Winterlandschaft:
Alles kann Vordergrund sein

Wenn im Bild der Eindruck von Tiefe entsteht, hat der Fotograf seine Arbeit gut gemacht. Und wenn kein offensichtlicher Vordergrund zur Verfügung steht, macht man etwas dazu.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Gerd Dörfler).

Kommentar des Fotografen:

Entstand während einer kleinen Tour in den letzen Wintertagen. Ich wollte den kalten Winter im Kontrast zur wärmenden Sonne darstellen.

Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Gerd Dörfler:

Eine Gruppe von drei Buchen zeigt diese Farbfotografie, aufgereiht gegen das Abend- oder Morgenlicht auf einem verschneiten Acker. Die Bäume liegen im horizontalen goldenen Schnitt ziemlich genau auf der vertikalen Bildmitte. Den Vordergrund machen Ackerfurchen unter der dünnen Schneedecke.

Du hast uns eine ganze Reihe von Aufnahmen dieser ausserordentlich schönen Baumgruppe (die ich für Buchen halte, man möge mich korrigieren) zukommen lassen. Mir persönlich gefällt diese am besten: Das Bild hat viel Tiefe, was angesichts der geringen Schichtungsmöglichkeiten dieser flachen Landschaft bemerkenswert ist.

Die Entscheidung, die Bäume als Motiv in den Mittelgrund zu nehmen, scheint hier unorthodox (weil die meisten Menschen sie zum absoluten und einzigen Motiv machen würden) und interessant, verlangt aber einen Vordergrund, den Du Dir sozusagen zurechtgelegt hast.

Anfänger würden hier wohl nicht auf die Idee kommen, den Boden vor ihrer Nase zum Vordergrund zu machen. Gerade mit dem Superweitwinkel, wie Du es hier benutzt hast, ist das aber eine gängige und lohnende Methode. Sie hat einen ähnlichen Blickfang-Effekt wie Teleaufnahmen, ist aber weniger aufdringlich: In der Telefotografie werden Bildebenen zusammengezogen und meistens die Schärfentiefe auf einen Teil der sichtbaren Distanz beschränkt. Bei der Weitwinkelfotografie werden die Objekte auseinander gezogen, bleiben aber auf extremsten Tiefenebenen scharf. Das weckt unser Interesse, weil unser Auge weder wie eine Tele noch wie ein Weitwinkel sieht.

Mit den Superweitwinkeln kann man meist auf ein paar Dezimeter an den Vordergrund heran gehen und einen Maulwurfshügel direkt vor der Linse so scharf abbilden wie das Matterhorn dahinter. In diesem Fall liegt der Vordergrund nicht ganz so nah am Objektiv, wie es auf den ersten Blick aussehen mag. Die Exif-Daten behaupten, Du hättest auf 2 Meter fokussiert. Bei Blende 11 ist das eine gute Wahl. Die Hyperfokale Distanz liegt allerdings bei rund 47 Zentimetern.

Die Linienführung im Bild besteht aus einer ganzen Reihe perspektivisch in Trichterform nach rechts verlaufender Vektoren, von den Ackerfurchen über den Horizont zu den leichten Schleierwolken am Himmel. Das funktioniert gut.

Ich gehe davon aus, dass Du mit einem Verlaufsfilter unterwegs warst und den Himmel um die nötigen schätzungsweise zwei Blenden abgedunkelt hast. Allerdings fine ich dabei eine Belichtungszeit von 49 Sekunden immer noch erstaunlich lang.

Hinter der vorderen Horizontlinie ist die Landschaft in der Ferne erkennbar, die vielleicht mit einem weiter erhöhten Standort noch ein bisschen stärker ausgeprägt ins Bild hätte einbezogen werden können. Da Du ohnehin auf Stativ fotografiert hast, wäre das ja vielleicht noch möglich gewesen.

Ausserdem finde ich, eine horizontal etwas weniger gemittete Bildaufteilung hätte der Spannung gut getan – ein wenig mehr Himmel oder etwas mehr Boden. Aber das ist eine Spitzfindigkeit.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Antworten
  1. Jens Richter says:

    Hallo Gerd,

    mirpersönlich hätte auch eine Verschiebung des Horizonts nach unten besser gefallen, aber das ist Geschmackssache. Ansonsten findeich das Bild sehr stimmig.

    Beste Grüße

    Jens Richter

    Antworten

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