eine stark plastische Wirkung, wobei Perfektionisten vielleicht den dunklen Schatten auf dem rechten Oberarm und die kleine Schattengrube am Hals bemängeln würden.

Doch das sind Details in einer sehr professionellen Studioaufnahme. Die hat – und das kann man positiv wie negativ werten – weniger den Charakter eines Personenporträts als den einer Zeitgeist- oder eben Werbeaufnahme. Während im Personenporträt das Wesen der abgebildeten Person erfasst, ihre Stimmung, ihr Charakter und ihre kleinen Imperfektionen ausgedrückt werden, sollen die perfekten Menschen in der Werbung oder ein einem Konzeptbild zum Zeitgeist nicht durch individuelle Merkmale von den eigentlichen Subjekten des Motivs ablenken.

In dieser Aufnahme sehen wir den Körper des jungen Mannes als ästhetisches Objekt, aber wir erfahren nichts über ihn als Person – keine Narbe, kein Körperschmuck, kein Ausdruck in den Augen. Die einzigen Elemente, die eine Deutung zulassen, sind die Unterhose und der Kopfhörer, merkmale einer Zeit und eines Trends, nicht einer Person – sie sind uniform. Eine Bildersuche bei Google nach der Kleidermarke fördert denn auch eine Vielzahl sehr ähnlicher Aufnahmen zu Tage. Das heisst nicht, dass dies ein schlechtes Bild ist, eher im Gegenteil. Aber als Personenporträt würde ich es nicht bezeichnen.

Unbegreiflich finde ich, an deiner so professionellen Umsetzung gemessen, die abgeschnittenen Arme. An Laokoon und David hat der Zahn der Zeit genagt – den Bildhauern wäre es nicht eingefallen, ihre Darstellung der Ästhetik des menschlichen Körpers zu brechen. In dieser Aufnahme wird der elegante Schwung des leicht gebogenen Körpers und des Trapez‘ der Arme durch die Bildkanten aprubt im Rhythmus gestört.

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2 Antworten
  1. Jens Richter says:

    Sehr geehrter Peter Sennhauser,

    Vielen Dank für die Mühe, sich mit meinem Bild auseinander zu setzen. Es ist wie Sie richtig sagen, ein Zeitdokument, geprägt von der Werbung, die uns täglich umgibt. Den Aspekt zur griechischen Mythologie hatte ich selbst so noch nicht erkannt. Aber er paßt !!
    Zu den „angeschnittenen“ Armen möchte ich anmerken, dass zum Einen viele Skulpturen der Griechen „abgeschlagene“ Arme haben ;-), aber im eigentlichen Sinn, von mir der Schnitt bewußt gewählt wurde, um etwas mehr Spannung ins Bild zu bekommen.

    Hochachtungsvoll

    Jens Richter

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] mit der extremen Perspektive gefangen und wird sicher noch in den Genuss einer Kritik kommen, und Jens Richters Jüngling habe ich eben erst am Freitag als Anlehnung an griechisch inspirierte Statuen der Renaissance […]

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